Schulanfänger
Defizite in der Sprachentwicklung sieht das Landratsamt bei mehr als jedem dritten Kind im Ortenaukreis. Die Quote ist seit Jahren unverändert hoch, trotz massiver Fördermaßnahmen. | Foto: Stefan Puchner

Schulanfänger im Ortenaukreis

Stagnation bei den Sprachkenntnissen

Es ist ein erschreckender Befund: Bei mehr als jedem dritten Schulanfänger im Ortenaukreis sieht das Gesundheitsamt im Offenburger Landratsamt „intensiven Förderbedarf“, was die Sprache und das Sprachverständnis angeht. Die Behörde hat 3 450 Kinder untersucht, die 2017 eingeschult werden sollen. „Bei elf Prozent haben wir zusätzlich eine Abklärung der Sprachentwicklung beim Kinder- und Jugendarzt empfohlen“, sagt Evelyn Kraus, stellvertretende Amtsleiterin des Gesundheitsamtes. Die Zahlen sind seit Jahren gleichbleibend hoch, obgleich die Kommunen in den Kindergärten erhebliche Anstrengungen unternehmen, das Sprachverständnis der Kinder zu verbessern. Dass dies nichts fruchtet, könne am wachsenden Konsum elektronischer Medien liegen, vermutet Kraus: „Wir leben in einer zunehmend sprachlosen Gesellschaft“. Die Kommunikation laufe, gerade bei Kinder und Jugendlichen, in wachsendem Maße über Mobiltelefone oder Tablets.

„Leben in sprachloser Gesellschaft“

Für die kindliche Entwicklung sei es sehr wichtig, dass gehörte Informationen richtig erfasst und verarbeitet werden. „Jedes Gespräch, jedes Erzählen fördert die Sprachentwicklung. Kinder profitieren davon, wenn sich die Eltern Zeit nehmen, um mit ihnen Geschichten zu lesen, zu erzählen, Kinderreime zu lernen oder Kinderlieder zu singen“, so die stellvertretende Amtsleiterin laut einer Pressemitteilung des Landratsamts. Gleichzeitig könnten Kinder im Alltag spielerisch gefördert werden, wenn sie sich mehrere Aufträge oder Zahlenreihen merken sollen.
Das allerdings geschieht offenbar in viel zu geringem Maße. Anders kann man sich im Gesundheitsamt nicht erklären, warum die seit Jahren intensiv betriebenen Bemühungen in den Kindergärten (Kraus: „In praktisch jeder Kommune des Kreises“) so wenig fruchten. „Wir überlegen uns, warum sich nichts tut, obwohl in den Kitas so viel angeboten wird“. Die stellvertretende Amtsleiterin sieht einen der Gründe der Stagnation im um ich greifenden Medienkonsum, nimmt aber auch die Eltern in die Pflicht.

Kontakt zu anderen Kindern wichtig

Auffallend sei, dass die Sprachdefizite vor allem bei Kindern aus Familien mit ausländischem Hintergrund besonders hoch seien, also dort, wo Deutsch nicht die Muttersprache ist. Diese auf den ersten Blick vermeintlich plausible und nahe liegende Erkenntnis wirft bei den Fachleuten gleichwohl Fragen auf. Denn dass in einer Familie gewöhnlich eine Fremdsprache gesprochen werde, müsse nicht unbedingt bedeutet, dass das Kind die deutsche Sprache nicht hinreichend lernt. Voraussetzung sei allerdings, dass Kontakt zu deutschsprachigen Kindern besteht, sei es in der Kita oder auf dem Spielplatz. Gerade hier sehe man aber erhebliche Defizite, oftmals werde das Kita-Angebot von Familien mit ausländischem Hintergrund nicht oder nur kurzzeitig angenommen.
Würden Kinder zweisprachig erzogen, sollten die Eltern in der Sprache mit ihren Kindern sprechen, die sie am besten können. Sprechen die Eltern unterschiedliche Sprachen, kann jeder in seiner Muttersprache mit dem Kind reden. Es sollte aber nicht in einem Satz zwischen Sprachen gewechselt werden. Sobald Kinder regelmäßig den Kindergarten besuchen, fördere dies ihren Spracherwerb. Auch der Kontakt mit Gleichaltrigen, beispielsweise im Sportverein, helfe Kindern, schneller die deutsche Sprache zu lernen.

Artikulation oft problematisch

Bei der Basisuntersuchung wird auch die korrekte Aussprache einzelner Worte durch die Schulanfänger überprüft. Knapp zwölf Prozent der Kinder wurden zur Überprüfung ihrer Artikulation zum Kinder-und Jugendarzt verwiesen. „In diesem Zusammenhang kommt den vorgeschriebenen U-Untersuchungen bei Kindern eine wichtige Bedeutung zu“, verdeutlicht Katrin Nagel, Kinder-und Jugendärztin im Gesundheitsamt.