Die dritte Auffahrt hintereinander auf den Mont Ventoux ist geschafft: Jochen Fauth (rechts) und Patrick Vester aus Straubenhardt-Schwann.
Die dritte Auffahrt hintereinander auf den Mont Ventoux ist geschafft: Jochen Fauth (rechts) und Patrick Vester aus Straubenhardt-Schwann. | Foto: privat

Aufgeben stand nie zur Debatte

Zwei Schwanner im Club der Verrückten

Wer will schon Mitglied im Club der Verrückten sein? Jochen Fauth und Patrick Vester zum Beispiel. Sie gelten in ihrem Sport als ziemlich verrückt. Das Duo hat innerhalb von 24 Stunden etwas geleistet, das bislang nur etwa 160 Radfahrer auf der ganzen Welt geschafft haben: Es erklimmt auf zwei Rennrädern den Mont Ventoux in der Provence – und das sechsmal am Stück, von drei verschiedenen Stellen aus, mit unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad. Dabei strampeln sie 275 Kilometer und überwinden 8 800 Höhenmeter. Im „Club der Verrückten von Mont Ventoux“, den es tatsächlich gibt, zählen Fauth und Vester nun offiziell zu den ganz irren und jetzt auch ziemlich erschöpften Rad-Masochisten.
Der schwerste Anstieg von Bédoin überwindet auf 21 Kilometern mehr als 1600 Höhenmeter
Der schwerste Anstieg von Bédoin überwindet auf 21 Kilometern mehr als 1600 Höhenmeter | Foto: privat
Um ein Haar hätte die Reise nach Frankreich aber gar nicht geklappt, die achtmonatige Vorbereitung wäre für die Katz’ gewesen. Wenige Tage vor der Abreise klemmt sich Patrick Vester den rechten Zeigefinger in der Autotür ein – es knackt und der Finger bricht. „Zum Glück war es nicht der Mittelfinger, denn der ist für das Schalten und Bremsen viel wichtiger“, sagt Vester im Gespräch mit dem Pforzheimer Kurier. Kaum aus der Notaufnahme, schwingt sich Vester mit einer Schiene am Finger aufs Rennrad und testet seine Belastbarkeit. Es klappt.

500 Kalorien am Tag

Kein Problem für einen Mann, der jedes Jahr Tausende Kilometer auf dem Rad frisst. Und zimperlich gehen die beiden KSC-Fans der „Sektion Straubenhardt“ ohnehin nicht mit sich um: Patrick Vester zum Beispiel hat mit einer fast schon wahnwitzigen Diät in vier Wochen zwölf Kilogramm abgenommen. 500 Kalorien am Tag, viel Eiweiß und Gemüse – und zur Abrundung fünf Stunden auf dem Drahtesel. „Das war überraschenderweise gar nicht so schwer“, sagt der selbstständige Zimmerermeister. Das knallharte Training ist allerdings keine Garantie, dass es am Berg nicht hakt, wie bei Jochen Fauth. Beim vierten Anstieg streikt der Rücken. „Nichts Dramatisches“, relativiert der Sport- und Englischlehrer an der Pforzheimer Fritz-Erler-Schule. Doch dazu kommen Atemnot und Krämpfe.

„Aufgeben stand für mich nie zur Debatte“

Sind Fauth und Vester in der Regel Einzelkämpfer auf dem Rad, rücken sie in dieser Extremsituation enger zusammen, bleiben in Rufweite für den Fall, dass Fauth aufgeben muss. Aufgeben? „Aufgeben stand für mich nie zur Debatte“, betont der 36-Jährige. „Klar, die letzten beiden Auffahrten waren extrem schwer, aber es tut gut zu wissen, dass man einen Freund an seiner Seite hat.“ Dass ein Athlet, der sechsmal an einem Ironman teilgenommen hat, auf dem Mont Ventoux an seine Grenzen kommt, zeigt, wie hoch die Leistung einzuordnen ist. „Auf dem Fahrrad war das auf jeden Fall die bisher größte Herausforderung für mich“, sagt Fauth mit von Erkältung gezeichneter Stimme.
Eine kleine Ruhepause nach dem Mittagessen muss sein, um Kraft zu tanken.
Eine kleine Ruhepause nach dem Mittagessen muss sein, um Kraft zu tanken. | Foto: privat
Beide treffen bei ihren sechs Auffahrten immer wieder auf Hobbyradfahrer. Aus deren Perspektive muss der Anblick der Schwanner furchterregend und belustigend zugleich sein. Denn die können ja nicht wissen, dass Fauth und Vester seit 0.45 Uhr im Sattel sitzen. Es gibt mehr als einen Moment, in dem sich das Duo sagt: Eine Umdrehung nach der anderen, und irgendwann kommst du an.
Der Mont Ventoux, an dem sich schon so mancher Radprofi bei der Tour de France die Zähne ausbiss, ist von drei Seiten zu erreichen. Von jeder starten sie zweimal. Gegen Ende ihrer Tour de Force fiebern beide jedem Kilometerstein entgegen. „Man wird verrückt, wenn der nicht kommt – und dann noch dieser Gegenwind“, erzählt Patrick Vester.

Volle Konzentration bei der letzten Abfahrt

Zum letzten Mal oben angekommen, es ist 23.30 Uhr und der Start liegt fast 23 Stunden zurück, fallen die Selbstquäler vom Rad. Vester fragt sich: „Warum tue ich mir das eigentlich an?“ Körper und Geist sind müde. Volle Konzentration ist aber noch einmal bei der letzten Abfahrt gefragt. Es ist stockdunkel und Tiere könnten auf der Straße stehen. Als auch das gemeistert ist, empfängt Patrick Vesters Frau die Bergfahrer und spendiert Pizza und Kuchen als Belohnung, zu einem Zeitpunkt, als Vester gerade 38 Jahre alt wird – wenige Minuten nach dem härtesten Tag seines Lebens.
Seinen 38. Geburtstag feierte Patrick Vester gleich nach dem sportlich härtesten Tag seines Lebens.
Seinen 38. Geburtstag feierte Patrick Vester gleich nach dem sportlich härtesten Tag seines Lebens. | Foto: privat