Stolze Erscheinung: Die P 8 des Eisenbahnmuseums Heilbronn auf dem Weg von Bühl Richtung Achern
Stolze Erscheinung: Die P 8 des Eisenbahnmuseums Heilbronn auf dem Weg von Bühl Richtung Achern | Foto: Thomas Gries/Modellclub 1:87 Lichtenau

Bühler Bahngeschichten

Viel Arbeit für die kleine T 3

Bahngeschichten gibt es in Bühl jede Menge. Bis 1956 konnte man angesichts von Bühlertalbahn und MEG von einem Bahnknoten sprechen. Das Empfangsgebäude gehört zu den ältesten erhaltenen seiner Art in Deutschland. Die Güterhalle war ein wichtiger Obstumschlagplatz. Die beschrankten Bahnübergänge und der Ausbau der Rheintalbahn sind weitere Kapitel dieser spannenden Geschichte, über die der Acher- und Bühler Bote in loser Folge berichtet.

Ordenlich genschnauft hat die kleine T 3 angesichts der Last wohl schon, als sie am 27. Mai 1954 nach Bühlertal fuhr. Zum üblichen Personen- und Galeriepackwagen gesellten sich an diesem Tag ein ehemaliger sächsischer Schnellzugwagen aus dem Jahr 1910, Vierachser versteht sich, und ein nicht minder mächtiger (wie ebenfalls historischer) preußischer Stahlwagen, der einst ebenfalls Passagiere beförderte.

Wuppertaler Modellbahner im beschaulichen Bühlertal

Doch was und vor allem wer machte dem beschaulichen Bühlertalbähnle so viel Arbeit? Es war die Eisenbahn, oder besser, die Modellbahner. Der Modell-Eisenbahn-Club (MEC) Wuppertal war auf Tour mit einer aufwändig gestalteten Modellbahn-Anlage. Und: An Bord war mit Carl Bellingrodt (1897–1971) der deutsche Eisenbahnfotograf schlechthin.

Eisenbahnfotograf Carl Bellingrodt lichtet Bahnhof ab

Wer schon mal ein sorgsam arrangiertes Lokomotivbild aus der guten alten DB-Zeit (oder davor der Reichsbahnzeit) gesehen hat, eine dieser tollen Landschaftsaufnahmen mit einem Zug darinnen: Im Zweifelsfall handelt es sich ohne Zweifel um ein Werk des Meisters. Der war Gründungsvorsitzender des MEC, und aus dem Trip ins Tal resultiert auch dieses wunderbare Bild mit dem Bühlertalbahn- Zug vor dem Untertäler Bahnhof. Der befand sich in Höhe der Abfahrt zur Bosch (früher Avog und mit eigenem Anschlussgleis). So mancher mag sich bei der Fahrt auf der Landstraße gewundert haben, warum es dort so eben ist – es handelt sich um das ehemalige Gleisfeld vor dem Bahnhof.

Jubiläumsaktion der Eisenbahndirektion Wuppertal

Warum „CB“ samt Verein und Modellbahn auf Tour ging, hat einen Grund. „1950 feierte die Eisenbahndirektion Wuppertal ihr 100-jähriges Bestehen. Zu diesem Jubiläum wollte man natürlich etwas bieten“, erklärt Thomas Gries vom Modellclub 1:87 Lichtenau, der der Geschichte der Bühlertalbahn erforscht und sich bestens auskennt. Vereinschef Thomas Kohler ergänzt: „Und da hat sich der Modellclub erlaubt, den Sonderzug nachzubauen.“ Von der Stange gibt es die beiden Wagen, mit denen die Wuppertaler durch Deutschland tourten, nicht. Aber es gibt Thomas Gries, den Airbrusher Thomas Glaser und Modellclub-Kollege Frank Bäuerle.

Der Modellclub Lichtenau hat sich erlaubt, den Sonderzug nachzubauen.

