Spielerisch erfolgreich: Google-Mitarbeiterin Elizabeth Churchill nutzt in den von ihr geleiteten Teams Spiele mit Sprache, Perspektive und Rollen, um Nutzerverhalten und -bedürfnissen auf die Spur zu kommen.
Spielerisch erfolgreich: Google-Mitarbeiterin Elizabeth Churchill nutzt in den von ihr geleiteten Teams Spiele mit Sprache, Perspektive und Rollen, um Nutzerverhalten und -bedürfnissen auf die Spur zu kommen. | Foto: jodo

Wie Spielen der Arbeit nützt

Der bizplay-Kongress: Erfolgsgeschichten, kritische Töne und Magie

Spielen bei der Arbeit? Da denkt so mancher vielleicht an verstohlenes Handy-Daddeln unter dem Schreibtisch oder an eine nebenbei platzierte Sportwette in der Mittagspause. Dass jedoch immer mehr Firmen spielerische Elemente am Arbeitsplatz als Chance begreifen, Fähigkeiten von Mitarbeitern zu trainieren oder zu kreativen Lösungsansätzen zu kommen, zeigt die stetig wachsende Resonanz auf den Karlsruher Gamification-Kongress bizplay im Alten Schlachthof.

Was sind die Anwendungsbereiche?

Seit fünf Jahren bringt das von Steffen Walz initiierte Festival Game-Experten mit einem Fachpublikum aus Wirtschaft, Forschung und öffentlicher Verwaltung zusammen, um sich über den gewinnbringenden Einsatz von Spiele-Elementen im nichtspielerischen Umfeld auszutauschen – Themen der vergangenen Jahre waren unter anderem Gesundheit, Stadtleben, Mitarbeitermotivation oder Kundenkommunikation. Im Jubiläumsjahr standen nun Chancen durch neue Technologien, konkrete Anwendungsmöglichkeiten, aber auch bisher ungenutztes Potenzial der Branche im Mittelpunkt der Vorträge.

Dem Gehirn Zeit geben

„Manchmal muss man einen Schritt zurücktreten und dem Gehirn Zeit geben, ein Problem aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten – ich denke dabei immer gerne an Archimedes und sein ,Heureka‘ in der Badewanne“, erläutert Hauptrednerin Elizabeth Churchill zur Eröffnung des Kongresses das Potenzial von Spielen aus psychologischer Sicht.
Drei Formate nutze sie dabei bevorzugt in ihren Teams, verrät die Google-Mitarbeiterin, die sich auf die Erforschung von Nutzererfahrungen spezialisiert hat: Spiele mit Sprache, mit Perspektiven und Rollen. „Unsere Sprache prägt, wie wir die Welt sehen. Und Rollenspiele helfen, uns wirklich in eine andere Person einzufühlen.“

Mehr als nur „Big Data“

Dabei sei für Unternehmen wichtig, nicht nur „Big Data“ zu sammeln, sondern sich auch immer wieder die Diskrepanz zwischen der eigenen Perspektive und der des Nutzers vor Augen zu führen. „Nutzer rufen nicht sofort bei jeder neuen Technologie ,Hurra‘. In der Realität ist der Durchschnittsnutzer, wenn viele Gegenstände miteinander vernetzt sind, schon froh, wenn das dauernde Blinken und Piepen aufhört“, meint Churchill augenzwinkernd.

Die Handbremse ist noch angezogen

Kritische Töne an der Sparten-Entwicklung ließ „Serious Games Solutions“-Gründer Ralph Stock in seinem Vortrag anklingen. Das Unternehmen mit Sitz in Potsdam und Tübingen entwickelte unter anderem Strategiespiele für Feuerwehrmänner und Polizisten, bei dem diese in verschiedenen Szenarien ihre Problemlöse-Fähigkeiten trainieren können. „Wieso bleibt Gamification, trotz stetig wachsender technologischer Mittel, weit hinter den zu Beginn der 2000er Jahre erwarteten Marktzahlen zurück?“, hinterfragte Stock kritisch den Werdegang der Serious Games – also der Spiele, die nicht primär Unterhaltungszwecken dienen.

Individuell heißt das Zauberwort

Mit Verweis auf besonders erfolgreiche Apps sieht der Spieleentwickler Kriterien wie die Interaktion mit den Nutzern sowie die Interaktion der Nutzer untereinander als wichtige Faktoren für erfolgreichere Spieleentwicklung an. „Insgesamt gesehen ist jedoch die Hauptlehre der vergangenen Jahre: Angebote müssen individueller zugeschnitten werden – es gibt keine einfach übertragbaren Lösungen.“

Magische Technik

Dass Stolpersteine auch Chancen sein können, machte iPad-Magier Simon Pierro zur zentralen Aussage seiner Show: „Als Youtube-Videos und hochauflösende Kameras aufkamen, hatten viele Kollegen Angst, dass nun alle Tricks aufgedeckt werden würden“, erzählt der aus Waldbronn stammende Magier.

Statt Misstrauen habe er sich für eine andere Perspektive entschieden und aus der neuen Technologie eine eigene Auftrittsform entwickelt. So zaubert der Diplom-Wirtschaftsingenieur bei seinen medienwirksamen Auftritten mal einen Schaumstoffball, einen Strohhalm und schließlich sogar Bier aus seinem iPad – mithilfe eines Gummi-Noppen-Zapfhahns. „Leben heißt, immer wieder mit Veränderungen umzugehen – man kann darin auch eine Chance erkennen“, findet Pierro.