Der deutsche Torwart Hans Tilkowski blickt dem Ball nach, der an die Latte gegangen war und dann auf der Linie aufsprang. Diese Aktion ging als  „Wembley-Tor“ in die Geschichte ein. Ganz links sieht man Abwehrspieler Wolfgang Weber, der den Ball Sekunden später ins Aus köpfte. Foto: dpa
Der deutsche Torwart Hans Tilkowski blickt dem Ball nach, der an die Latte gegangen war und dann auf der Linie aufsprang. Diese Aktion ging als „Wembley-Tor“ in die Geschichte ein. Ganz links sieht man Abwehrspieler Wolfgang Weber, der den Ball Sekunden später ins Aus köpfte. Foto: dpa

"Der Ball war nicht drin"

50 Jahre „Wembley-Tor“

Vor 50 Jahren, am 30. Juli 1966, rückte der Kölner Fußballspieler Wolfgang Weber in den Fokus der Weltöffentlichkeit. Mit seinem Treffer kurz vor Schluss der regulären Spielzeit beim Weltmeisterschafts-Finale gegen England in London schoss er die deutsche Elf in die Verlängerung. Dass das Finale letztlich mit 2:4 verloren wurde, lag unter anderem am berühmten „Wembley-Tor“ zum zwischenzeitlichen 3:2 für die Engländer. SONNTAG-Redakteur Wolfgang Weber traf seinen berühmten Namensvetter im Geißbockheim, dem Clubhaus des 1. FC Köln.

