Die mittealterliche Stadtbefestigung des  heutigen Baden-Badener Stadtteils Steinbach blieb zu großen Teilen erhalten.
Die mittealterliche Stadtbefestigung des heutigen Baden-Badener Stadtteils Steinbach blieb zu großen Teilen erhalten. | Foto: Ulrich Coenen

Stadtbefestigungen

Nur wenige entgingen der Abrisswut

Es ist in jeder Beziehung ein gewichtiges Werk. In zwei umfangreichen Bänden mit jeweils 360 Seiten widmet sich Thomas Biller mit den mittelalterlichen Stadtbefestigungen im deutschsprachigen Raum einem Thema, das von der Forschung immer ein wenig stiefmütterlich behandelt wurde. Im Mittelpunkt des bauhistorischen Interesses stand stets die Sakralarchitektur, gefolgt von den Burgen.

Weinbrenner klagte vergeblich

Den mittelalterlichen Stadtbefestigungen, die nach der Einführung der Pulvergeschütze in der frühen Neuzeit militärisch wertlos wurden, widmeten sich nur wenige Bauhistoriker. Das mag auch damit zusammenhängen, dass die meisten im 19. Jahrhundert abgerissen wurden und wir deshalb heute nur noch in seltenen Fällen eine Vorstellung vom damaligen Bild der Stadt haben. In Baden-Baden beispielswiese konnte der Großherzogliche Baudirektor Friedrich Weinbrenner die Niederlegung der Stadtbefestigung ab 1812 nicht verhinderte. Er bedauerte ausdrücklich die „Zerstörungslust, welche seit kurzem gegen alle aus dem Mittelalter auf uns gekommene Baulichkeiten bis zur Mode geworden ist“.

Thomas Biller, übrigens ein ausgewiesener Burgenexperte, unterhält ein Büro für Bauforschung in Freiburg. Der Wissenschaftler beseitigt mit seinem neuen Buch ein Desiderat der Forschung.

Stadtmauer als Symbol der Stadt

Im Mittelalter, als die meisten heute noch bestehenden deutschen Städte gegründet wurden, war die Stadtbefestigung geradezu ein Signifikant der Stadt. Günter Bandmann hat in seinem berühmten Buch „Mittelalterliche Architektur als Bedeutungsträger“ darauf hingewiesen, dass auf mittelalterlichen Siegeln und Münzen Stadt und Stadtmauer als Symbole der Stadt üblich sind.

Haigeracher Tor in Gengenbach | Foto: Ulrich Coenen

Der Neuerscheinung beeindruckt durch eine hervorragende Gliederung. Im ersten (dem systematischen) Band seines Handbuchs beschreibt der Autor kenntnisreich die Entwicklung der Stadtbefestigung von den spätantiken Vorbildern bis zu ihrem Ende. Dabei befasst er sich in einem Kapitel auch mit den Auswirkungen, die die Feuerwaffen seit dem 15. Jahrhundert auf die Entwicklung der Stadtbefestigungen hatten.

Es folgt ein kurzer Ausblick auf die Stadtbefestigungen der Neuzeit, die mit ihren Bastionen (dreieckigen Geschützplattformen) bereits völlig auf die moderne Artillerie ausgerichtet waren. Nicht zuletzt dank der Pionierarbeit des 1992 verstorbenen Bauhistorikers Hartwig Neumann sind die Festungen seit der Renaissance allerdings wesentlich besser erforscht als das Mittelalter.

Wall und Graben standen am Anfang

Wenn sich Wissenschaftler und Heimatkundler bisher mit mittelalterlichen Stadtbefestigungen beschäftigt haben, geschah dies fast ausschließlich am Beispiel einer einzigen Stadt. Vergleichende Untersuchungen zu Teilaspekten sind die große Ausnahme, beispielsweise die umfangreichen Arbeiten von Udo Mainzer und Heinrich Trost zu Stadttoren im Rheinland und in Nordostdeutschland.

Biller ordnet die von ihm vorgestellten Beispiele in den bauhistorischen Kontext ein. Fachleute und interessierte Laien erfahren von der spannenden Entwicklung der Frühformen, die nur aus Wall und Graben bestanden, zur vollausgebildeten Befestigung des hohen Mittelalters. Alle Elemente der Befestigung wie Stadttore, Wachtürme und Gräben werden ebenso behandelt wie die Finanzierung, der Bau und der Unterhalt dieser kostspieligen Großprojekte.

Im zweiten Band, dem topografischen Teil, nimmt Biller den Leser mit auf eine Reise durch den gesamten deutschsprachigen Raum. Nach Landschaften geordnet stellt er in 29 Kapiteln die Stadtbefestigung vom österreichischen Alpenland bis zu Nord- und Ostseeküste vor.

Auch Baden ist ein solches Kapitel gewidmet. Auf 13 Seiten stellt der Autor die Besonderheiten im Südwesten dar. Auch wenn dies wegen der Fülle des Materials in komprimierter Form geschehen muss, geht diese vergleichende Studie deutlich über das hinaus, was wir bisher über die hiesigen Stadtbefestigungen wissen.

Biller berichtet, dass die Stadtbefestigungen im heutigen Baden vergleichsweise bescheiden waren. Bis etwa 1300 gab es neben den Stadtoren fast keine weiteren Türme. Immerhin ist das Spektrum der Stadtbefestigungen, von denen sehr viele in den Kriegen des 17. und 18. Jahrhunderts vernichtet wurden, groß.

Biller weist auf die kaum zu übertreffende geografische Vielfalt Badens und die zahlreichen Einflüsse als Ursache hin. Erwähnt werden beispielsweise Gengenbach, Baden-Baden und der heutige Baden-Badener Stadtteil Steinbach.

Wer sich für Stadtbefestigungen interessiert, kommt an dieser prächtig ausgestatteten und reich illustrierten Neuerscheinung nicht vorbei.

 

Thomas Biller: Die mittelalterlichen Stadtbefestigungen im deutschsprachigen Raum, Handbuch in 2 Bänden (insgesamt 688 Seiten), Verlag Philipp von Zabern, Preis 99,95 Euro,