Organisiertes Betteln in der Innenstadt ist dem Einzelhandel ein Dorn im Auge. Geschäftsleute und Stadtverwaltung sehen dahinter osteuropäische Banden, welche die Armut ihrer Landsleute und die Hilfsbereitschaft der Passanten ausnutzen.
Organisiertes Betteln in der Innenstadt ist dem Einzelhandel ein Dorn im Auge. Geschäftsleute und Stadtverwaltung sehen dahinter osteuropäische Banden, welche die Armut ihrer Landsleute und die Hilfsbereitschaft der Passanten ausnutzen. | Foto: Franziska Kraufmann

Handel redet über Sicherheit

„Zeigen Sie jeden Diebstahl an“

Geschäftsinhaber in der Karlsruher Innenstadt sind besorgt: Nicht nur Großbaustellen schrecken Kunden ab. Auch die Sicherheitslage hat sich aus Sicht der Einzelhändler verschlechtert. Als Konsequenz fordern sie mehr Personal für Polizei und den Kommunalen Ordnungsdienst (KOD) sowie eine stärkere Präsenz der Ordnungskräfte in der Innenstadt. Dies erörterten die Ladenbesitzer am Mittwochabend mit Vertretern von Polizei und KOD. Zum runden Tisch luden Petra Lorenz von der Initiative „Für Karlsruhe“ und Lars Dragmanli, Vorsitzender der Freien Wähler (FW), ein.

„Wir fühlen uns machtlos“

„Tendenziell verzeichnen wir 2016 in der Innenstadt bislang weniger Ladendiebstähle als im Vergleichszeitraum des Vorjahres“, erklärte Lutz Schönthal, Leiter des Polizeireviers Marktplatz. Dem widersprechen die Geschäftsleute. Diebstähle und Belästigungen hätten eklatant zugenommen. „Wir zeigen diese Delikte kaum noch an. Denn es bringt nichts“, so der einhellige Tenor der anwesenden Ladeninhaber. „Meine Mitarbeiter fühlen sich machtlos, wenn Banden junger Männer in die Geschäfte einfallen. Und wenn sie geschnappt werden, sind sie mitunter nach zwanzig Minuten wieder da“, meinte Petra Lorenz. An Polizei und KOD appellierte sie: „Zeigen Sie mehr Präsenz mit Fußstreifen entlang der Kaiserstraße und in unseren Geschäften.“ Gabriele Calmbach-Hatz von der City Initiative lobte den Einsatz der Beamten des Polizeireviers Marktplatz. Sie seien sofort da, wenn etwas passiert. „Dennoch, bitte erhöhen Sie die Frequenz und gehen Sie durch unsere Geschäfte.“ Hilmar Schäuble, Inhaber der Marktlücke, beobachtet, dass Rauschgifthandel an Haltestellen in der Innenstadt Passanten belästige.
Revierleiter Lutz Schönthal ist über die Resignation betroffen: „Bringen Sie jedes Delikt zur Anzeige. Nur so kann die Politik reagieren“, appellierte er. Wolfgang Tritsch vom Führungsstab des Polizeipräsidiums wies in diesem Zusammenhang auf die Personallage der Polizei hin. In der östlichen Kaiserstraße habe sich die Situation durch die Einsätze der Beamten beruhigt. Osteuropäische Banden seien weiterhin ein „großes Thema“ für die Karlsruher Polizei. „Wenn der öffentliche Raum nur noch von privaten Sicherheitsfirmen überwacht wird, wäre dies ein Armutszeugnis“, konstatierte Tritsch.

Juwelier setzt auf eigenen Sicherheitsdienst

Die Inhaber von Juwelier Kamphues setzen auf einen eigenen Sicherheitsdienst: „Seitdem haben wir Ruhe. Vorher waren wir oft ein Ziel für Raubüberfälle“, sagt Harry Liedke. Und Marc Ephraim von der Initiative „Für Karlsruhe“ warnte: Irgendwann werden Geschäftsleute in der südlichen Waldstraße eine gemeinsame Security beauftragen.“ Die Politik müsse diesem Vorhaben zuvorkommen. „Der Gemeinderat sollte sich mit dem Sicherheitsbericht 2015 intensiver befassen und Konsequenzen ziehen“, forderten die Stadträte Jürgen Wenzel (FW) und Stefan Schmitt (parteilos). Nun seien alle Fraktionen am Zug, um in die Sicherheit zu investieren. Schmitt will mehr Personal für den KOD und Doppelstreifen der Polizeibehörde in der Innenstadt.

Bettelbanden sind für den Handel ein weiteres Problem

Bettler sind für die Einzelhändler ein weiteres Problem. „Das sind organisierte Banden“, sagte Lars Liedke, geschäftsführender Gesellschafter des Juweliergeschäfts Kamphues. Er zeigte Bilder mit mutmaßlichen Bettlern in einem bulgarischen Kleinbus. Am Steuer sitzt ein gut gekleideter Mann. „Diese Bilder kennen wir“, sagte Björn Weiße, Leiter des Ordnungsamts. Es sei schwer, an die Hintermänner heranzukommen und vor Gericht organisierten Sammelbetrug nachzuweisen. „Offene Grenzen bringen neue Herausforderungen, auf die wir uns einstellen müssen“, betonte Weiße.

Der KOD hat eine Sicherheitshotline reaktiviert, die unter Telefon (0 721) 1 33 33 66 zu erreichen ist. Dies begrüßt die CDU-Fraktion. Diese Entwicklung wird das subjektive Sicherheitsgefühl der Bürger fördern, teilen die Christdemokraten in einer Presseerklärung mit.