EINBLICK IN DAS GÄNGESYSTEM: Die Wehrmacht legte die Bunkeranlage an, die nach 1953 vom französischen Militär ausgebaut wurde. Seit 1993 ist sie im Besitz der Stadt Baden-Baden.
EINBLICK IN DAS GÄNGESYSTEM: Die Wehrmacht legte die Bunkeranlage an, die nach 1953 vom französischen Militär ausgebaut wurde. Seit 1993 ist sie im Besitz der Stadt Baden-Baden. | Foto: Lienhard

Der Bunkerstollen in Neuweier

Symbol einer eisigen Konfrontation

Drinnen im Felsen ist der Sommer allenfalls eine Vermutung. Der morgendliche Griff zur Jacke war goldrichtig: Konstante acht Grad Celsius herrschen im Neuweierer Stollen. 70 Meter tief führt er in den Berg hinein, 3 500 Quadratmeter groß ist das unterirdische Geflecht aus Gängen und Räumen. „Über uns befinden sich jetzt 40 Meter Bühlertäler Granit“, wird Konrad Velten vom Historischen Verein Yburg später an diesem Morgen einmal sagen.
Niemand kennt die Anlage wohl so genau wie der Neuweier Lokalhistoriker. Er weiß noch genau, wann er sie zum ersten Mal betreten hat: „Es war der 14. April 1945, ich war acht Jahre alt“, berichtet Velten. „Am Tag zuvor hatte Neuweier unter Trommelfeuer gelegen. Am anderen Morgen wurde der Ort in Steinbach übergeben, aber bei uns wusste niemand, was los war. Dann ging das Gerücht, dass der Beschuss wieder beginnen würde. Daraufhin ist wohl das ganze Oberdorf in den Stollen geflüchtet. In dem Raum, in dem wir waren, standen zwei Doppelstockbetten. Ich lag auf dem oberen Bett.“
Der Stollen sollte die Neuweierer in jenen Stunden just vor jenem Krieg schützen, für den er geschaffen worden war. Die Anlage am Neuweierer Ortsausgang war Teil des Westwalls. Auf dem Gelände eines früheren Steinbruchs legte die Wehrmacht um 1937/38 das Bunkersystem an. „In Neuweier wusste man wohl nicht, was da entsteht“, erzählt Velten, „die Rede war von einer Nudelfabrik, die gebaut würde.“ Per Kabel, die drei Meter tief lagen, war der Stollen mit den Westwallbunkern verbunden. Auf der Strecke befanden sich „Stöpselbunker, zwei auf zwei Meter, etwa vier Meter tief, und im Ernstfall saß einer unten und hat die Kabel gestöpselt“, erzählt Velten, der sich an einen solchen Bunker im Neuweierer Unterdorf im Gewann Schafgrund erinnert. Tatsächlich militärisch genutzt worden sei der Stollen von der Wehrmacht lediglich während des Frankreich-Feldzugs 1940. Am Kriegsende war er ein Grund für den heftigen Beschuss Neuweiers: Die einrückenden Franzosen vermuteten hier ein Widerstandsnest. Nach dem Krieg züchtete zunächst ein Altschweierer auf Rossmist Champignons, und im Wachhaus vor dem Eingang zog ein Landmaschinenschlosser mit seiner Werkstatt ein. 1953 übernahm das französische Militär die Anlage, rekrutierte Einheimische für Umbauarbeiten – und dann wurde der Stollen auf Jahrzehnte zur Geheimsache. Niemand aus Stadt- oder Ortsverwaltung wusste, was im Felsen passierte. Die Franzosen vergrößerten die Anlage (Pläne, sie weitere 200 Meter in den Berg zu treiben, wurden allerdings nicht umgesetzt), die 50 Räume für Mannschaften und zwei Zimmer für Offiziere aufwies – Letztere mit Waschbecken – technische Einrichtungen wie einen Wassertank, der von einer Quelle am Heiligenstein gespeist wurde, und sanitäre Anlagen. Heute wird der Stollen höchstens von Fledermäusen bewohnt, für die eigens Hohlblocksteine aufgehängt wurden.

