Vor 125 Jahren fanden Ingenieure den richtigen Dreh für die Stromversorgung in der Fläche.
Vor 125 Jahren fanden Ingenieure den richtigen Dreh für die Stromversorgung in der Fläche. | Foto: Patrick Seeger/dpa

Anfänge der Elektrifizierung

Baden unter Strom: Keimzelle Murgtal

Zwei Stunden anstehen, nur um einmal das Licht an- und ausdrehen zu dürfen? Für Menschen, die daran gewöhnt sind, dass der Strom aus der Steckdose kommt, ist das kaum vorstellbar. Aber als im Jahr 1881 in Paris eine Elektrizitätsausstellung stattfand, war elektrischer Strom noch Luxus pur – und die Leute warteten geduldig darauf, die neue Technologie „ausprobieren“ zu dürfen.

Vor 125 Jahren fanden Ingenieure den richtigen Dreh

Zehn Jahre später – vor 125 Jahren – nahm mit der ersten Drehstrom-Fernübertragung vom Wasserkraftwerk in Lauffen am Neckar ins 175 Kilometer entfernte Frankfurt am Main der Aufbau flächendeckender Stromversorgungsnetze seinen Anfang. Allerdings sollte es noch Jahrzehnte dauern, bis ganz Deutschland „elektrisiert“ war.

Am 25. August 1891 gelang es erstmals, Strom über eine längere Strecke zu übertragen – von Lauffen am Neckar über Heilbronn und Eberbach ins 175 Kilometer entfernte Frankfurt. Dort erleuchtete der Strom aus dem fernen Wasserkraftwerk bei der „Internationalen Elektrotechnischen Ausstellung“ das mit 1 000 Glühlampen verzierte Eingangstor und ein 100-PS-Motor hielt einen künstlichen Wasserfall am Laufen. Im „Technoseum“, dem Technikmuseum in Mannheim, erinnern heute ein verkleinerter Nachbau des Tores sowie Objekte aus der Frühzeit der Elektrifizierung an das Ereignis.
Gleichstrom oder Drehstrom? „Ende des 19. Jahrhunderts gab es unter den Pionieren der Elektrifizierung eine kontrovers geführte Debatte darüber, wie öffentliche Einrichtungen und private Haushalte mit Elektrizität versorgt werden sollten“, sagt Thomas Herzig vom Technoseum. 1882 hatte es bereits einen Versuch gegeben, Gleichstrom vom bayerischen Miesbach ins 50 Kilometer entfernte München zu übertragen – jedoch betrug der Wirkungsgrad nur 22 Prozent. Mehr versprach man sich von der Alternative Drehstrom, auch dreiphasiger Wechselstrom genannt: Mit Transformatoren ließ sich seine Spannung verändern. Aus dem Generator eines Kraftwerks konnte sie auf mehrere tausend Volt hochgespannt und ohne große Verluste über längere Strecken transportiert werden. Als Energielieferant für die Frankfurter Ausstellung diente das Neckarkraftwerk in Lauffen, das für ein Zementwerk errichtet worden war, aber genug Energie produzierte, um einen Teil abzuzweigen.
Mit dem richtigen Dreh und von der Reichspost gebauten Leitungen funktionierte es: Die Anlagen arbeiteten bis zum Ausstellungsende im Oktober. Und: Der Wirkungsgrad von 75 Prozent galt als sensationell hoch. Nach dem Ende der Frankfurter Schau wurde der Strom von Lauffen weiterhin bis nach Heilbronn geleitet, das so als weltweit erste Stadt eine Drehstromversorgung erhielt.

Wie das Abenteuer der Elektrifizierung in Baden begann

In Baden begann das Abenteuer der Elektrifizierung am Hochrhein bei Rheinfelden – dort ging 1898 das damals größte europäische Laufwasserkraftwerk in Betrieb. Die Konzession dafür war an ein Konsortium unter Führung der Berliner AEG vergeben worden – noch schienen dem badischen Staat die Chancen der neuen Technologie zu ungewiss, als dass er sich direkt beteiligen wollte. Doch schon bald wurde die Wasserkraft als „weiße Kohle“ gerühmt – und das Unbehagen an ihrer privatwirtschaftlichen Ausbeutung wuchs. Aber erst im November 1918 nahm am Oberlauf der Murg bei Forbach das erste staatliche Wasserkraftwerk Badens den Betrieb auf – wegen der politischen Wirren unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg ohne viel Tamtam.

Das Murgtal – Keimzelle der badischen Landeselektrizitätsversorgung

Als „Keimzelle der badischen Landeselektrizitätsversorung“ bezeichnet Thomas Herzig – er ist Leiter der Abteilung „Ausstellungen“ im Mannheimer Technoseum – das Murgtal. Als im Karlsruher Ständehaus 1912 der Bau eines „Murgwerkes durch den Staat“ beschlossen wurde, war die Elektrifizierung im Großherzogtum „zweigeteilt“: Im Norden dominierte die Dampfkraft auf Kohlebasis, im Süden setzte man auf Wasserkraft – der Hochrhein mit seinem relativ hohen Gefälle machte es möglich. Hinzu kamen kleinere Elektrizitätswerke in Schwarzwaldtälern. Etwa ein Drittel der badischen Gemeinden konnte so zumindest theoretisch mit Strom versorgt werden – gut war die Situation etwa in Mannheim, Achern und Lörrach.

