Dabei sein ist alles: Vom 5. bis 21. August werden über 10 000 Athleten aus über 200 Ländern um olympische Medaillen kämpfen.
Dabei sein ist alles: Vom 5. bis 21. August werden über 10 000 Athleten aus über 200 Ländern um olympische Medaillen kämpfen. | Foto: dpa

Olympia kurios

Stunde der stillen Helden

Dabei sein ist alles: So edel der olympische Leitgedanke auch klingen mag – wenn vom 5. bis 21. August über 10 000 Athleten aus über 200 Ländern in die Fußstapfen griechischer Olympioniken treten, geht es in erster Linie um weiter, schneller, höher, um Gold und Geld, um Rekorde, Sieg und Niederlage. Dabei sein ist alles: Dieser Spruch mit Abnutzungserscheinungen mag in Olympia, zu Füssen des Zeus-Heiligtums, für die Zuschauer gegolten haben, die ihre Favoriten johlend angefeuert haben. Für die Athleten aber gab es schon damals nur Gewinnen oder Verlieren; Letztere gingen „zerschmettert von ihrem Unglück“ nach Hause, wie es der Dichter Pindar schildert. Dabei sind es gerade die Sieglosen und die sportlichen Leichtgewichte, die für magische Momente in der Geschichte der olympischen Spiele gesorgt haben. Für die stillen Helden gab es weder Lorbeerkranz, noch Blumenbouquet, weder Medaille, noch Urkunde. Doch oft genug war der Sieger auf dem letzten Platz der eigentliche Gewinner, Verkörperung dessen, wozu menschlicher Wille imstande ist.

Der „König ohne Krone“

Keine andere olympische Disziplin ist so reich an Kuriositäten, Sensationen, Pleiten oder Überraschungen wie die des Marathons. Bei den ersten olympischen Spielen der Neuzeit, als solch exotische Disziplinen wie Tauziehen, Sackhüpfen und Tabak-Weitspucken auf dem Wettkampfplan standen, nahm es mancher Teilnehmer nicht so genau mit der gebotenen Fairness. Bei den Spielen 1904 in St. Louis kam der vermeintliche Sieger Fred Lorz verdächtig frisch ins Ziel. Seine Erklärung gegenüber einem misstrauischen Zuschauer: Er habe die Hälfte der Strecke in einem Lastwagen zurückgelegt. Seine spätere Beteuerung, er habe sich lediglich einen Scherz erlaubt, half ihm nichts: Der spätere Boston-Marathon-Sieger wurde auf Lebenszeit von den Olympischen Spielen ausgeschlossen, der Zweitplatzierte Thomas Hicks zum Sieger erklärt.

Rio wartet auf die Spiele: Strandkünstler nehmen die Spiele vorweg.
Rio wartet auf die Spiele: Strandkünstler nehmen die Spiele vorweg. | Foto: dpa

Im kollektiven Gedächtnis bleiben die Beißer haften, die Leidensfähigen, die sich von nichts und niemandem bremsen lassen. Den Text aus der Bibel „Ich habe den guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet“ nahm John Stephen Akhwari wörtlich, als der Tansanier am Abend des 20. Oktobers 1968 ins Olympiastadion von Mexiko-City einlief. Die Medaillen für die Besten des Rennens – in Erinnerung an den griechischen Boten Pheidippides – waren längst überreicht worden, als sich der einsame Sportler Richtung Ziel schleppte – das Gesicht schmerzverzerrt, ein Bein blutig und bandagiert. Der Afrikaner war bereits zu Beginn des Laufs schwer gestürzt, hatte sich den Kopf angeschlagen – und was viel schwerer wog – das Kniegelenk verletzt. Doch Aufgeben kam für Akhwari nie infrage. „Mein Land hat mich nicht 11 000 Kilometer weit geschickt, damit ich das Rennen starte. Mein Land schickte mich, damit ich es abschließe“, antwortete er auf die Frage, warum er nicht einfach aufgegeben habe. Der „König ohne Krone“ kehrte ohne Medaille nach Tansania heim, doch der Status als Nationalheld war dem Läufer sicher.