Herr Weber, zuerst muss ich Ihnen sagen, dass ich exakt am Tag des WM-Endspiels 1966 Fußballfan wurde, weil Sie damals in der letzten Minute den Ausgleich geschossen haben. Bis heute werde ich – wenn ich mich irgendwo vorstelle – auf meinen berühmten Namensvetter angesprochen.
Wolfgang Weber: Das freut mich. Und es freut mich, dass ich endlich auch mal einen Wolfgang Weber kennenlerne. Ich kenne viele Webers und viele Wolfgangs, aber bislang traf ich noch keinen Wolfgang Weber.
Kommen wir gleich zur Frage aller Fragen. Beim berühmtem „Wembley-Tor“ standen Sie direkt daneben. War der Ball drin oder war es kein Tor?
Wolfgang Weber: Es war natürlich kein Tor. Ich war schon damals felsenfest davon überzeugt, dass er nie und nimmer drin war. Die Engländer haben aber sofort die Hände hochgerissen, ich glaube, das war letztlich der Grund, warum das Tor gegeben wurde. Nach dem Schuss habe ich weitergespielt, denn da war ja nichts! Der Ball ging an die Latte, tickte auf der Linie auf, aber der englische Stürmer Roger Hunt hat aufgehört zu spielen und Bobby Charlton wollte die Hände hochreißen. Die hab ich ihm aber gleich wieder runtergerissen. Ich schrie ihn an: „No goal, no goal!“
Der Schweizer Schiedsrichter Gottfried Dienst lief dann zum Linienrichter Tofik Bachramow und der sagte, der Ball sei im Tor gewesen.
Wolfgang Weber: Dem Schiedsrichter mache ich ja am wenigsten einen Vorwurf, der konnte das ja nicht sehen, da wo er stand, genauso wenig sehen konnte es aber der Herr Bachramow. Einige von uns jüngeren Spielern haben dann protestiert und versuchten, die Entscheidung des Linienrichters zu revidieren. Ich weiß nicht, was in dem Herrn Bachramow vorging. Er soll sogar gesagt haben, er hätte ins Gesicht unseres Torhüters Hans Tilkowski geschaut und der hätte so traurig geguckt. Und er soll auch gesagt haben, er hätte den Ball im Netz zappeln sehen, das war ja nun wirklich nicht der Fall. Trotz allem aber wurde ihm vor dem Parlament in Baku in Aserbaidschan ein Denkmal gesetzt, weil er im Endspiel dabei war.
Nach dem Finale in Deutschland sind Sie trotzdem wie die Weltmeister empfangen worden.
Wolfgang Weber: Ja, Tausende bereiteten uns auf dem Römer in Frankfurt einen tollen Empfang, das werde ich nie vergessen. Und ich glaube, dass wir als Mannschaft Deutschland sehr positiv vertreten haben, auch die Art und Weise, wie wir dann mit der Fehlentscheidung umgegangen sind. Der Uwe Seeler, unser Kapitän, kam direkt nach dem 3:2 zu uns jungen Burschen und sagte: „Lasst uns weiterspielen.“
Haben Sie sich das Finale danach noch einmal angeschaut?
Wolfgang Weber: Ja, einmal. Es war ein total verteiltes Spiel, nach den heutigen Maßstäben mit Ballbesitz usw. meine ich, die Engländer wären leicht vorne gewesen, aber ich glaube auch, wir waren in den Ecken vorne. Es war also eine ziemlich ausgeglichene Partie. Letztlich ist England nicht unverdient Weltmeister geworden und sie haben sich das auf jeden Fall hart erarbeitet. Aber wir haben es ihnen in ihrem Heiligtum sehr schwer gemacht und konnten stolz auf unsere Leistung sein.
Waren Sie danach noch einmal im Wembleystadion?
Wolfgang Weber: Ja, sogar mehrmals. 1996 bin ich bei der Europameisterschaft mit zwei Freunden per Wohnmobil durch England gefahren und habe mir alle deutschen Spiele angeschaut, natürlich auch das Finale gegen die Tschechoslowakei. Ich habe mich sehr für die Mannschaft und für meinen Freund Berti Vogts gefreut, dass sie diesmal das Wembleystadion als Sieger verlassen konnten. Und 2006, vor der WM in Deutschland, sind wir dann alle noch einmal nach London geflogen und trafen uns mit fast allen Spielern von damals. Nur Geoff Hurst, der dreifache Torschütze des Endspiels von 66, der war nicht gekommen. Der hat ja immer steif und fest behauptet, dass der Ball in jedem Fall drin war. Dabei hat inzwischen sogar die Universität von Oxford bewiesen, dass der Ball nie und nimmer mit seinem ganzen Durchmesser hinter der Linie war. Wussten Sie übrigens, dass es im alten Wembleystadion nach dem Finale von 1966 unterhalb der Haupttribüne zwei besondere Eingänge gab? Über einem stand „Yes“ und über dem anderen „No“.
Und durch welchen sind Sie rein?
Wolfgang Weber: Natürlich durch „No“.
Eigentlich grenzte es fast an ein Wunder, dass Sie 1966 überhaupt spielen konnten. Immerhin hatten Sie sich 1965 einen Wadenbeinbruch zugezogen, und das auch noch in einem bis heute sehr denkwürdigen Spiel.
Wolfgang Weber: Der 1. FC Köln spielte im Viertelfinale des Europapokals der Landesmeister gegen den FC Liverpool. Sowohl das Hin- als auch das Rückspiel endeten torlos, also gab es ein Entscheidungsspiel in Rotterdam. Nach einer halben Stunde lagen wir schon mit 0:2 zurück…
…und Sie waren gar nicht mehr auf dem Platz, sondern wurden in der Kabine behandelt. Damals durfte man ja noch nicht auswechseln. Sie gingen trotz Ihrer Schmerzen wieder aufs Feld mit der Begründung, dann seien wenigstens „zehn Mann und zehn Prozent“ auf dem Feld. Später stellte sich dann heraus, dass Ihr Wadenbein gebrochen war.
Wolfgang Weber: Das stimmt. Aber ein Schienbeinbruch wäre noch schlimmer gewesen. Übrigens hätte ich trotz der schweren Verletzung zweimal noch fast ein Tor gemacht.
Und am Ende entschied ein Münzwurf die Partie.
Wolfgang Weber: Wir hatten noch zum 2:2 ausgleichen können, weitere Tore fielen nicht, obwohl wir aus unserer Sicht noch ein reguläres Tor erzielt hatten. Elfmeterschießen gab es damals noch nicht, also warf der Schiedsrichter eine Münze. In diesem Moment saß ich weit abseits vom Geschehen auf der Mittellinie und sah mir das Schauspiel aus der Ferne an. Aber es war komisch. Nach dem Münzwurf sprang keine der Mannschaften hoch.
Die Münze war im Morast stecken geblieben und musste erneut geworfen werden.
Wolfgang Weber: Ja, und danach jubelten leider die Spieler aus Liverpool.
Sie waren als Abwehrspieler stets hart, aber fair und haben in Ihrer Karriere keine einzige Rote Karte bekommen. Welche Stürmer bereiteten Ihnen die größten Probleme?
Wolfgang Weber: Wenn überhaupt, dann hatte ich gewisse Probleme mit kleinen, wieselflinken Stürmern wie beispielsweise Bernd Rupp. Und der Gerd Müller hat natürlich auch das eine oder andere Tor gegen mich geschossen. Obwohl einige Elfmeter dabei waren!

SONNTAG-Redakteur Wolfgang Weber (links) mit seinem Namensvetter vor dem Kölner Geißbockheim. Foto: ww
SONNTAG-Redakteur Wolfgang Weber (links) mit seinem Namensvetter vor dem Kölner Geißbockheim. Foto: ww