„Bollwerk gegen das Monopolkapital“

Es gab jedoch viele „weiße Flecken“ – bei Durlach beispielsweise oder bei Eppingen, schreibt Herzig in dem Buch „Industrialisierung im Nordschwarzwald“ (Oberrheinische Studien Band 34). Viele Abgeordneten geißelten die „Rosinenpickerei“ der großen Kapitalgesellschaften bei der Stromversorgung – sie würden sich nur in bevölkerungs- und gewerbereichen Gebieten, die viel Gewinn versprachen, engagieren. Allein durch den staatlichen Kraftwerksbau, darüber waren sich Vertreter aller Parteien einig, könnte man die Interessen der Bevölkerung schützen. So wurde das geplante Murgwerk als Bollwerk gegen das „Monopolkapital“ gefeiert. Selbst Wirtschaftsliberale und Konservative wie der Mühlenbesitzer Christian Gierig aus Ettlingen begrüßten die „Sozialisierung“ der Energiewirtschaft.

Forbacher Kraftwerkskomplex und Schwarzenbach-Talsperre

Der Forbacher Kraftwerkskomplex („Rudolf-Fettweis-Werk“) wurde nach dem Ersten Weltkrieg in mehreren Abschnitten ausgebaut. Zu ihm gehört die unter der Leitung von Rudolf Fettweis 1922 bis 1926 errichtete Schwarzenbach-Talsperre, die schon in der vorausschauenden Planung des Karlsruher Wasserbauingenieurs Theodor Rebock zu Anfang des 20. Jahrhunderts vorgesehen war.

Das Bauwerk mit der 65 Meter hohen und 380 Meter langen Staumauer galt als technische Pionierleistung – und fasziniert bis heute: die gewaltige Mauer und der große Stausee bilden ein beliebtes Ausflugsziel.

Die Schwarzenbach-Talsperre.
Die Schwarzenbach-Talsperre. | Foto: Patrick Seeger/dpa/Archiv

Die Versorgung mit elektrischer Energie als Staatsaufgabe

In der Republik Baden war es Thomas Herzig zufolge nach 1918 keine Frage, dass die Elektrizitätsversorgung Teil der Sozialpolitik und damit Staatsaufgabe war. Hochspannungstechnisch sollten die Regionen zusammengeführt und eine Verbindung der Wasserkräfte des Schwarzwaldes mit den Dampfkraftwerken in Mannheim und Karlsruhe geschaffen werden. 1929 waren nur noch neun von über 1 500 badischen Gemeinden ohne Stromanschluss. Dafür hatte vor allem die 1921 gegründete Badische Landeselektrizitätsversorgung AG gesorgt, deren Aktien sich sämtlich in Staatsbesitz befanden. Das später Badenwerk genannte Unternehmen fusionierte 1997 mit der Energieversorgung Schwaben zur EnBW.

Ohne Strom bricht alles zusammen

Die flächendeckende Stromversorgung: Was vor 125 Jahren zögerlich begann, stellt als Aufgabe der Daseinsvorsorge Politik und Technik vor immer neue Herausforderungen – gerade jetzt wieder im Zeichen der Energiewende. Denn elektrische Energie ist zum „Lebensnerv“ der Gesellschaft geworden. Das „Krisenhandbuch Stromausfall Baden-Württemberg“ lässt kleinen Zweifel: Ohne Elektrizität würden Wirtschaft und Gesellschaft schon nach wenigen Tagen vollständig zusammenbrechen.

Buch über die Industrialisierung im Nordschwarzwald: Einen Wandel „vom tiefsten Urwald bis zum modernsten Wasserkraftspender und Industrierevier“ habe das Murgtal in einem Jahrhundert durchgemacht, schrieb ein Journalist in den 1920er Jahren. Auch im Band 34 der Oberrheinischen Studien, der sich mit der Industrialisierung im Nordschwarzwald befasst, taucht das Murgtal immer wieder auf: als Deutungsort eines im Südwesten im Vergleich zu anderen deutschen Staaten spät einsetzenden Prozesses, der die Region massiv veränderte. So wird das Murgtal nicht nur als Keimzelle der badischen Landeselektrizitätsversorgung betrachtet – im Fokus stehen unter anderem die Holz- und Papierindustrie, die Glasfabrikation und die Automobilindustrie. Dabei legen die Autoren aus verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen (neben Historikern und Volkskundlern ist etwa auch ein Geoökologe beteiligt) ihr Augenmerk nicht nur auf technische Innovationen und Probleme der Wirtschaftlichkeit – vielmehr ziehen sich Themen wie Strukturwandel, soziale Umschichtung und Landschaftsveränderung durch nahezu alle Beiträge und verweisen auf aktuelle Fragestellungen. Dass die „Entzauberung der Welt“ auf dem Weg in die Moderne eine neue Sehnsucht nach ländlicher Idylle bewirkte und im Schwarzwald die „weiße Industrie“ des Tourismus beflügelte, wird ebenfalls beleuchtet. Der Band geht auf eine Tagung der Arbeitsgemeinschaft für geschichtliche Landeskunde am Oberrhein zurück; die in Gernsbach gehaltenen Referate wurden für den Druck aufgearbeitet und durch weitere Aufsätze – etwa über die Pforzheimer Industrie – ergänzt.
Rainer Hennl und Konrad Krimm (Hg.), Industrialisierung im Nordschwarzwald, Oberrheinische Studien Band 34, herausgegeben von der Arbeitsgemeinschaft für geschichtliche Landeskunde am Oberrhein, 302 Seiten, 99 Abbildungen, Verlag Jan Thorbecke, 34 Euro.