BRAUCHT MAN DAS? Smartwatches haben  Kinderkrankheiten wie unzureichende Akkulaufzeiten überwunden - sie lohnen sich jedoch nicht für jeden.
BRAUCHT MAN DAS? Smartwatches haben Kinderkrankheiten wie unzureichende Akkulaufzeiten überwunden - sie lohnen sich jedoch nicht für jeden. | Foto: Schuh/dpa

Nur cool oder auch praktisch?

Was die Smartwatch wirklich kann

Es ist gerade mal ein Jahr her, da prognostizierten viele Experten der Smartwatch eine rosige Zukunft. Die cleveren Armbanduhren galten als ultimative Technik-Gadgets, die ähnlich wie Smartphones und Tablet-PCs die Welt nachhaltig verändern sollten – ein absolutes Muss, nicht nur für Technik-Fans.

Verkaufszahlen eingebrochen

Doch die Absatzzahlen sind ernüchternd. Nach Angaben des Marktforschungsunternehmens IDC brachen die Verkäufe im dritten Quartal auf 2,7 Millionen Geräte ein – nicht einmal halb so viele wie im gleichen Vorjahreszeitraum. „Ihre Zeit ist noch nicht reif“, hatte die „Stiftung Warentest“ bereits 2015 getitelt und unter anderem die starke Smartphone-Abhängigkeit vieler Uhren bemängelt. Weitere Kritikpunkte waren kurze Akkulaufzeiten und die teils umständliche Bedienung.

NACHGEBESSERT: Viele Smartwatches, hier die Apple Watch Series 2, sind mittlerweile komplett wasserdicht. Foto: Gabbert
NACHGEBESSERT: Viele Smartwatches, hier die Apple Watch Series 2, sind mittlerweile komplett wasserdicht. Foto: Gabbert

Nicht von Kinderkrankheiten, sondern von fehlenden Features bei Smartwatches spricht Lisa Brack, Chefredakteurin Test und Kaufberatung bei „Chip“. „Nur bei wenigen Funktionen könne man das Handy daheimlassen, etwa beim Joggen, wenn die Smartwatch einen eigenen GPS-Sensor hat. Oder beim Schwimmen, sofern die Smartwatch nicht nur wasserfest, sondern auch -dicht ist.“ Beide Features seien mittlerweile Standard. Einige Modelle verfügen zusätzlich über Barometer und Höhenmesser.

UNTER KONTROLLE: Vor allem für Sportler kann sich eine Smartwatch lohnen. Sie trackt je nach Ausstattung zurückgelegte Distanzen, verbrauchte Kalorien und den Herzschlag. Foto: Klose
UNTER KONTROLLE: Vor allem für Sportler kann sich eine Smartwatch lohnen. Sie trackt je nach Ausstattung zurückgelegte Distanzen, verbrauchte Kalorien und den Herzschlag. Foto: Klose

Brack zufolge lohnt sich eine Smartwatch für technikbegeisterte Menschen – insbesondere solche, die laufend informiert werden möchten, was auf ihrem Handy los ist. Und natürlich für Sportler, die ihre Bewegungen messen und speichern wollen. So ist es möglich, unter anderem die zurückgelegte Strecke und verbrauchte Kalorien sowie durchschnittliche und maximale Geschwindigkeiten abzurufen. Wer die Smartwatch für sportliche Aktivitäten nutzen will, sollte auf einen Pulsmesser achten. Fahrradfahrer können die Uhren als Navi nutzen. Außerdem eignen sich die Geräte für soziale Netzwerke und Messaging mit Facebook und WhatsApp sowie für Kalendererinnerungen.