Dank deren Fingerfertigkeit und Kenntnis entstand aus einem handelsüblichen Fleischmann-Wagen in HO der „alte Sachse“ des MEC mit seinen zugeschweißten Fenstern und seiner blauen Lackierung. Was sich drin befand, lässt sich auf den Seiten des MEC Wuppertal nachlesen: Eine aufwändige Modellbahn, die von der damaligen Schienenmagistrale über die Bimmelbahn bis zur Bergstrecke die deutsche Bahnlandschaft abbildete und ein modernes Drucktastenstellwerk. „Mit letzterem sprach die Bahndirektion natürlich die Fahrdienstleiter der DB an, die hier einen Einblick in die moderne Stellwerks- Technik erhalten sollten“, erläutert Kohler.

Modernisierungswelle bei DB in den 1950-er Jahren

Sukzessive war die DB in den Folgejahren nämlich dabei, genau die zu modernisieren. Wer schon mit dem Zug in die große Halle des Frankfurter Hauptbahnhofs – wie in allen ernst zu nehmenden Metropolen ein Kopfbahnhof – eingefahren ist, dem dürfte der futuristisch anmutende Turm an Gleis acht aufgefallen sein, er wurde 1957 fertiggestellt und beherbergt das zentrale Stellwerk der Station. Der zweite Wagen des MEC-Duos diente dem Begleitpersonal. Es war Aufenthaltsraum, Küche, Wohnzimmer und – so vermutet man – auch Schlafgelegenheit. Den Ausstellungswagen gibt es übrigens weltweit nur zwei Mal: zum einen in Wuppertal und dann in Lichtenau.

Modellbahn-Zug im Modell: Nein, das ist nicht doppelt gemoppelt. Im blauen Wagen befand sich wirklich ein Modellbahn und die kam bis ins Bühler Tal.
Modellbahn-Zug im Modell: Nein, das ist nicht doppelt gemoppelt. Im blauen Wagen befand sich wirklich ein Modellbahn und die kam bis ins Bühler Tal. | Foto: Thomas Gries

Eine Zeitungsnotiz aus dem Acher- und Bühler Bote vom 27. Mai 1954 macht Werbung für den besonderen Zug. „Eine Miniatur- Eisenbahnanlage wird am Freitag, 28. Mai, im Bahnhof Achern zu sehen sein. Die Bundesbahn veranstaltet dort eine Ausstellung von 60 Modell-Lokomotiven und 260 Modell-Wagen im Betrieb mit einem modernen Gleisbild-Stellwerk. Die Ausstellung ist geöffnet von 8.30 bis 13 Uhr und von 14 bis 20 Uhr.“ Es war nur einer von diversen „besonderen Zügen“, die in den vergangenen Jahrzehnten in der Zwetschgenstadt (beziehungsweise in Bühlertal) Station machten.

Historische Rheingoldwagen waren 1972 in Bühl zu besichtigen

So durften die Menschen aus Bühl und Umgebung am 14./15. April 1972 sich von Fernreisezug-Flair erster Güte umschmeicheln lassen, als zwei Wagen des legendären Rheingold in der Zwetschgenstadt zu besichtigen waren. Es handelte sich um den Speisewagen mit der Nummer 20508 und um den Gepäckwagen 90201.

„Denkwürdiges Stück Eisenbahngeschichte“

Auch in diesem Fall wusste der ABB-Leser mehr! Am 14. April berichtete die Zeitung: „Wer ein denkwürdiges Stück deutscher Eisenbahngeschichte kennenlernen will, kann den ersten deutschen Luxus-Express ‚Rheingold‘ aus dem Jahr 1928 morgen, 15. April, zwischen 9 und 12 Uhr unentgeltlich auf dem Bühler Bahnhof besichtigen.“

Kölner Eisenbahn-Club hat Luxuszug restauriert

Kompetente Führungen gab es durch die Mitglieder des Kölner Eisenbahn-Clubs, die die historischen Wagen restauriert hatten. Es war eine Hommage an den bekannten Alleskleber, denn das Uhu-Werk hatte die Modellbaufraktion der Kölner großzügig unterstützt, worauf die mit ihrem Schmuckstück zum Dank in die Zwetschgenstadt kamen.

