Aus 220000 Plastikwürfeln ist Christos Wasserbrücke am Iseo-See zusammengesetzt.
Massenansturm auf Christos Kunstprojekt: Die drei Kilometer langen Schwimmstege am Iseo-See sind noch bis Sonntag geöffnet. | Foto: Venezia/dpa

Bei Christo am Iseo-See

Übers Wasser laufen

Endlich: 6 Uhr morgens, Schuhe aus und barfuß die ersten Schritte auf der goldgelben Konstruktion: Die spektakuläre Wasserbrücke fühlt sich viel stabiler an als erwartet, die Fußsohlen spüren nur hin und wieder das leichte Schaukeln der Wellen auf dem Iseo-See. Nicht ganz wie ein Gang übers Wasserbett, den Aktionskünstler Christo versprochen hat. Trotzdem faszinierend und einzigartig. Tausende Kunst-Schaulustige zücken nach den ersten vorsichtigen Schritten ihre Kameras, Smartphones oder Camcorders, um den Moment des Kennenlernens festzuhalten, von dem sie später noch viel erzählen – korrekter: noch viel schwärmen werden. „Dafür haben sich alle Strapazen gelohnt“, sagt die mit einer orangefarbenen Bluse bekleidete Mittfünfzigerin aus der Region Karlsruhe, die ihren Ehemann tagelang verbal bearbeitet hat, bis sich dieser um des ehelichen Friedens willen zu dem Kurztrip an den kleinsten der vier oberitalienischen Seen breitschlagen ließ.

Strapazen mutet der 81-jährige Bulgare Christo seinen Fans schon zu, wenn sie den schwimmenden Steg in den Bergamasker Alpen hautnah erleben wollen. Der Massenandrang im kleinen Örtchen Sulzano am steilen Osthang des 25 Kilometer langen Sees ist so groß, dass die Behörden trotz der Hitze zeitweise die Zufahrtsstraßen weiträumig blockieren und die anfahrenden Züge stoppen. 50 000 bis 60 000 Menschen sorgen täglich für einen Infarkt der Infrastruktur.

1000 Euro für ein freies Bett

Übernachtungsquartiere sind in einem weiten Umkreis ausgebucht, einige Geschäftemacher verlangen für eines der noch wenigen freien Betten am See 800 bis 1 000 Euro die Nacht. Wer das nicht zahlen will oder kann, muss ausweichen. Etwa in den 60 Kilometer entfernten Skiort Borno. „Von Christo profitiert die ganze Region“, sagt der Geschäftsführer des Drei-Sterne Hotels Linda, der plötzlich zahlreiche deutsche Kunstliebhaber beherbergt, die sich sonst nie hierher verirrt hätten.

Verzicht auf Frühstück

Viele lassen das Frühstück sausen, um möglichst vor der Masse am Iseo-See zu sein. Doch den schlauen Einfall hatten auch andere. Schon um 4.30 Uhr laufen auf den Uferstraßen zahlreiche Gruppen kilometerweit auf das hermetisch abgeriegelte Sulzano zu, die Parkplätze in den Nachbarorten füllen sich weit vor Sonnenaufgang mit Fahrzeugen aus ganz Europa. Vor dem Rathaus warten bereits mehrere Tausend Nachtschwärmer oder Frühaufsteher darauf, dass sie von Christos Helfern (insgesamt gibt es 500 von ihnen) auf die „Floating Piers“ gelassen werden.


Die 16 Meter breite Promenade der besonderen Art führt zunächst auf Monte Isola, die sonst nur per Boot oder Fähre zu erreichende Insel gegenüber von Sulzano. Von dort spazieren die Besucher auf zwei weiteren, mit dem goldgelben Stoff eingepackten Plastikstegen zur winzigen Privatinsel San Paolo. Vor 40 Jahren hatten der Aktionskünstler Christo und seine mittlerweile verstorbene Frau Jeanne-Claude die Idee, auf dem Wasser zu wandeln. Nach planerischen Fehlschlägen in Buenos Aires und Tokio klappte es erst im Sommer 2014 in Oberitalien mit der Umsetzung.

Zauber muss man erleben

Der morgendliche Seespaziergang der besonderen Art entwickelt sich schnell zum Happening: Eine Familie aus Düsseldorf setzt sich in einen Kreis und packt ihr Frühstück aus, ein Pärchen aus New York hält eine Andacht mit dem Foto eines verstorbenen Freundes. Andere Gruppen genießen wortlos die aufgehende Morgensonne und den besonderen Moment. „Den Zauber von Christo kann man nicht in Worte fassen, den muss man erleben“, sagt Yvonne aus Kassel und schmiegt sich an ihren Freund.

Zahlen zu Christo

  • 220000 Polyäthylen-Würfel mit den Maßen 50 cm x 50 cm x 50 cm erzeugen eine mobile Wasserbrücke von drei Kilometern Länge.
  • 200 Betonanker mit jeweils 5,5 Tonnen Gewicht liegen auf dem Seeboden und sind durch 37000 Meter Seil mit den Floating Piers verbunden. Dadurch bleiben diese auch bei Wind und Wellen an Ort und Stelle.
  • Der orangefarbene Stoff für die drei Kilometer Wasserfläche und zusätzliche zweieinhalb Kilometer Gehwege an Land bedeckt eine Fläche von 100000 Quadratmetern, das entspricht zehn Hektar.
  • 15 Millionen Euro hat Reichstagsverhüller Christo für sein neuestes Werk berappen müssen. Wie immer hat er das Land-Art-Projekt durch den Verkauf von Projektzeichnungen finanziert. Der Eintritt ist kostenlos.
  • Die Würfel werden durch 220000 Steckverbindungen und 70000 Quadratmeter Netze zusammengehalten.
  • Die Schwimmstege sind 16 Meter breit. Die Würfel an den Seiten sind mit Wasser gefüllt, wodurch die ganze Konstruktion leicht gewölbt ist.
  • Die spektakuläre Großinstallation ist noch bis zum Sonntag, 3. Juli, am Lago Iseo in Oberitalien zu erleben. Weitere Infos gibt es hier.