Zum Showdown kam es am Ortseingang von Ettlingen, wo die Polizei die beiden Geiselgangster an einer Tankstelle überwältigte.
Zum Showdown kam es am Ortseingang von Ettlingen, wo die Polizei die beiden Geiselgangster an einer Tankstelle überwältigte. | Foto: Sandbiller

Schwerverbrecher im Parkhaus

Vor 25 Jahren: Geiselgangster in Karlsruhe

Diese Räuberpistole hielt ganz Deutschland für gut 50 Stunden in Atem und zeigte, dass Gangster manchmal strohdumm sein können: Zwei Tage nach einer spektakulären Geiselnahme und ihrem  Ausbruch aus der Justizvollzugsanstalt Celle tauchen vier fieberhaft gesuchte Schwerverbrecher urplötzlich in Karlsruhe auf und werden nach einer dramatischen Verfolgungsjagd vor genau 25 Jahren geschnappt.

Konterfei auf allen Zeitungstiteln

Das Quartett, dessen Konterfei auf den Titelseiten so ziemlich aller Tageszeitungen der Republik prangt, sucht sich als Unterschlupf ausgerechnet das Parkhaus in der Amalienstraße direkt neben dem schwer bewachten Bundesgerichtshof aus. „So blöd kann man eigentlich gar nicht sein“, erinnert sich ein Fahnder an jenen Mittwoch im Oktober 1991, an dem sich die Ereignisse überschlagen.

Die Parkgarage in der Amalienstraße neben dem BGH hatten die Geiselgangster angesteuert. Zwei der Täter wurden in dem Fluchtauto überwältigt.
Die Parkgarage in der Amalienstraße neben dem BGH hatten die Geiselgangster angesteuert. Zwei der Täter wurden in dem Fluchtauto überwältigt. | Foto: dpa

Rückblende: Mithilfe selbst gebastelter Waffen überwältigen die vier Häftlinge in Celle am 21. Oktober drei JVA-Beamte und legen ihnen mit Sprengstoff gefüllte Halskrausen um. Sie erpressen einen Fluchtwagen und zwei Millionen D-Mark Lösegeld. Dann tauchen sie unter, die Polizei verliert ihre Spur. Am nächsten Tag geben die Behörden die Identität der Flüchtenden bekannt: Es handelt sich um den als „extrem gefährlich“ eingestuften, zweifachen Polizistenmörder Dirk D. sowie seine Kumpane Bruno R., Samir E. und Ivan J. – allesamt schwere Jungs. Auf ihrer Irrfahrt quer durch die halbe Republik (siehe Infografik) lassen sie nach und nach die drei Vollzugsbeamten frei.

Flucht mit drei Geiseln

Von Hannover geht es nach Magdeburg, wo die Geiselnehmer in aller Seelenruhe in der Innenstadt neue Kleidung kaufen. In Leipzig bestellen Dirk D. & Co. in einer Gaststätte in der Innenstadt ein Abendessen, bevor sie in Richtung tschechische Grenze aufbrechen, wo sie ihre letzte Geisel auf freien Fuß setzen. Während die Sicherheitsbehörden nun die Großfahndung auf das Erzgebirge konzentrieren, verduften die Gangster westwärts.

Quer durch die halbe Republik flüchteten die Geiselnehmer.
Quer durch die halbe Republik flüchteten die <Geiselnehmer. | Foto: Infografik: BNN

In den Vormittagsstunden des 23. Oktober 1991 steuern die Ausbrecher Karlsruhe an, um sich mit dem Lösegeld weitere schöne Dinge des Lebens zu gönnen. Eine äußerst riskante Aktion, denn ihre Konterfeis sind mittlerweile an jedem Zeitungskiosk in vielfacher Ausfertigung zu sehen. Kurz vor zwölf Uhr entdeckt ein Rastatter Autofahrer in jenem Parkhaus am BGH einen grünen Opel Ascona, in dem drei der Gesuchten sitzen, und alarmiert die Kripo. Die Karlsruher Polizei zieht nun alle Register und landet einen Erfolg, der in die Lehrbücher eingeht.

Zugriff auf Parkdeck fünf

Zunächst überrumpeln vier Kripobeamte Bruno R. und Samir E. im Fluchtwagen auf dem fünften Parkdeck. Ihre beiden shoppenden Kumpane haben die Absperrung um das Parkhaus und den Zugriff allerdings bemerkt, sie marschieren daraufhin in ein türkisches Lebensmittelgeschäft in der Hebelstraße, nehmen den Besitzer als Geisel und machen sich mit dessen grünen Golf davon. Aber nur in das nahegelegene Karstadt-Parkhaus, wo sie kurzerhand einer Kundin aus Pforzheim deren schwarzen BMW mit vorgehaltener Schrotflinte rauben.

Mobile Einsatzkommando wird aktiv

Während sich das Mobile Einsatzkommando an die Fersen von Dirk D. und Ivan J. heften, kommt es in Rüppurr zu einer ersten offenen Konfrontation mit den Verfolgern. Am Sportgelände des DJK Rüppurr kidnappt das Duo einen weiteren Autofahrer und steigt in dessen schwarzen Mercedes um. Das Opfer muss sich mit einer Sprengstoff-Halskrause in den eigenen Kofferraum legen. Die Weiterfahrt auf der Herrenalber Straße stadtauswärts gleicht nun einer Hetzjagd, mindestens 50 Polizeiautos mit Blaulicht beteiligen sich inzwischen an der Verfolgung.

Schusswechsel mit Polizei

Am Ortseingang von Ettlingen kommt es an der heute nicht mehr existierenden Shell-Tankstelle zum Showdown: Ivan J und Dirk D. werden bei dem Schusswechsel mit der Polizei schwer verletzt, die beiden Geiseln bleiben dagegen körperlich unversehrt. „Das hätte ganz böse ausgehen können“, so der damals beteiligte Fahnder mit Blick auf die zu diesem Zeitpunkt proppevolle Innenstadt.

 

Hohe Haftstrafen: Die Celler Geiselnehmer wurden zu hohen zusätzlichen Haftsstrafen verurteilt: Der 35-jährige Dirk D. erhielt zwölf, der 29 Jahre alte Kroate Ivan J. zehn Jahre Haft  und der 31 Jahre alte Libanese Samir E. acht Jahre Freiheitsstrafe. Der Schuldspruch lautete auf Menschenraub, Geiselnahme und räuberischer Erpressung sowie gemeinschaftliche Gefangenenmeuterei. Der vierte Geiselnehmer – der 37 Jahre alte Bruno R., der als die treibende Kraft des Geiseldramas galt – war vor dem Prozess  an Herzversagen in der Haft gestorben.