COVERGIRLS DES MARATHONS: Anna und Lisa Hahner bezeichnen sich selbst als die „weltweit schnellsten Marathonzwillinge“.
COVERGIRLS DES MARATHONS: Anna und Lisa Hahner bezeichnen sich selbst als die „weltweit schnellsten Marathonzwillinge“. | Foto: dpa

Die Zwillige Hahner

Covergirls des Marathons

Läufer kennen das. Also – normale Hobbyläufer jedenfalls. Dieser Moment, an dem nichts mehr geht. Gar nichts. Neudeutsch: Der „Fuck-it-Point“. An diesem Punkt ist einem das Lachen längst vergangen. Man möchte einfach nur stehen bleiben, ein bisschen flennen und langsam, mit hängenden Schultern, nach Hause gehen. Die anderen Läufer ziehen vorbei, manche reden noch, andere lachen und man fragt sich, was das eigentlich für Menschen sind. Woher nehmen die die Energie sieben Kilometer vorm Ziel eines Marathons noch zu lächeln?
Die Antwort, die Anna und Lisa Hahner auf diese Frage geben, ist bestechend einfach. „Laufen macht uns einfach Mega-Spaß“, sagen die Zwillingsschwestern fast gleichzeitig und strahlen dabei mit der heißen Mittagssonne um die Wette. Seit ein paar Jahren sind die Hahner-Twins, wie sie in der internationalen Laufszene genannt werden, in Gengenbach im Schwarzwald zu Hause. „Mega-Schön“ sei es hier, findet Lisa, und „total happy“ ist auch Anna, dass sie in der Nähe ihres Managers Thomas Dold eine neue Heimat gefunden haben. Während die beiden Frauen mehrmals täglich die Schwarzwaldberge ringsum hoch und runter laufen, managt Dold, der in der Leichtathletik selbst kein Unbekannter ist, die Karriere der Zwillingsschwestern. Der Treppenläufer und Weltmeister im Rückwärtsgehen tut das in einer Perfektion, vor der Marketingexperten nur respektvoll den Hut ziehen können. In sämtlichen sozialen Netzwerken sind seine Schäfchen unterwegs. Sie haben einen eigenen Laufclub, in dem Mitglieder von der Laufstil-Analyse bis zum Mentaltraining einiges geboten bekommen, sie stehen für Meet&Greets nach Marathons zur Verfügung – gegen entsprechende Bezahlung versteht sich –, und sie haben kürzlich sogar ein eigenes Trainingstagebuch auf den Markt gebracht. Viel Platz zum Selberschreiben ist darin, aber nebenbei ist auch ein bisschen etwas zu lesen, über die Biografie der flinken, aber spätberufenen Marathonschwestern.
Am nächsten Sonntag werden Anna und Lisa den vorläufigen Höhepunkt ihrer jungen Laufkarriere erreichen. Um 9.30 Uhr Ortszeit (14.30 Uhr bei uns) fällt im altehrwürdigen Sambódromo in Rio de Janeiro der Startschuss für den olympischen Marathon der Frauen. Große Hoffnungen auf Medaillen dürfen sich die Zwillingsschwestern da nicht machen. Trotzdem ist die Teilnahme an sich ein Erfolg und – egal wie’s ausgeht – eines steht jetzt schon fest: Anna und Lisa Hahner werden im Ziel strahlen wie zwei Honigkuchenpferde.

Das Lächeln ist zum Markenzeichen der Hahnertwins geworden. Es gräbt tiefe Grübchen in die Gesichter der beiden 26-Jährigen. Bei Lisa sind sie etwas tiefer als bei Anna. Die jungen Frauen mit ihren blonden Gretchenkränzen um den Kopf sind der fleischgewordene Traum eines jeden Sportmanagers. Sie gleichen sich, wie ein Ei dem anderen, sehen also doppelt super aus und das Lachen gefriert ihnen selbst dann nicht im Gesicht, wenn der verpeilt wirkende Kameramann eines obskuren Internet-TV-Senders, bei 32 Grad Lufttemperatur zur 23. Stadionrunde aufruft, weil „das eben mit der Kamera irgendwie nicht geklappt hat“. Völlig unirritiert und ohne die geringsten Spuren von Anstrengung oder Genervt-heit plaudern Anna und Lisa nebenher mit seiner Redakteurin noch darüber, wie sie eigentlich zum Laufen kamen.
Die Geschichte ist gut. Zu gut fast. Sie klingt einerseits nach einer wohlüberlegten PR-Legende. Andererseits ergeben sich im Leben eben manchmal auch ganz von selbst die seltsamsten Zufälle. Anna und Lisas Laufkarriere beginnt im Februar 2007, als Joey Kelly, ehemals Mitglied der singenden Kelly Family und in der Zwischenzeit Extremläufer, auf einer seiner Vortragstouren in die osthessische Heimat der Mädchen kommt. „Wir sind nur hin, weil wir als Kinder die Kellys total gut fanden“, sagt Anna. Doch Kellys Thema ist nicht die glorreiche Vergangenheit. Er spricht vom Langstreckenlauf, von der Herausforderung und der Motivation. „Das hat bei uns das Feuer entfacht“, erinnert sich Anna. „Am nächsten Morgen haben wir die Schuhe geschnürt und sind los“, ergänzt Lisa.
So ist das immer bei den beiden. Mal spricht Anna, dann wieder Lisa. Ein kurzer Blick, und die andere nimmt den Faden auf. Wie ein zweigeteilter Staffelläufer, der sich selbst das Holz weiterreicht. Die eine Schwester scheint immer ganz genau zu wissen, was die andere gerade sagen will. Fragen beantworten stets beide, und man muss als Zuhörer schon sehr aufmerksam bleiben, um hinterher noch genau sagen zu können, welcher Satz nun von welchem Zwilling stammt.

