Eine allgemeine Stallpflicht hält Michael Götz vom Bund Deutscher Rassegeflügelzüchter für unsinnig. Für die alten Haustierrassen (das Foto zeigt Deutsche Sperber) bedeutet sie oft den sicheren Tod.
Eine allgemeine Stallpflicht hält Michael Götz vom Bund Deutscher Rassegeflügelzüchter für unsinnig. Für die alten Haustierrassen (das Foto zeigt Deutsche Sperber) bedeutet sie oft den sicheren Tod. | Foto: Ulrich Coenen

Stallpflicht für Geflügel

Massentierhaltung als Ursache für Vogelgrippe?

Inzwischen herrscht Panikstimmung. Im Norden und Süden der Bundesrepublik grassiert die Vogelgrippe in ihrer gefährlichen Variante (H5N8). Zahlreiche Wildvögel sind verendet und in Schleswig-Holstein ließen die Behörden in einem Geflügelbetrieb 30 000 Tiere in einem Hochstrom-Wasserbad töten. Das Stuttgarter Ministerium für Ländlichen Raum hat für Baden-Württemberg eine allgemeine Stallpflicht erlassen.

Kritik an allgemeiner Stallpflicht

Michael Götz, Tier- und Artenschutzbeauftragter des Bundes Deutscher Rassegeflügelzüchter (BDRG) und Tierarzt in Rastatt, beobachtet die Entwicklung mit Sorge. In einer Pressemitteilung des BDRG warnt Götz, der über Geflügelkrankheiten promoviert hat, ausdrücklich vor einer allgemeinen Stallpflicht für Geflügel, die bereits in mehreren Bundesländern gilt.

Geschlossene Ställe bieten keine Sicherheit

Der Ausbruch der Vogelgrippe in einer industriell geführten Geflügelfarm in Schleswig-Holstein zeigt nach Ansicht des Experten, dass eine Aufstallung keinen sicheren Schutz bietet. „Die Übertragungskette wird dadurch offensichtlich nicht unterbrochen“, stellt er fest. Allerdings sieht Götz aktuell Unterschiede zum letzten großen Ausbruch der Seuche vor zwei Jahren. „Damals waren fast nur Tiere in den geschlossenen Systemen der großen Geflügelbetriebe betroffen“, konstatierte er. „Dieses Mal sind auch viele Wildvögel an H5N8 erkrankt.“

Ursachen sind umstritten

Die in den Medien kolportierte Behauptung des Friedrich-Löffler-Instituts, das Virus sei durch Zugvögel aus Russland nach Mitteleuropa eingeschleppt worden, hält Götz keineswegs für bewiesen. „Es gibt auch andere Theorien“, sagte er. „Der Nabu vertritt beispielsweise den Standpunkt, dass die Vogelgrippe vom Wirtschaftsgeflügel zu den Wildvögeln getragen wird. In diesem Herbst ist es schwierig, die Lage zu beurteilen, weil unstrittig viele Wildvögel betroffen sind. Vor zwei Jahren war aber eindeutig das Wirtschaftsgeflügel der Auslöser.“ Ursache könne, so Michael Götz, der Warenverkehr auf den Höfen sein.

Dass die Tiere in der industriell geführten Geflügelfarm in Schleswig-Holstein, wie in den Medien dargestellt, durch die Lüftungsschlitze des Stalls infiziert wurden, hält Michael Götz für extrem unwahrscheinlich. „Viren fliegen nicht durch die Luft“, meinte der Veterinarämediziner.

In Mittelbaden bisher keine Fälle

In Mittelbaden gab es bis heute noch keine Ausbrüche der Vogelgrippe. „Es gibt bei uns keine industrielle Geflügelhaltung, sondern nur mittelständische Betriebe und Hobbyhalter, die die vom Aussterben bedrohten alten Hühnerrassen züchten“, berichtete Götz, der selbst die bedrohte badische Hühnerrasse Sundheimer züchtet. 20 dieser alten Rassen stehen auf der Roten Liste der bedrohten Nutztierrassen.
Für diese Rassen ist nach Einschätzung des Experten ausschließlich die Freilandhaltung angemessen, weil diese Tiere ein anderes Temperament haben als die Lege- und Masthybriden in der industriellen Haltung. „Für 30 bis 50 Prozent der seltenen Rassehühner bedeutet die Aufstallung den Tod“, sagte Michael Götz. Eine Aufstallungspflicht sei deshalb nur in Sperr- und absoluten Risikogebieten sinnvoll.

Keine Gefahr für Menschen

Für den Menschen besteht nach Ansicht des Experten keine Gefahr. „Geflügel und Eier kann man sorglos verzehren, zumal beides zuvor erhitzt wird“, erklärte der Veterinärmediziner. „Bisher haben sich nur in Asien immungeschwächte Menschen mit dem Virus angesteckt. Ein so hoher Infektionsdruck wie dort besteht aber in Mitteleuropa nicht.“

 

Weitere Beiträge in den BNN zur Vogelgrippe und zu den vom Aussterben bedrohten Rassehühnern.