Beim Studium Generale an der Hochschule diskutieren Christa Wehner (links) und Barbara Burkhardt-Reich, mit Visionär und Referent Martin Faulstich.
Beim Studium Generale an der Hochschule diskutieren Christa Wehner (links) und Barbara Burkhardt-Reich, mit Visionär und Referent Martin Faulstich. | Foto: Wacker

Studium Generale in Pforzheim

Visionär plädiert für Stromgesellschaft

Von Harald Bott

Der Mann ist ein Visionär. Bis 2050 soll die gesamte Energieversorgung auf erneuerbare Energien umgestellt sein, dozierte Professor Martin Faulstich. Der Grund: Die internationale Klimapolitik hat sich auf das sogenannte Zwei-Grad-Ziel festgelegt, also die globale Erwärmung auf weniger als zwei Grad Celsius gegenüber dem Beginn der Industrialisierung seit 1850, zu begrenzen. Das Ziel: den Ausstoß des Klimagases CO2 durch die Verbrennung fossiler Rohstoffe möglichst auf null zu drücken.

Rund ein Grad der zwei Grad Celsius sei heute bereits verbraucht, sagte Faulstich in seiner Vorlesung beim Studium Generale im voll besetzten Walter-Witzenmann Hörsaal in der Hochschule Pforzheim. Leicht werde der Weg des Umbaus allerdings nicht, so der langjährige Vorsitzende des Sachverständigenrats für Umweltfragen der Bundesregierung.

Stromwende muss sich auf alle Bereiche erstrecken

So müsse die Anzahl der erneuerbaren Energieanlagen in Deutschland von derzeit rund 1,3 Millionen in etwa verzehnfacht werden – ein enormer Flächenverbrauch. Gerade dagegen gebe es zunehmend Widerstand. Heute kämpften oft Umweltschützer gegen Umweltschützer, beispielsweise wenn es um den Ausbau der Windenergie gehe oder den Ausbau der Netze und Speicher. Derzeit würden rund 30 Prozent des Strombedarfs durch Erneuerbare abgedeckt. Der Strombedarf mache aber lediglich gut 20 Prozent des Gesamtenergieverbrauchs aus. Der Rest entfalle auf Wärme (circa 50 Prozent) und Kraftstoffe (knapp 30 Prozent). Die Stromwende müsse sich aber auf alle Bereiche erstrecken.

Oberleitungen für Autobahnen?

Für den Betrieb von LKW beispielsweise könnten die wichtigen Autobahntrassen mit Oberleitungen versehen werden. Allerdings wäre das nur eine Maßnahme, auf dem Weg des Umbaus zur Stromgesellschaft. Ganz wichtig sei den Energieverbrauchs-Gürtel enger zu schnallen, also Energie einzusparen, so der Professor von der Universität Clausthal. Die Kosten für die Energiewende würden sich im Geldbeutel der Verbraucher kaum bemerkbar machen, behauptete Faulstich. Lediglich in einer Übergangszeit würden sich die Energiekosten für die Haushalte in etwa verdoppeln (andere Schätzungen sprechen von einer Verzehnfachung).

Kompletter Umbau der Gesellschaft

Chancen, die Klimaziele zu erreichen, sieht Faulstich zwar auch in der Technologie der Kernfusion. Allerdings sei es fahrlässig auf eine Technologie zu setzen, die es noch gar nicht gebe, beantwortete der Professor eine Frage aus dem Publikum. Für den Umbau in eine Stromgesellschaft brauche es letztlich, so die Vision des Klimapolitikers, einen kompletten Umbau der Gesellschaft und eine neue urbane Kultur. Und es bräuchte, so der Visionär, stabile politische Rahmenverhältnisse für die nächsten 30 bis 50 Jahre.