Alle Hände voll zu tun: Valentina Lisitsa ist im Internet weitaus bekannter als auf den
Podien der Welt. Täglich besuchen sie 60.000 bis 70.000 Menschen.
Alle Hände voll zu tun: Valentina Lisitsa ist im Internet weitaus bekannter als auf den Podien der Welt. Täglich besuchen sie 60.000 bis 70.000 Menschen. | Foto: Decca

YouTube-Star am Klavier

Die Welt lechzt nach Lisitsa

„Why the fuck doesn’t she get more attention?????“ Ja, man darf sich mit „TriggerCurtis“ wundern. Der YouTube-Nutzer kommentiert ein Video, in dem Valentina Lisitsa das „Presto agitato“, den rasanten dritten Satz aus Ludwig van Beethovens so genannter Mondscheinsonate spielt. Es gibt Tage, da taucht es unter den ersten zehn Treffern auf, wenn man „Beethoven“ ins Suchfeld eingibt. Mit mehr als 17 Millionen Aufrufen ist das Lisitsas Bestseller. Deshalb wird auch ein Werbespot vorgeschaltet. Dabei ist doch der schwelgerische erste Satz dieser Sonate sehr viel bekannter. Und Lisitsa wiederum hierzulande kaum jemandem ein Begriff.

Das Internet als Barometer

Im Netz ist alles anders. „Es ist ein tolles Barometer für die Geschmäcker der Menschen“, sagt Valentina Lisitsa. Sie ist 42, Pianistin und als solche ein YouTube-Star. Täglich lauschen ihr 60.000 bis 70.000 Menschen. Als sie im Januar 2007 ihr erstes Video hochlud, war sie eine der ersten Klassik-Interpreten, die damit anfingen, das Internet zum Konzertpodium zu machen. Seit zehn Jahren lädt sie Video um Video hoch. Heute sind es rund 300 Stück, die ihr Mann – ebenfalls Pianist – immer dann filmt, wenn sie gerade an einem schönen Veranstaltungsort sind. In den Filmen lässt die Frau aus der Ukraine, die wegen ihrer Bekenntnisse zu prorussischen Separatisten im April 2015 Jahr aus dem Konzertprogramm in Toronto flog, ihre Finger quer durch die Musikgeschichte über die Tasten flirren. Welches Klavierstück auch immer man sucht in YouTube, unter den ersten Treffern ist meistens sie, die Frau ohne Allüren.

Ein Schloss mit zwei Katzen

Valentina Lisitsa hat sich ein Leben ohne Lärm und Leistungsdruck eingerichtet. Mit Mann, Sohn, Mutter und zwei Katzen zieht sie sich in ihr altes Schloss in der Normandie zurück – wenn sie nicht auf Konzertreise ist. Offiziell lebt sie in den USA, wo ihr Sohn die Schule besucht – wenn sie nicht auf Konzertreise ist. Die Privatlehrer für den Sohn reisen mit, damit die Familie zusammen bleibt. Oft lernt sie mit ihrem Sohn nach einem Konzert noch, doch ist etwa Chemie für Lisitsa ebenso ein Buch mit sieben Siegeln wie bisher noch Johann Sebastian Bach. Ihn hat sie sich kürzlich vorgenommen. Und fühlt sich wie eine Studentin.

Niemals ihn!

Aber sie weigert sich, Stücke von jenem Komponisten zu spielen, dessen Namen sie bisher nur einem sehr guten Freund verraten hat. Er sei nicht der bekannteste, also kein Franz Liszt. Aber unter Pianisten berühmt-berüchtigt wegen irrsinnig hoher technischer Anforderungen. Oft wird die Frau aus Kiew, die immerhin knapp 300.000 Youtube-Abonnenten hat, gefragt ob sie nicht mal ein Stück dieses Komponisten aufnehmen will. Will sie nicht. Niemals. „Ich weiß genau warum sie mich bitten“, sagt Lisitsa in einem Interview mit den BNN. „Sie wollen sehen, wie ich spiele. Action, Sport. Ich bin aber kein Entertainer, kein Show-Virtuose. Ausdruck ist mir wichtiger als Virtuosität.“

Mondschein und Missverständnis

Anders sei das bei Debussys „Clair de lune“, um das sie ebenfalls immer wieder ebenso vergeblich gebeten wird wie um ein Video mit Chopins Fantaisie-Impromptu. „Mich stört, dass die Menschen das nur hören wollen, weil es hübsche Musik ist. Wie bei der Mondscheinsonate, da denken alle an Romantik.
Damit hat diese Musik aber gar nichts zu tun. Es ist das Werk jenes Beethovens, der in einer tiefen Krise steckte, den Selbstmordgedanken plagten. Die Romantik der Mondscheinsonate ist ein Missverständnis, wie das Lächeln der Mona Lisa“, sagt Lisitsa. Aber sie freut sich über das wachsende Interesse an klassischer Musik. Das verdanke sich sozialen Netzwerken. „Nur so
können Menschen auch in entlegenen Regionen mit Klassischer Musik in Berührung kommen.“

Schwimmen im World Wide Web

Das Internet ist für sie wie ein tiefer See: nur dann eine Gefahr, wenn man nicht schwimmen kann. Deshalb nimmt sie ihren Sohn an der Hand und lernt ihm das Schwimmen – im World Wide Web.

Valentina Lisitsa spielt am Freitag, 9. Dezember, ab 19 Uhr im Badischen Staatstheater Peter Tschaikowskis Klavierkonzert Nr. 1 b-Moll op. 23 mit dem Nationalen Sinfonieorchester Tatarstan.