Leben in Gengenbach: Anna (links) und Lisa Hahner.
Leben in Gengenbach: Anna (links) und Lisa Hahner. | Foto: dpa

Anna oder Lisa? Lisa oder Anna? Eigentlich ist das egal. Die beiden Frauen gibt es eh nur im Doppelpack und in sportlicher Hinsicht sowieso. Auch da gibt es nichts, was die beiden unterscheidet. Sogar beim Laufen wirkt die eine wie das Spiegelbild der anderen. Die Schrittlänge, die Sprunghöhe, die Armhaltung, der Gesichtsausdruck – alles i-tupfen-gleich. Erfolge und Rückschläge werden schwesterlich geteilt, Siege gönnt die eine der anderen als wäre es ihr eigener. Was leicht ist, denn mal ist Lisa schneller, dann wieder Anna. Hat die eine Schwester einen schlechten Tag, richtet die andere sie auf und umgekehrt. Dass Lisa im vergangenen Jahr Deutsche Meisterin im Marathon wurde, ist vor allem dem Umstand geschuldet, dass ihre Schwester wegen einer Verletzung nicht mitlaufen konnte. Eigentlich liegt Annas Bestzeit sogar drei Sekunden unter der von Lisa. Überhaupt stehen die Zwillinge ganz selten gemeinsam an der Startlinie eines Wettkampfs. Wenn es geht, fährt die jeweils andere mit dem Fahrrad nebenher, reicht Getränke, aktuelle Laufzeiten und brüllt Durchhalteparolen. Ob sich beide Schwestern für Olympia qualifizieren würden, war lange Zeit eine Zitterpartie. Lisa war drin, Anna nicht. Erst mit der Herabsetzung der Olympianorm konnte die andere Zwillingsschwester nachträglich nominiert werden. Seitdem aber, läuft es bei den beiden. Vor ihrem heutigen Abflug nach Rio haben sie hart trainiert. Für die Strecke und fürs Selbstbewusstsein. „Wenn ich am Abend vor dem Marathon ins Bett gehen werde, weiß ich, dass ich in der Vorbereitung mein Bestes getan habe“, sagt Anna.

Vorfreude auf Rio: In ihrer Wahlheimat Gengenbach haben sich die beiden Läuferinnen auf den Lauf am 14. August vorbereitet.
Vorfreude auf Rio: In ihrer Wahlheimat Gengenbach haben sich die beiden Läuferinnen auf den Lauf am 14. August vorbereitet. | Foto: dpa

Lächeln werden sie und ihre Schwester also in jedem Fall. Nicht nur, weil es ihnen danach zumute ist, sondern vor allem weil es zum Laufmantra der Hahners gehört. Anna hat sich dazu eine eigene Theorie zurecht gelegt. „Wenn man lächelt, entspannt sich alles. Der Nacken, die Schultern, der Rumpf.“
Für die Fotografen an der Strecke sind Strahlemanns Töchter deshalb ein begehrtes Motiv. Ein Glücksfall auch für Manager Dold. Es gibt kaum Bilder, auf denen seinen Schützlingen das berühmte Hahner-Zwillingslachen einmal vergangen wäre. Nicht, dass man es ihnen wünschen würde. Im Gegenteil. Anna und Lisa sind so entwaffnend nett, dass ihnen sogar hinter den Kulissen des nicht gerade zimperlichen Leichtathletik-Zirkus’ die Herzen zufliegen. Meinungsverschiedenheiten gibt es allenfalls mit Manager Dold, dessen PR-Methoden dem mitunter konservativen Deutschen Leichtathletikverband nicht ganz geheuer sind. Bundestrainer Wolfgang Heinig und Ex-Heimtrainer der Hahners war lange Zeit gar nicht gut auf das Management der Schwestern zu sprechen. Zu viel PR – zu wenig Sport, so sein Vorwurf an Nachfolger Thomas Dold. Eines muss man Dold aber lassen. Er hat es geschafft, den Namen Hahner zu einer Marke werden zu lassen. Die Schwestern blicken schon jetzt auf eine ansehnliche Liste von potenten Sponsoren. Sollte es diesmal mit dem Edelmetall nicht klappen, haben die Hahnertwins trotzdem gut lachen. Nach Olympia ist vor Olympia.