Tausende von Männern haben bis zum
Zweiten Weltkrieg auf Verletzungen ihrer
Ehre mit einer Forderung zum Duell reagiert.
Das Wehrgeschichtliche Museum in Rastatt (WGM) widmet dem Phänomen
eine Sonderausstellung.
Tausende von Männern haben bis zum Zweiten Weltkrieg auf Verletzungen ihrer Ehre mit einer Forderung zum Duell reagiert. Das Wehrgeschichtliche Museum in Rastatt (WGM) widmet dem Phänomen eine Sonderausstellung. | Foto: WGM

Tödlich beleidigt

Das Duell – Seltsamer Ehrbegriff fordert viele Opfer

Beleidigungen konnten tödlich sein. Ein seltsamer Ehrbegriff forderte einst viele Opfer. Inzwischen ist das Duell museumsreif. Warum bis ins 20. Jahrhundert hinein zahlreiche Männer bei Zweikämpfen um die Ehre ihr Leben lassen mussten, erzählt das Wehrgeschichtliche Museum im Rastatter Schloss in einer Sonderausstellung.

Der Klügere gibt nach? Vielleicht glaubte Moritz von Haber ja, der Klügere zu sein. Als ihn ein badischer Offizier als „Hundsfott“, also als „Schurken“, beschimpfte, ließ der Karlsruher Bankier aus einer erst wenige Jahre zuvor geadelten jüdischen Familie die Beleidigung jedenfalls auf sich beruhen. Im 19. Jahrhundert verstieß er damit jedoch gegen den Ehrenkodex der besseren Gesellschaft.

Ehre verloren – alles verloren

Fünf Jahre später bekam von Haber die Quittung. Er wollte 1843 in Baden-Baden einen Ball besuchen, doch das Festkomitee strich ihn von der Teilnehmerliste. Die Begründung: Moritz von Haber sei kein Ehrenmann. Das habe er dadurch gezeigt, dass er Oberleutnant Julius Göler von Ravensburg, den Beleidiger von damals, nicht zum Duell gefordert hatte. Ein solcher Vorwurf wog schwer beim feinen internationalen Publikum, das in Baden-Baden verkehrte: Wer seine Ehre verloren hatte, der hatte alles verloren.

Zum Duell auf Leben und Tod verpflichtet

„Männer von Rang und Stand hatten in früheren Zeiten einen sensiblen Ehrbegriff, der uns heute fremd ist“, sagt Alexander Jordan, der Leiter des Wehrgeschichtlichen Museums in Rastatt (WGM). Und: „Bei einer Verletzung der Ehre riefen sie nicht die Gerichte an – vielmehr war es die Pflicht der Kontrahenten, die Sache in einem Duell auf Leben und Tod zu bereinigen.“ Dem „Zweikampf um die Ehre“ widmet das WGM derzeit eine kleine Sonderausstellung. In drei Räumen des Museums sind Schwerter, Degen, Säbel und Schusswaffen zu sehen – von der frühbarocken Radschlosspistole bis hin zu kunstvoll gearbeiteten und sehr repräsentativen Duellpistolen im Kasten mit Zubehör. Im Zusammenspiel mit Text- und Bildmaterial beleuchten die Exponate schlaglichtartig die Geschichte des Duellwesens vom 17. Jahrhundert bis in die Zeit des Zweiten Weltkrieges.

Duellpistolen.
Duellpistolen. | Foto: Wehrgeschichtliches Museum Rastatt

Was genau ist ein Duell? Im Wehrgeschichtlichen Museum heißt es: „Unter Duell versteht man einen zwischen zwei Personen unter Anwendung tödlicher Waffen in Gegenwart von Zeugen nach bestimmten Regeln stattfindenden Kampf, der den Zweck hat, für eine Beleidigung auf ritterliche Art Genugtuung zu verschaffen“.

