Einen Originalplan der Nordstadtschule zeigt Martin Wenz vom Landesamt für Denkmalpflege
Einen Originalplan der Nordstadtschule zeigt Martin Wenz vom Landesamt für Denkmalpflege | Foto: Kopf

Denkmalfahrt in Pforzheim

Im Reichtum sind viele Geschichten verbaut

Die Reichtümer der Stadt Pforzheim, die Baubürgermeister Sibylle Schüssler gestern Nachmittag ankündigte, erzählen im Kleinen große Geschichte. Dies machte Christoph Timm deutlich bei der Denkmalfahrt zu drei von aktuell 50 bis 60 Objekten, die er baulich betreut. Das Interesse daran war so groß, dass es in diesem Jahr eine bereits ausgebuchte zweite Fahrt geben wird. Sie führt ausschließlich zur frisch sanierten Nordstadtschule, wo der kommissarische Schulleiter Oliver Hesselschwerdt gestern nicht nur Gelegenheit hatte, die neuen Wege zu beschreiben, die die Schule geht. Für viele Teilnehmer war der Gang durch die Räume vor allem eine Erinnerungstour, auch wenn vieles völlig anders aussieht zu ihrer Zeit.

Begeisterung für Schlagball

Es geht immer ums Original, wenn Denkmalschützer wie Timm oder Martin Lenz vom Landesamt für Denkmalpflege eingreifen. Im Falle der Nordstadtschule brachte dies beispielsweise Dachgauben zurück, die dort im Zuge der Kriegsbombardierung verschwanden, und Reliefs, von denen eines an eine einst beliebte Sportart erinnert, die heute laut Timm nur noch auf Nordseeinseln zu finden ist: Schlagball. Das „spiegelt die große Pforzheimer Sportgeschichte und Sportbegeisterung“ und zeige, mit welchem Anspruch die Stadt zwischen 1914 und 1920 auf das enorme Bevölkerungswachstum von 20 000 auf 60 000 Einwohner reagierte: „Die Schüler sollten ein möglichst gutes Angebot – auch in Sport und Kunst bekommen.“

Villenviertel gegen Pforzheimflucht

Nicht minder anspruchsvoll gestaltet ist die Fabrikantenvilla in der Friedenstraße 80. Lenz erläuterte dort als gute Voraussetzung für eine Förderung der Dachsanierung mit einem neuen Schieferbelag, dass Jürgen und Doris Rathje das Haus aus dem Jahr 1911 kontinuierlich pflegten.
Das Heim, das sich das Paar seit 1977 schafft, steht ebenso für eine erfolgreiche Ansiedelungspolitik Pforzheims am Beginn des vergangenen Jahrhunderts wie für die Judenvernichtung in der Nazizeit und eine der berühmtesten Personen der Stadt: Die Psychoanalytikerin Laura Perls ist Tochter der 1941 nach Riga deportierten und ermordeten Toni Posner, die mit ihrem Mann in der Friedensstraße kaufte, während es andere Schmuckler nach Baden-Baden oder Wiesbaden zog. Die Stadt habe gegen diese Pforzheimflucht wohlhabender Fabrikanten den „fabrikfreien Bezirk“ angelegt.


Er hat den Krieg überstanden und das Haus selbst blieb verschont vom Gestaltungswillen späterer Besitzer. Ergebnis ist „ein absolutes Highlight im Reformstil“ bis hin zur Außenanlage, schwärmte Wenz.
Fast zeitgleich wurde in der Friedensstraße 211 an der Steinernen Brücke in Dillweißenstein „im Heimatstil gebaut“. Dort sorgen Daniela und Harald Tebbe seit zwei Jahren dafür, dass das Fachwerk wieder dunkel betont ist, Intarsien und Fenster alten Vorbildern gleichen und an der Wetterfassade Schiefer statt Eternit hängt.
Die beiden kamen aus beruflichen Gründen nach Stuttgart und wählten Pforzheim, weil sie das Haus „nicht mehr los gelassen hat“. Das war keine finanzielle Entscheidung, sondern eine emotionale, sagte Harald Tebbe mit Blick auf Timms Ausführung, dass solche potenziellen Schmuckstücke in Pforzheim günstiger zu haben sind als in den Ballungszentren.