Ausflüglerzüge kamen ebenfalls in Bühlertal

Da die Modellclub-Mitglieder aus Lichtenau eifrige Modellbauer wie Erforscher der regionalen Bahngeschichte gleichermaßen sind, kann Kohler ohne viel Federlesens die Bespannung der Zugs liefern: Hin ging es mit E-Lok 112 494 und zurück führte 110 406 den Zug. Vermutlich seien die Wagen in einen Planzug eingestellt gewesen, so die Experten. Und es gab noch mehr besondere Züge: Per Sonderexpress reisten am 29. Mai 1954 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Ölgesellschaft Mannheim über Bühl nach Bühlertal.

Viel Arbeit für Bühlertalbahn-Dampflokomotiven

Es waren sieben Reisezugwagen, die in Bühl getrennt wurden. Das Viererpaket zog eine Güterzug-Dampflok der Baureihe 50 ins Tal, drei Wagen wurden mit den beiden Bühlertal-Bahn-Dampfrössern befördert. Bereits am 29. Mai wurde wieder „Monnemerisch“ im Tal gesprochen, als ein Dieseltriebwagen 200 Bedienstete des Schiffervereins Mannheim in die Frühsommerfrische brachte. Auf der Rückfahrt sprang der Triebwagen aus den Schienen. Personenschaden gab es glücklicherweise nicht.

Hilfszug-Mannschaft bringt Dieseltriebwagen zurück auf Schienen

Eine Hilfszugmannschaft brachte den Diesel mittels hydraulischem Gerät wieder auf die Gleise, die „Schiffer“ waren längst mit einem Sonderzug wohlbehalten zu Hause angekommen. Auch das war dem ABB damals eine Meldung wert. So gab es in den Hochzeiten der DB, als Bühl noch ein Bahnknoten war, immer wieder Besonderes auf den Schienen.

Auch der ET 403 stellte sich in Bühl vor

Tanz- und Skizüge fuhren ins Bühler Tal und so manche technische Errungenschaft wurde im Bahnhof Bühl präsentiert. Letzteres am 10. April, als der ET 403, ein Elektrotriebwagen, der nicht zu Unrecht „Entenschnabel“ oder „Donald Duck“ genannt wurde, zu besichtigen war. Auch heute noch gibt es immer wieder „Fuhren“, die das Herz der Eisenbahnfans höherschlagen lassen, ob nun mit einer Dampflok bespannte Sonderzüge oder auch mal eine Überführungsleistung mit einem Schweizer Krokodil.

 

Schnellzugdampflok 01 1066 macht am 6. Januar 2013 Station in Bühl. Die historische Maschine der Ulmer Eisenbahnfreunde, Sektion Ettlingen, ist auf dem Weg zum Dreikönigsdampf auf der Schwarzwaldbahn. Die Lok wurde 1940 bei Schwarzkopff in Berlin gebaut, erhielt dann 1957 ihre Ölhauptfeuerung. Bei knapp 2500 PS Leistung bringt es die 1066 auf 140 Stundenkilometer Vmax
Schnellzugdampflok 01 1066 macht am 6. Januar 2013 Station in Bühl. Die historische Maschine der Ulmer Eisenbahnfreunde, Sektion Ettlingen, ist auf dem Weg zum Dreikönigsdampf auf der Schwarzwaldbahn. Die Lok wurde 1940 bei Schwarzkopff in Berlin gebaut, erhielt dann 1957 ihre Ölhauptfeuerung. Bei knapp 2500 PS Leistung bringt es die 1066 auf 140 Stundenkilometer Vmax | Foto: Jörg Seiler