In Stockholm verschollen

Dass die Sorge vor Ehrverlust auch in der Neuzeit noch Stoff für unglaubliche Geschichten bietet, zeigt der Fall des japanischen Langstreckenläufers Kanaguri Shiso, der 1912 in Stockholm an den Start ging. Die Wettkampfplaner hatten das Rennen unglücklicherweise in die Mittagsstunden gelegt, bei 32 Grad im Schatten. Bei Kilometer 30 kam für Japans große Hoffnung der Mann mit dem Hammer: Dem Kollaps nahe stolperte er in den Garten einer schwedischen Familie und ließ sich mit Himbeersaft versorgen. Ein Bett zum Ausruhen schlug er ebenfalls nicht aus. Als er aufwachte, war das Rennen längst vorüber, und der Katzenjammer groß. So entschloss er sich, heimlich, still und leise in die Heimat zurückzukehren, während die Offiziellen verzweifelt nach jenen 33 Läufern suchten, die es wegen der extremen Hitze nicht bis ins Ziel geschafft hatten. Alle wurden gefunden, bis auf einen: Kanaguri Shiso. Dem kam gar nicht in den Sinn, dass halb Stockholm nach ihm fahndete und dass er gleichsam über Nacht zum Superstar aufgestiegen war. Jahrelang witzelten die Schweden, der verschollene Japaner würde wohl noch immer in Stockholms Straßen herumirren. 1962, zum fünfzigsten Jahrestags des Marathons, reiste ein Journalist ins Land der aufgehenden Sonne, um Kanaguri Shiso zu einer Rückkehr zu überreden. Der ließ sich zwar fünf Jahre Zeit, doch zur Freude der Schweden lief er sein Rennen nach Hause … und beendete damit einen Marathon, den er 54 Jahre, acht Monate, sechs Tage, drei Stunden, 32 Minuten und 20,3 Sekunden zuvor begonnen hatte.

In den Souvenirshops ist überall das Maskottchen Vinicius zu sehen.
In den Souvenirshops ist überall das Maskottchen Vinicius zu sehen. | Foto: dpa

Völlig unerwartet

Wer bei den olympischen Spielen bestehen möchte, vor Tausenden Zuschauern und Millionen vor dem heimischen Bildschirm, muss sein ganzes Leben diesem Ziel unterordnen: Der Schwimmer Michael Phelps, der in Rio die einmalige Möglichkeit hat, seinen 18 Goldmedaillen ein paar weitere hinzuzufügen, legt jede Woche im Becken mehr Kilometer zurück als mancher Autofahrer in seinem Wagen. Doch man muss kein Trainingstier sein, wie zahlreiche Beispiele zeigen. Der dänische Journalist Edgar Aabye war von Berufs wegen im Jahr 1900 zu den olympischen Spielen von Paris gereist. Als der aus schwedischen und dänischen Sportlern gebildeten Tauzieh-Mannschaft noch ein kräftiger Mann fehlte, avancierte der 35-Jährige kurzerhand zum Matchwinner gegen die französische Equipe. Ähnlich ungewöhnlich verlief die Karriere der Französin Micheline Ostermeyer. Die junge Dame, die in Tunesien aufgewachsen war und am renommierten Pariser Musikkonservatorium ihr Examen abgelegt hatte, betrieb so nebenbei ein wenig Leichtathletik. Vor allem das Kugelstoßen hatte es ihr angetan, eine Disziplin, in der sie 1946 bei den Europameisterschaften in Oslo eine Silbermedaille gewann. Zwei Jahre später, bei den Sommerspielen in London, fehlte dem französischen Team jedoch eine Diskuswerferin: Die Modellathletin zögerte nicht lange, trat in beiden Disziplinen an und schmückte sich zweimal mit Gold, neben der Bronzemedaille im Hochsprung.

