Klare Mehrheit der Bürgermeister ist männlich

Frauen meiden Rathäuser

Von Christine Storck

Der typische Bürgermeister in Baden-Württemberg ist Verwaltungsfachmann und männlich: Das hat sich nach einer aktuellen Studie der Kehler Hochschule für öffentliche Verwaltung in den vergangenen 30 Jahren kaum verändert. Nur fünf Prozent der amtierenden Rathauschefs sind Frauen, sagte Hochschulrektor Paul Witt jetzt bei einer Pressekonferenz. Unter den Oberbürgermeistern sind es immerhin doppelt so viele.
Im kommunalen Alltag sind weibliche Verwaltungschefs wie die kürzlich in Sasbachwalden gekürte Sonja Schuchter eine Seltenheit. Doch das dürfte sich in Zukunft ändern, wenn man die Geschlechterverteilung an der „Bürgermeisterschmiede“ genannten Kehler Hochschule für öffentliche Verwaltung betrachtet. Nach Angaben von Rektor Paul Witt sind aktuell 72 Prozent der Studierenden Frauen, mit steigender Tendenz. Vor 43 Jahren sah die Lage ganz anders aus. Da waren es zu 80 Prozent Männer. Grund für die Umkehr sei unter anderem eine Tendenz zur „Feminisierung“, ähnlich wie auch bei Lehrern oder Juristen. Den gehobenen Beamtenstatus nach einem Studium könnten sich darüber hinaus auch viele Frauen gut mit einer Familie vorstellen.
Den Berufswunsch Bürgermeister hege aber lediglich eine Minderheit von 17 Prozent der Studentinnen im letzten Semester. Das habe eine Erhebung an der Hochschule gezeigt. Als Einschränkung empfinde mehr als die Hälfte der Befragten eine geringe Privatsphäre, wenig Freizeit sowie unregelmäßige Arbeitszeiten. Vorstellen könnten sich mehr als 50 Prozent den Job sowieso erst ab dem 30. Lebensjahr. Coaching und Teilzeit-Angebote könnten die Attraktivität des Amtes allerdings erhöhen.
Diese Tendenz scheint sich in der Realität wiederzufinden: Mehr als 50 Prozent der von einer Projektgruppe der Hochschule befragten Bürgermeisterinnen im Land ist zwischen 46 und 55 Jahre alt, jeweils 40 Prozent haben keine oder zwei Kinder. Die Stressbelastung durch das Amt schätzen rund 70 Prozent zudem als hoch bis sehr hoch ein. „Der Berufswunsch entsteht oft erst nach ein paar Jahren“, erklärte Paul Witt. Schon während des Studiums entsprechende Mentoring-Kurse anzubieten, hält der Rektor jedoch für schwierig. Aktuell gebe es aber ein Seminar für frisch ins Amt Gewählte. Rund 90 Prozent der Bürgermeister sind trotz allem jedoch zufrieden mit ihrer Tätigkeit und würden sich wieder dafür entscheiden. In dieser Frage sind sich beide Geschlechter einig.
Die Kehler und die Ludwigsburger Hochschulen für öffentliche Verwaltung werden ihrem Ruf als „Bürgermeisterschmiede“ aber auch nach 30 Jahren noch gerecht: Die Statistik besagt, dass auch 2015 rund drei Viertel der amtierenden Rathauschefs in Baden-Württemberg Absolventen dieser beiden Einrichtungen waren.
Laut der Kehler Studie stammen gut 80 Prozent der (männlichen und weiblichen) Rathaus-Chefs aus der näheren Gegend ihres Dienstortes, aber nur 15 Prozent aus der Gemeinde selbst. Knapp zehn Prozent hatten den Posten bereits in einer anderen Kommune inne. Mehr als die Hälfte ist dabei politisch unabhängig: Während 1984 noch 49,2 Prozent einer Partei angehörten, sind es 2015 nur noch 43,1 Prozent.
Das Durchschnittsalter der Bürgermeister im Land ist in den vergangenen drei Jahrzehnten von 43,5 auf 49,8 Jahre gestiegen. Während 1984 noch 17,8 Prozent jünger als 35 Jahre waren, sind dies 2015 nur noch 8,2 Prozent. Vor 30 Jahren traten mehr als die Hälfte der Bürgermeister ihren Job vor dem 30. Geburtstag an, heute sind dies noch knapp 20 Prozent. Kandidaturen gegen Amtsinhaber nehmen dabei offensichtlich zu, gerade auch durch Frauen: Mehr als zehn Prozent der heutigen Bürgermeister sind schon gegen einen Amtsinhaber angetreten. Knapp 30 Prozent der Frauen kandidierten und gewannen gegen einen Amtsinhaber, der sich wieder zur Wahl stellte.