Wissenschaftliche Abhandlungen über die Ehre

Die Ehre und die Verteidigung derselben – das war eine Sache, die zunächst Adeligen und Offizieren zustand: einer elitären, über dem „gemeinen Volk“ stehenden Gesellschaftsgruppe, die das Recht des Waffentragens besaß. Im Frankreich des 17. Jahrhunderts bildeten sich Duellgebräuche heraus, die in anderen Länder übernommen und verfeinert wurden.

Handbücher – einige sind im WGM ausgestellt – regelten den formellen Auflauf von Duellen. Zudem gab es bis ins 20. Jahrhundert hinein wissenschaftliche Abhandlungen darüber, was Ehre bedeutete, wie eine Ehrverletzung zu ahnden war und wer überhaupt als „satisfaktionsfähig“ einzustufen war – „Ehrenmänner“ schlugen sich schließlich nicht mit Angehörigen des Pöbels. Wurden sie hingegen von einem Standesgenossen beleidigt, empfanden sie es trotz Verboten und Strafandrohungen als Pflicht, jederzeit ihr Leben zur Verteidigung ihrer „heiligen Ehre“ einzusetzen.

Wer nicht bereit war, eine Forderung auszusprechen oder anzunehmen, verwirkte – wie Moritz von Haber – aus Sicht der guten Gesellschaft das Recht, mit Personen aus gutem Haus zu verkehren.

Grade der Beleidigung: Strenge Duell-Regeln wurden etwa im 1891/1897 erschienen Duell-Codex von Gustav Hergsell formuliert. Demnach gab es drei Stufen von Beleidigungen. Bei Stufe eins (einfache Beleidigung) und Stufe zwei (Beschimpfung) forderte ein „Ehrenmann“ seinen Kontrahenten zum Duell, doch war es die Pflicht der Sekundanten, auf eine friedliche Lösung des Konfliktes hinzuwirken – sofern dies in einer für beide Seite ehrenvollen Weise erfolgen konnte. Eine Beleidigungen dritten Grades – etwa durch einen Schlag – konnte nur mit Pistolen bereinigt werden.

Der Haber-Skandal

Moritz von Haber hätte das versäumte Duell gerne nachgeholt – doch Oberleutnant von Göler und mit ihm das ganze badische Offizierskorps betrachteten den Mann wegen seines früheren „Kneifens“ nicht mehr als satisfaktionsfähig. Schließlich forderte – gleichsam in Stellvertretung Habers – ein russischer Offizier Göler zum Pistolenduell. Den Zweikampf am Gottesauer Schießstand überlebte keiner der beiden Duellanten. Als Göler zu Grabe getragen wurde, kam es in Karlsruhe zu antijüdischen Ausschreitungen, das Haber’sche Haus in der heutigen Kaiserstraße wurde gestürmt und geplündert. Der Skandal war perfekt und wurde in ganz Deutschland erregt diskutiert.

… und noch ein Toter

Ein Ende hatte das Trauerspiel damit freilich noch nicht: Gölers Freund und Duellsekundant Georg von Sarachaga Uria wurde wegen seiner Beteiligung an dem verbotenen Zweikampf zu einer zehnmonatigen Festungshaft verurteilt, aber alsbald zu einem vierwöchigen Hausarrest begnadigt. Kaum in Freiheit schimpfte er Moritz von Haber einen Feigling – und der reagierte diesmal prompt mit einer Forderung. Sarachaga schob alle Bedenken wegen der fraglichen Satisfaktionsfähigkeit seines Kontrahenten beiseite. Im Duell, das außerhalb Badens stattfand, wurde er von der Kugel Habers tödlich getroffen.