Manche Smartwatch wenig flexibel

Smartwatches lassen sich in zwei Gruppen einteilen: „Es gibt Modelle mit und ohne Sim-Karte“, sagt Markus Mizgalski von „PC-Welt“. Modelle mit Sim sind eigenständig, wie ein Smartphone-Ersatz am Handgelenk. Ohne Sim muss über Bluetooth eine Verbindung zum Handy hergestellt werden, was die Flexibilität deutlich einschränkt. „Übrigens ist der Preis einer Uhr kein Indikator dafür, zu welcher Gruppe sie gehört“, sagt Mizgalski. Als Beispiel führt er die TAG Heuer Connected an: Mit rund 1500 Euro liegt sie in der Oberklasse der smarten Zeitanzeiger, ist aber auf ein Smartphone angewiesen.

Zusätzliche Sim-Karte fürs Handgelenk

Zu den Uhren mit eigenem Sim-Karten-Slot gehören unter anderem die Modelle Samsung Gear S, LG Watch Urbane, Enox WSP88 und Omate True Smart. Laut Mizgalski sind das im Prinzip Android-Smartphones, die auf Handgelenk-Format gebracht wurden. „Für den Betrieb bedeutet dies, dass man entweder das Telefon durch die Uhr ablösen muss, oder aber eine Zweitkarte mit identischer Rufnummer beantragt, will man auch auf der Uhr unter der gewohnten Nummer erreichbar sein.“

Alle diese Uhren haben das Betriebssystem Android Wear. Das nutzen auch höherwertige Smartwatches ohne Sim wie Motorola Moto 360 oder Sony Smartwatch 3. „Während die populären Pebble-Watches durchaus die Installation vieler Apps zulassen, sind nahezu alle Uhren aus dem unteren Preissegment hier extrem limitiert“, sagt Mizgalski.

NUR ALS DOPPELPACK: Die Pebble Watch hat als Betriebssystem kein Android Wear an Bord. Mit einem Android-Smartphone arbeitet sie trotzdem gut zusammen. Foto: Warnecke
NUR ALS DOPPELPACK: Die Pebble Watch hat kein Android Wear an Bord. Mit einem Android-Smartphone arbeitet sie trotzdem gut zusammen. Foto: Warnecke

Apple hat mittlerweile drei technisch unterschiedliche Modelle seiner Apple Watch im Portfolio. Die neueste Apple Watch Series 2 bringt GPS, ein helleres Display und ein wasserdichtes Gehäuse mit. Um den vollen Funktionsumfang zu nutzen, muss die Apple-Uhr jedoch mit einem iPhone gekoppelt sein. Zum Telefonieren ist kein Bluetooth-Headset erforderlich, Lautsprecher und Mikrofon sind integriert.

ANPASSUNGSFÄHIG: Samsungs Smartwatch Gear S3 lässt sich vom Nutzer konfigurieren. Handelsübliche 22-Millimeter-Uhrenarmbänder passen an die Uhr, das Ziffernblatt kann nach Wunsch verändert werden. Foto: Nagel
ANPASSUNGSFÄHIG: Samsungs Smartwatch Gear S3 lässt sich vom Nutzer konfigurieren. Handelsübliche 22-Millimeter-Uhrenarmbänder passen an die Uhr, das Ziffernblatt kann nach Wunsch verändert werden. Foto: Nagel

Bei den anfänglichen Akku-Problemen haben viele Hersteller inzwischen nachgebessert. „Die Apple Watch Series 2 liefert mittlerweile eine doppelt so lange Laufzeit wie die erste Apple Watch“, sagt Lisa Brack. „In der Regel kann man davon ausgehen, seine Uhr alle zwei bis spätestens drei Tage zu laden.“ Kollege Mizgalski empfiehlt, sich vor dem Kauf einer Smartwatch unbedingt genau zu überlegen, wofür man diese benötigt. Sein Fazit: „Die günstigen Modelle sind eine bessere Mischung aus Freisprechanlage und Fernbedienung für das Smartphone, die teureren Exemplare lassen sich ausgedehnter konfigurieren und auch bis tief ins System hinein modifizieren.“   Jochen Wieloch