Relikt des Kalten Krieges

Solche Dinge erzählt Velten, wenn er Gruppen durch den Stollen führt, drei- bis viermal im Jahr ist das der Fall. Und er erzählt es auch jetzt, bei lauschigen acht Grad – die eigentlich hervorragend zu dem passen, was der Stollen symbolisiert: Er ist ein Relikt des Kalten Krieges, der eisigen Konfrontation zwischen West und Ost. Der Stollen war nicht mehr und nicht weniger als ein Atombunker, von den Franzosen ausgebaut für den Gipfel kriegerischen Vorstellungsvermögens.
Auch für eine Belagerung war Vorsorge getroffen, wie Velten auf den ersten Metern, nachdem er das schwere Gittertor (der Stahl dafür war 1955 von Mannesmann in Hausach geliefert worden) geöffnet hat, erläutert. Die Franzosen hätten insgesamt drei Sprengkammern eingerichtet – bei einer Belagerung wären sie gezündet worden und hätten den Felse nach außen gejagt. Die Soldaten drinnen (eine Kompanie hätte im Stollen Platz gefunden) wären Richtung Heiligenstein geflüchtet. Eine atomsichere Doppelschleuse hätte den Fluchtweg freigehalten. Dieser führt am Ende der Anlage 147 Meter hoch, zuerst über 125 Stufen, dann über eine Leiter. Hoch oben am Ausstieg ist heute ein Erdbebenmessgerät installiert – laut Geologischem Landesamt findet sich hier einer der geologisch ruhigsten Orte in Baden-Württemberg.
Der Treppenschacht zum Ausstieg ist auch verantwortlich für die Feuchtigkeit im Keller, die den Anlagen überhaupt nicht gut tut. Durch den Schacht dringt warme Luft ein, unten angekommen, kondensiert sie – kleine Wasserpfützen finden sich auf Schritt und Tritt (nur im Winter, wenn’s draußen kalt ist, ist es im Stollen trocken, so Velten), kein Rohr, keine Apparatur ist nicht vom Rost angefressen, die zwei mächtigen Aggregate mit ihren Dieselmotoren in der Energiezentrale sind ein trauriger Anblick. Im ehemaligen Karten- und Besprechungsraum fault das Holz, mit dem die Wand verkleidet ist; im einstigen Herzstück der Anlage, dem Funkraum, hat der Hausschwamm ganze Arbeit geleistet: „Der Raum war einmal dick mit Watte ausgekleidet, damit nichts die Übertragung stört. Jetzt ist davon gar nichts mehr zu sehen“, sagt Velten. Seit die Franzosen in den 80er Jahren die Wache abgezogen haben, ist der Stollen dem Verfall preisgegeben; dass er 1992 vom Landesdenkmalamt als Zeugnis der Militärgeschichte zum technischen Kulturdenkmal erklärt worden ist, hat daran nur wenig geändert. Auch wenn die Stadt Baden-Baden, in deren Besitz die Anlage seit 1993 ist, vor eineinhalb Jahrzehnten Geld in die Bekämpfung des Hausschwamms investierte: Die Zukunft des Stollens, seiner Einrichtung vor allem ist höchst ungewiss.
Immer wieder mal gibt es Bestrebungen, eine Wende herbeizuführen. Die CDU Rebland etwa forderte vor zwei Jahren ein Nutzungskonzept, zuletzt hat sie die Gründung eines Fördervereins für den Stollen vorgeschlagen. Doch wie er über Führungen oder die gelegentliche Öffnung am Tag des offenen Denkmals hinaus genutzt und auch erhalten werden kann, darauf gibt es keine Antwort. Schon der erste Augenschein indes zeigt: Hier müsste, wie immer man den Stollen nützen wollte, Geld in die Hand genommen, sehr viel Geld sogar. Und: Was bereits kaputt ist, was Pilz und Feuchtigkeit zerstört haben, ist verloren. Unwiederbringlich.
Umso wichtiger ist, dass manche Erinnerung an den Stollen seinen Platz außerhalb der Anlage hat, ein französischer Plan etwa, vermutlich in den frühen 1980er Jahren angefertigt. Oder der Wehrpass eines Soldaten aus Geroldsau, der dem Festungsbaubataillon 40 angehörte und sich nach dem ersten Tag der offenen Tür bei Velten meldete. Der Mann war beim Bau in Neuweier dabei gewesen und erzählte Velten auch, dass im Mai 1939 Adolf Hitler mit seinem Stab hier gewesen sei und der Stab die Meldung erwartet habe, dass der Stollen fertig sei. Die Meldung sei erfolgt, auch wenn im Berg noch gearbeitet worden sei.
So birgt der Stollen Geschichte und Geschichten. Konrad Velten hat einige davon zusammengetragen. Dass dieses Symbol einer waffenstarrenden Zeit noch mehr davon parat hält, dürfte mehr als nur eine Vermutung sein.