Begnadigungen waren nicht ungewöhnlich: Strafen wegen der Teilnahme an Duellen nachträglich abzumildern, war ein durchaus übliches Verfahren. So lief es auch bei einem Zweikampf, an den ein ziemlich unscheinbares Denkmal in Rastatt erinnert: Der Säulenstumpf nördlich der Fohlenweide mit dem Datum 17. Juli 1836 wurde anlässlich eines Duells aufgestellt, bei dem der Oberleutnant Freiherr von Oberkirch ums Leben kam. Sein Gegner, ein Hauptmann Frey, wurde zu einer dreijährigen Festungsstrafe und zur Entlassung aus dem Dienst verurteilt, aber bereits am 24. August vorzeitig entlassen. Auch die Dienstentlassung hob man auf.

Epidemische Ausmaße im 19. Jahrhundert

Mit dem Aufstieg des Bürgertums im 19. Jahrhundert nahm das Duellwesen geradezu epidemische Formen an. Nicht nur Adelige und Offiziere, auch Studenten, Akademiker, höhere Beamte, Politiker und schließlich wohlhabende Kaufleute galten als satisfaktionsfähig und stellten ungeachtet aller Strafandrohungen ihren empfindlichen Ehrbegriff mit der Waffe unter Beweis. Die deutsche Kriminalstatistik, so erfährt man im Wehrgeschichtlichen Museum, nennt für den Zeitraum zwischen 1882 und 1914 insgesamt 2 111 Duellverfahren – „aber das war wohl nur die Spitze des Eisbergs“, meint Alexander Jordan mit Blick auf die Dunkelziffer, über die man nur spekulieren kann.

Lauter Ehrenmänner: Der berühmte Herzensbrecher Casanova, der Gelehrte Wilhelm von Humboldt, der eiserne Kanzler Otto von Bismarck, aber auch Schriftsteller wie Alexandre Dumas und Heinrich Heine hatten eines gemeinsam: Sie verteidigten ihre Ehre bei Duellen. Ein Multi-Duellant war US-Präsident Andrew Jackson (1767-1845): Er nahm aktiv an mindestens 14 Zweikämpfen teil, an mehr als 100 weiteren Zweikämpfen soll er als Sekundant oder Begleiter eines Duellanten beteiligt gewesen sein.

Kritiker hielten das Duellwesen für barbarisch

Immerhin gab es auch Menschen, die – wie die Pazifistin Berta von Suttner – öffentlich Front gegen die als barbarisch empfundenen Duelle machten. Zumindest kritisch äußerte sich der Arbeiterführer Ferdinand Lassalle: „Ich habe das Duellieren stets als ein versteinertes Überbleibsel einer vergangenen Epoche angesehen – unvereinbar mit den Prinzipien der Demokratie“, meinte der Mitbegründer der deutschen Sozialdemokratie. Doch als es um seine Ehre ging, beugte sich Ferdinand Lassalle ebenfalls dem sozialen Druck: Er starb am 4. August 1864 bei einem Duell.

Aus der Schmunzelecke: Mit beißender Ironie reagierten Karikaturisten auf das Duell-Unwesen und seine Auswüchse. | Foto: Wehrgeschichtliches Museum Rastatt

Die Ausstellung: „Das Duell – Zweikampf um die Ehre“ wird im Wehrgeschichtlichen Museum (WGM) im Rastatter Schloss (Herrenstraße 18) bis zum 11. Dezember gezeigt.
Zu sehen sind in der von Frank Lankoff kuratierten Ausstellung Degen, die man bis weit ins 18. Jahrhundert hinein bevorzugte – vor allem aber Duellpistolen, die den Zweikämpfern größere Chancengleichheit gewährten. Auch einige badische Pretiosen sind ausgestellt. Weitere Exponate sowie Textmaterial dokumentieren schlaglichtartig, dass Duelle bis ins 20. Jahrhundert hinein trotz Verboten und einer zunehmenden Duell-Kritik zur fast alltäglichen Realität gehörten. Dass Zweikämpfe um die Ehre in anderen Teilen der Welt ebenfalls üblich waren, belegt das Museum mit einigen Exponaten aus Japan und dem „Wilden Westen“.