Gebetsraum der Bruchsaler Ditib-Moschee während des Freitagsgebets
Die Religion verbietet Gewalt - darin sind sich Vertreter aller drei Bruchsaler Moscheegemeinden einig. | Foto: Heintzen

Kommunale Projekte wollen Radikalisierung verhindern

Basisarbeit gegen den Terror

Wie können Terroranschläge und die Radikalisierung junger Menschen verhindert werden?  Eine Extremismus-Beratungsstelle hat heute in Stuttgart ihre Arbeit aufgenommen – das Innenministerium des Landes Baden-Württemberg will damit verhindern helfen, dass gewaltbereite Islamisten junge Menschen manipulieren und zu Gewalttaten überreden. Auch in Bruchsal beschäftigt das Thema viele Akteure des öffentlichen Lebens.
„Wir sind mit unseren Jugendsachbearbeitern sehr viel präventiv zu den Themen Gewalt, Mobbing oder Selbstbehauptung in Bruchsaler Schulen unterwegs“, so Polizeihauptkommissar Ulrich Scherer, der gemeinsam mit seinem Kollegen Ulrich Gaukel auch in den Flüchtlingsunterkünften Präventionsarbeit leistet. Das Personal dort sei sensibilisiert, sagt Scherer: „Sobald Flyer oder andere Hinweise auf islamistischen Extremismus auftauchen, wissen wir Bescheid.“

Bruchsaler Muslime verurteilen den Terror

Vertreter aller drei in Bruchsal ansässigen islamischen Glaubensgemeinschaften verurteilen im Gespräch mit den BNN die Terrorakte scharf. Sie begründen ihre Haltung nicht politisch, sondern religiös: Nach ihrer Auslegung verbietet es der Koran, Menschen zu töten. Man müsse Jugendlichen die entsprechenden Stellen im Koran zeigen, so ein Sprecher der Ahmadiyya-Gemeinde. Dort in der Bait-ul-Ahad-Moschee gebe es regelmäßige Jugendsitzungen. Beim Verein „Muslim Gemeinde“ kümmern sich vor allem die Frauen um die Jugendarbeit. Positiv für die Verständigung zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen sieht man gemeinsame öffentliche Veranstaltungen wie etwa das internationale Stadtfest am vorvergangenen Wochenende. „Wer etwas über den Koran lernen will, kann das hier bei mir tun“, sagt der Imam der Bruchsaler Ditib-Moschee, Hasan Kaymak. Auch bei Alltagsproblemen sei er Ansprechpartner für Jugendliche und Eltern. Kaymak hält zudem regelmäßig Gesprächskreise in der Bruchsaler Justizvollzugsanstalt.

Die Menschen verlieren das Vertrauen zueinander

Der Imam befürchtet allerdings wachsende Fremdenfeindlichkeit gegenüber den Bruchsaler Muslimen. Der islamistische Terror gefährde das bisher gut funktionierende Miteinander von Menschen unterschiedlicher Herkunft in Deutschland. „Die Menschen verlieren das Vertrauen zueinander“, sagt Kaymak. Das schade vor allem den Muslimen.
Die Stadt Bruchsal stehe in ständigem Kontakt zu den drei Moscheen, sagt Sozialamtsleiter Patrik Hauns. Vor allem Bildung sieht er als Mittel, um Radikalisierung jeglicher Art zu vermeiden: „Wichtig ist, dass Kinder positive Erfahrungen machen, Erfolgserlebnisse haben, Bestätigung finden.“ Unter anderem deshalb wolle man für Bruchsal einen Kinder- und Jugendpass nach Karlsruher Vorbild entwickeln.

Angebote auch außerhalb von Moscheen wichtig

Der Integrationsmotor schlechthin seien aber die Vereine, so Hauns – und die Integrationsbeauftragte Fürüzan Kübach kann zahlreiche Beispiele nennen, etwa Pläne für einen Fußballverein, der auch Flüchtlingen die Möglichkeit zum Spielen bieten soll. „Es ist wichtig, den Jugendlichen auch außerhalb der Moscheeräume Angebote zu machen“, so Kübach.
Im Fachbereich Prävention des Polizeipräsidiums Karlsruhe arbeitet Polizeikommissarin Christina Glasstetter derzeit daran, Informationsabende für Schulen zu organisieren, Kontaktadressen zu sammeln und Netzwerke aufzubauen. „Eltern, Freunde und Lehrer sollten auf konstante äußerliche, aber auch Veränderungen im Denken und Verhalten achten“, sagt sie. Das gelte für die Hinwendung zum Islamismus ebenso wie zu Links- und Rechtsextremismus oder zu Sekten. Doch sie betont auch: „Nicht nur Eltern, die ganze Gesellschaft hat den Auftrag, ausgrenzendes oder radikales Verhalten zu thematisieren.“

 

Hilfe bei Extremismus-Verdacht bietet das landesweit operierende „Kompetenzzentrum zur Koordinierung des Präventionsnetzwerks gegen Extremismus in Baden-Württemberg (KPEBW)“, in Stuttgart, Telefon: (07 11) 72 23 08 93.

Der Artikel erschien bereits in der BNN-Printausgabe (Bruchsal) am 15. Juni.