Für saubere Friedhöfe zum Totensonntag sorgten am Samstag junge Straftäter. Sie arbeiteten mit der Putzaktion einen Teil der Sozialstunden ab, die sie von der Staatsanwaltschaft aufgebrummt bekamen.
Für saubere Friedhöfe zum Totensonntag sorgten am Samstag junge Straftäter. Sie arbeiteten mit der Putzaktion einen Teil der Sozialstunden ab, die sie von der Staatsanwaltschaft aufgebrummt bekamen. | Foto: Peche

Große Putzaktion

Straffällige machen Pforzheim sauber

Von Jürgen Peche

Schon um 4 Uhr morgens war Polizeihauptkommissar Volker Weingardt am Samstag auf den Beinen – nach wochenlanger Vorbereitung sollte der Tag eine der bundesweit spektakulärsten Aktionen bringen, bei der 68 straffällig gewordene Jugendliche die ihnen vom Staatsanwalt oder Jugendrichter auferlegten Arbeitsstunden ableisteten. Verteilt auf 18 Trupps und mit Unterstützung von Feuerwehr, Stadt und Straßen- und Autobahnmeisterei, die um die 20 Mitarbeiter zur Anleitung und Betreuung abstellten, ging es darum, am gestrigen Totensonntag sämtliche Pforzheimer Friedhöfe von Laub auf Wegen und Gräbern zu befreien.
Zwei Fernsehteams und zahlreiche Presseleute begleiteten die bislang größte Aktion des Pforzheimer „Haus des Jugendrechts“, bei der 18 Polizisten und zwei Jugendstaatsanwälte mitwirkten.

Gräber von Laub befreit

Neben den Friedhöfen wurden Bundes- und Landstraßen sowie Schulhöfe gereinigt. Zwei Teams hatten am Rande der Raststätte Pforzheim alle Hände voll zu tun, um wenigstens einen Teil der Abfälle einzusammeln, die dort Böschungen, Wiesen und benachbarte Äcker verschandeln. OB Gert Hager hatte seine Gartenkleidung angelegt, um am Hauptfriedhof selbst Hand anzulegen. „Wir wollen Jugendlichen, die auf eine schiefe Bahn geraten sind, hier eine Chance und Perspektive eröffnen, um ihren Platz in der Gesellschaft zu finden“, erklärte Hager. Schnell waren Berge von Laub aufgehäuft, Gräber vom Laub befreit. Manche Jugendliche bekamen statt Rechen und Besen Laubbläser in die Hand gedrückt.

Ich zieh‘ das durch

Auch einem 16-Jährigen, dem der Staatsanwalt 16 Arbeitsstunden auferlegte, wegen Beteiligung an Sprayaktionen. Er streitet das immer noch ab. Ärgert er sich jetzt, als Unschuldiger? „Nein, ich zieh das durch, auch weil das hier sinnvoll ist.“
Nicht alle eingeladenen 83 Jugendlichen traten ihre Arbeit an, 22 fehlten unentschuldigt, von denen die Polizei noch sechs zu Hause aufstöberte. Den Jugendlichen müssten die Grenzen aufgezeigt werden und sie brauchten Anerkennung, erklärt Weigandt. Die gibt es: Vom OB, den Mitarbeitern der Ämter und auch als Leistungsprämie – wer viel arbeitet bekommt einen Stundennachlass. Was haben die jungen Menschen auf dem Kerbholz? Das reicht von der „Ordnungswidrigkeit“ Schulschwänzen, das zunächst mit Bußgeld geahndet und bei Nichtbezahlen in Arbeitsstunden umgewandelt wird.

Viele werfen Abfall aus dem Fenster

Betrug und Ladendiebstahl landen als Vergehen schon vor dem Jugendrichter, der den Arbeitseinsatz als Strafe verordnen kann. Betrug, das kann ein Kauf im Onlineshop sein, der nicht bezahlt wird. Anstößige Bilder und Videos, die ins Internet gestellt werden oder bei einem Jugendlichen die Mitwirkung bei einem Porno. Dafür gab’s 25 Arbeitsstunden. Die letzten acht davon hat der junge Mann am Samstag an der Autobahnraststätte verbracht, mit fünf weiteren Straffälligen, die ein Riesenpensum vor sich hatten: Am Rand der Rastanlage werfen die Lkw-Fahrer ihren Abfall einfach aus dem Fenster. Der ganze Hang ist übersäht mit Dosen, Flaschen und Papier, das zum Ärger der Landwirte auf den Feldern landet. Anderer Müll füllte schnell Dutzende Säcke, bis es zur Mittagszeit Brezeln gab für alle, gestiftet von der Staatsanwaltschaft. Der eine Tag Arbeit dort wird nicht reichen – Weingardt will im Frühjahr mit einer weiteren Aktion anrücken.