Nießen Sie lieber nicht, wenn Sie gerade mit vollem Mund bei einem Staatsbankett sitzen, weiß Autor Max Goldt aus eigener Erfahrung. Das war aber nicht der einzige Rat, den er mit zur Lesung gebracht hatte.
Nießen Sie lieber nicht, wenn Sie gerade mit vollem Mund bei einem Staatsbankett sitzen, weiß Autor Max Goldt aus eigener Erfahrung. Das war aber nicht der einzige Rat, den er mit zur Lesung gebracht hatte. | Foto: Ehmann

Max Goldt liest in Pforzheim

„Vermisst habe ich auch die Eierbecher“

Max Goldt mag die Provinz. Wie Pforzheim eine ist. Denn man wisse ja nicht, ob überhaupt jemand kommt. Aber es kamen einige – um zu hören, dass man Falken in Katar für seine Gäste aufschlitzt, wie man das Käseregal im Supermarkt anstößigerweise für Systemkritik benutzt oder sich bei seiner Hotelbewertung möglichst lächerlich macht. Aus den Büchern „Räusper“ und seinem gerade erschienenen Sammelband „Lippen abwischen und lächeln“ las Goldt im Pforzheimer Kulturhaus Osterfeld vor.

Erlebnisse in Doha

Letzteres beginnt mit „Charlys Tante in der Wüste“. Der Protagonist erhält eine Einladung vom befreundeten Journalisten Herrn Schmitt, nach Katar. Weil dessen Frau „so was von keine Lust“ auf eine Reise nach Doha hat. Im dortigen Ritz Carlton treffen die beiden auf „den Fußballspieler Stefan Effenberg in Begleitung einer mit engen Dingen bekleideten Dame“ und dürfen in der Falkenklinik einer Operation beiwohnen – aus erster Reihe. „Wie ich nun dastand und ohne Mundschutz in die Eingeweide des Vogels schaute, kam mir ein Gedanke, der mich schon einmal befallen hatte, und zwar, als mir ein freundlicher Germanist im Marbacher Literaturarchiv ohne trennende Glasplatte eine Kafka-Handschrift vorlegte, nämlich: ,Ich könnte da jetzt draufspucken!‘“ Das würde er „um Himmels Willen“ natürlich niemals tun – nicht einmal nachts auf Bürgersteige, versicherte Goldt. Er neige ja nicht zu neurotischen Attentaten.

Pinkeln als Kapitalismuskritik

Von Kapitalismuskritikern wünscht sich Goldt etwas mehr Tatkraft – so wie der Stehpinkler in „Der Dreckskerl, der Pissfritz, die durchgeknallte Alte und der Streudienst“ aus dem „Räusper“-Buch. Dort hat es sich im Supermarkt zugetragen, dass ein „Pissfritz“ sich ins Käseregal erleichtert. Er scheint das öfter zu tun, für den Dreckskerl ist das allerdings neu, woraufhin er sein Handy zückt. „Was instagramst du mich?“, schreit ihn der Pissfritz an. Diese Regalpinkelei sei doch „eine tolle Art der Kapitalismuskritik, aber darauf kommen die Anarchoschlafmützen ja nicht“, findet Goldt. Kritik gibt ja überhaupt so einiges her – viel mehr als beispielsweise das Glück, das in der Literatur keinen leichten Stand habe. Und weil die Menschen unglaublich gern kritisieren, hat Goldt für seinen Text „Deutsche im Hotel“ dort gesucht, wo besonders umfassend geschimpft wird, nämlich auf Hotelbewertungsportalen.

Eier ohne Becher und zu wenig Joghurt

„Im Zimmer Schlafanzug in die Ecke geschlampt. Blöde mannshohe Piratenfigur neben dem Lift hat mich jedes Mal zu Tode erschreckt. Beim Duschen fiel ständig die Brause ab, wir mussten uns mit dem abgebrochenen Schlauch duschen. Vermisst habe ich auch die Eierbecher zu den immerhin vorhandenen Eiern. Die Joghurts sind in so geringer Zahl vorhanden, dass eigentlich nie welche da sind. Eine richtig schöne Idee waren allerdings die hinter die Scheibenwischer geklemmten Gummibärchen in der Tiefgarage.“ Auf die Geweihe an der Wand hätte er allerdings verzichten können, zitiert der Autor einen besonders stilbewussten Hotelbesucher. Goldts ruhige Art zu lesen lassen die Online-Hinterlassenschaften noch komischer wirken, als sie es auf Papier ohnehin schon tun. Er beobachtet den Alltag so genau, wie nur wenige und treibt satirisch auf die Spitze, was vor lauter Reizüberflutung aus dem Blickfeld des modernen Menschen verschwindet.

Menschen gewöhnen sich an alles

Und Goldt hat genug erlebt, um seine Leser an gesammelten Lebensweisheiten teilhaben zu lassen. Er weiß zum Beispiel, dass es recht unangenehm ist, mit vollem Mund bei einem Staatsbankett zu nießen, man nicht mit religiösen Fundamentalisten in Seilbahnen diskutiert oder „es ans Piepegale grenzt, wie man sein Kind nennt“. Der Mensch gewöhne sich schließlich an alles – auch an „Zsá Zsá Inci“. „Also nennen Sie Ihr Kind doch einfach irgendwie.“