Straßburg
Neues Baualand umschließen Kanal und Hafenbecken am Vauban-Becken in Straßburg, worüber eine Trambrücke führen soll. | Foto: Bärbel Nückles

Trambau forciert Lückenschluss

Die Stadt Straßburg erfindet sich neu

Von Bärbel Nückles

Durch das Objektiv seiner Kamera fokussiert Stadplaner Alexandre Chemetoff die frisch gebaute Straßenbahnbrücke über den Rhein bei Straßburg. Er gleitet an den leuchtend weißen Bögen entlang, hinauf bis zum höchsten Punkt in 20 Metern Höhe. Wo die beiden einst verfeindeten Länder aufeinandertreffen, hat sich so einiges getan. Die neue Rheinbrücke ist im Grunde jetzt schon befahrbar. Aber erst im kommenden Frühjahr geht hier zwischen Straßburg und Kehl die grenzüberschreitende Tram an den Start (wir berichteten). Sie ist die Fortführung der Straßburger Straßenbahn über den Rhein bis zum Kehler Bahnhof. Im Alltag ist die Tram ein unkompliziertes Verkehrsmittel. Obendrein bietet sie verkehrstechnisch eine echte Chance, sie soll bald den grenzüberschreitenden Verkehr reduzieren. 40 000 Fahrzeuge überqueren bislang tagtäglich die Europabrücke.

Straßburg wächst gen Hafen

Mit dem 90 Millionen Euro teuren Ausbau der Tramlinie D nach Osten erschließt sich Straßburg auch Jahrzehnte brachliegendes Gelände, ein innerstädtisches Band von 250 Hektar im Süden der Altstadt, das sich in den vergangenen 15 Jahren deutlich sichtbar Richtung Hafen entwickelt hat: Das Projekt „Deux Rives“ (zwei Ufer) ist ein dichtes Gewebe aus öffentlichen Gebäuden wie dem Musikkonservatorium, dem Stadtarchiv und der Mediathek Malraux, Unterhaltung wie Kino, Einkaufszentrum, Restaurants, sanierten Silos und tausenden Wohnungen. 9 000 Wohnungen sollen demnächst entlang der west-östlichen Achse Richtung Rhein fertiggestellt sein. Straßburg hat diese xte Tramverlängerung mit Absicht nicht dorthin gebaut, wo schon Menschen leben, sondern will Menschen, Gewerbe und Investoren dorthin bringen, wo die Tram auf den 2,7 Kilometern neu verlegten Schienen über zwei neue Brücken hinweg bis nach Kehl verläuft.

Neues Gesicht für reizvolle Areale

Historisch entwickelte sich Straßburg um die Ill herum. Der Rhein lag weit weg von der mittelalterlichen Metropole. Zwischen Kehl und Straßburg führt inzwischen die vierte Brücke über den Rhein: Die Europabrücke, die Eisenbahnbrücke kennt man längst. Zur Landesgartenschau 2004 ist eine Fußgänger- und Radfahrerbrücke entstanden – und nun die Tram-Brücke, die im kommenden Frühjahr in Betrieb genommen wird. Alexandre Chemetoff, der Stadtplaner, wurde nach Straßburg geholt, weil er einem der vielleicht schwierigsten, stadtgeschichtlich jedoch besonders reizvollen Areale an dieser west-östlichen Entwicklungsachse ein neues Gesicht geben soll. Es geht um das ehemalige Coop-Gelände, den Verwaltungssitz und die verlassenen Produktions- und Lagerstätten einer 2015 liquidierten Supermarktkette.
Die Weitläufigkeit des Coop-Geländes nimmt für sich ein. Etwa ein großzügiger, mit Glas überdachter Durchgang neben dem Verwaltungsgebäude. Hohe Blöcke und flache Riegel, dabei viel Beton und 50 000 Quadratmeter nutzbare Fläche. Bäckerei, Schreinerei, Lagerhallen, lange Rampen, an denen Waren angeliefert wurden. Chemetoff plant eine Brasserie für 1 000 zahlende Gäste hinter der monumentalen Glasfront der ehemaligen Brauerei und einen Ausstellungsraum auf 1 600 Quadratmetern. Auch die neuen Depots und Restaurierungswerkstätten der Straßburger Museen sollen auf dem Coop-Gelände entstehen.

Weiteres Bauland

Nach einer Dursttrecke von mehreren Jahren sind auch im Rheinhafenviertel neue Wohnkomplexe entstanden. Bis in 15 Jahren sollen die letzten Lücken vergessen sein: Dort wo eine zweite, für die Fortführung der Trasse nach Kehl notwendige Tram-Brücke auf dem Weg zum Rhein noch auf Straßburger Gebiet das Vauban-Becken überquert, umschließen der Kanal und ein Hafenbecken weiteres Bauland am Wasser, die „Ile de la Citadelle“ und „Starlette“, einen breiten Uferstreifen am Kanal. „Straßburg am Rhein“, diese Losung hatte Oberbürgermeister Roland Ries ausgegeben, als das Straßburger Entwicklungsprogramm vor Jahren gestartet ist.