Unbekannter Sieger

Sein Name fehlt in den Annalen der olympischen Spiele: Der kleine Franzose, der bei den Spielen des Jahres 1900 in Paris mithalf, der niederländischen Mannschaft die Goldmedaille im Doppelzweier mit Steuermann zu sichern, wird wohl auf ewig unbekannt bleiben. Die beiden Ruderer Francois Brandt und Roelof Klein hatten an ihrem eigentlichen Steuermann keine große Freude: Der Mann war einfach zu schwer und machte das Boot unnötig langsam. Ein Ersatz musste her, in Gestalt eines etwa sieben Jahre alten Burschen, der seine Sache als Steuermann erstaunlich gut machte. Lag es nun am Jubel über die Goldmedaille oder an Verständigungsschwierigkeiten: Der wohl jüngste Olympiasieger aller Zeiten verschwand nach dem Siegerfoto so plötzlich wie er aufgetaucht war.

Echte Amateure

Echte Amateure sind bei den Spielen im Zeichen der fünf Ringe eher die Ausnahme. Selbst „Eddie the Eagle“, der Himmelsstürmer aus Cheltenham, musste einen britischen Rekord vorlegen, um bei den Winterspielen 1988 in Calgary starten zu dürfen. Und im Gegensatz zu so vielen Skispringern seiner Generation lieferte seine Vita sogar den Stoff für einen Kinofilm, ähnlich wie die Bobfahrer aus Jamaika, deren schauspielerisches Talent in „Cool Runnings“ dem fahrerischen Können eindeutig überlegen war.
Eric Moussambani, interessierten Kreisen nur als „der Aal“ bekannt, war ein echter Amateur. Und was für einer. Der 22-Jährige aus Äquatorialguinea verdankte sein Startrecht bei den Olympischen Spielen in Sydney im Jahr 2000 einer Wildcard des Internationalen Olympischen Komitees, das Sportlern aus kleineren Nationen eine Teilnahme ermöglichen wollte, ohne dass die die Qualifikationsnormen zu erfüllen hatten. Moussambani fackelt nicht lange, steigt zweimal täglich ins Wasser, lernt schwimmen und liefert das berührendste olympische Drama der jüngsten Zeit ab. Wie ein wasserscheuer Hund kämpft er sich durch seinen Vorlauf, den Mund weit aufgerissen, die Kraulbewegungen reichlich hölzern. Er ringt so sehr mit dem nassen Element, dass der Rundfunkreporter am liebsten ins Becken springen würde, um den Ertrinkenden zu retten. Immerhin gewinnt er seinen Vorlauf, weil die einzigen beiden Konkurrenten aus Nigeria und Tadschikistan wegen Fehlstarts disqualifiziert wurden. In die nächste Runde kommt der Schwimmeleve dennoch nicht: die Zeit von einer Minute und 42 Sekunden für 100 Meter ist einfach zu schlecht. Den Spitznamen, den ein englischer Journalist ihm verpasst, hört der Mann aus Afrika nicht so gerne. Er möchte lieber als das gesehen werden, was er ist: als Eric der Schwimmer.

Wahrer Sportsgeist

Vielleicht wartet Rio mit ähnlich anrührenden Momenten auf – mit Männern wie dem schwedischen Ringer Ivar Johansson, der sich nach seiner Freistil-Goldmedaille im Mittelgewicht bei den Spielen von Los Angeles zehn Pfund abhungerte, um im Weltergewicht den Sieg im griechisch-römischen Stil zu erringen. Mit Frauen wie der Ungarin Agnes Keleti, die es trotz fortgeschrittenen Alters all den Turnküken zeigte. Mit Symbolen des Sportgeistes, wie den beiden japanischen Hochspringern Nishida Shuhei und Oe Sueo. Bei den unseligen Spielen 1936 in Berlin lieferten sich die beiden über Stunden einen packenden Zweikampf um die Silbermedaille. Am Ende hatte Nishida dank weniger Fehlversuche die Nase vor. Zurück in der Heimat ließen die beiden Olympioniken ihre Medaillen teilen und zu zwei neuen, halb bronzenen und halb silbernen Plaketten zusammenfügen. Für sie war das Dabeisein mehr als die übersprungene Höhe, mehr als Titel und Sieg. Die „Medaillen der Freundschaft“, Zeichen für Sportsgeist, überdauerten ihren Tod.