In unseren Mundartbetrachtungen unter dem Titel "Badisch von owwe und unne" geht es diesmal um die Schule. Wenn im Unterricht Dialekt auf Standardsprache trifft, ergeben sich schnell Missverständnisse, die sich zu Anekdoten entwickeln. | Foto: Hora

Von Mundart und Unterricht

Gang in d Schuel u lehr die Sach‘

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Der Angriff ereignete sich im Gymnasium einer kleinen Kraichgaustadt. Im Kunstsaal tobten Schüler in der Pause herum. Sie schmissen Kulis und Mäpplin aufeinander. Einer griff sogar zum nassen Schwamm für die Tafel. Aber der Wurf verfehlte das Ziel. Und fand ein anderes. Im Moment des Flugs öffnete sich nämlich die Tür, der Kunstlehrer trat ein und statt „Schwamm drüber“ traf das Objekt den Lehrer. Das Geschrei in der Klasse verstummte. Man hörte nur noch die leise Stimme des Wurfsportlers: Entschuldichung, ich wollt net Dir treffe. Der Lehrer reagierte geistesgegenwärtig. Aber erst mal nicht auf den unerhörten Angriff, sondern korrigierte die entschuldigenden Worte: Also erstens heißt das ‚dich‘ und zweitens sind wir nicht per Du.
Bei dieser Episode aus den 1970er Jahren traf also nicht nur Schwamm auf Pädagoge, sondern noch Dialekt auf Hochsprache. Der Schüler wollte nicht die Tür treffen, mundartlich in Nordbaden, die Dir. (Im Alemannischen wäre es wohl die Diere gewesen.)

Früher wurde mit der  Rute gefizt

Gut, dass sich die Geschichte in der Neuzeit ereignete. In Jahrzehnten zuvor, hätte selbst eine unabsichtliche Tat womöglich körperliche Bestrafung des Schülers nach sich gezogen. Hinter Schulmauern wie im Elternhaus rutschten Hände aus, galten Züchtigungen als mögliche Reaktion gegenüber Kindern. Ein alter alemannischer Spruch drückt es so aus: Änne denne Dindefaß / gang in d Schuel un lehr die (deine) Sach. / Kommsch mer heim und kasch (kannst) sie nitt, / nimm i d Ruet und fitz di mit. (Überliefert aus Bahlingen am Kaiserstuhl.) Schlagen und scharf treffen steckt hinter fitzen, in diesem Fall mit einer Rute. Sprachlich interessant ist aber auch das Verb lehre. Im Alemannischen südlich von Rastatt und Baden-Baden steht lehre für lernen. Wieder was gelernt – mit lehre isch mer nie ferdig.

„Schulsystem“ mit Kinnerschul

Früher auch an der Volkschul (Grund- und Hauptschule) oder Mittelschul (Realschule, eine Einrichtung der 1960er Jahre). Das „Schulsystem“ komplett machte einst die Kinnerschul, die für Eltern freiwillige Betreuung von Drei- bis Sechsjährigen. Offiziell hieß die Kinnerschul Kindergarten. Der wurde mittlerweile von der Kindertagesstätte oder der Kita sprachlich wenig elegant abgelöst. Dafür haben die Einrichtungen oft witzige Eigennamen.
Unterhält man sich sehr kritisch über einen Menschen und versucht dessen Verhalten über den Beruf zu erklären, dann hört man bisweilen, auch in Karlsruhe und Umgebung, noch die Bemerkung: Es isch halt en Hagsaicher. Dieses mehr grobe als liebevolle Schimpfwort für Lehrer drückt Argwohn über Charakter und Zuverlässigkeit aus, wohl auch Neid über ein angeblich leichteres Arbeitsleben und viele Ferien. Das „Badische Wörterbuch“ erklärt Hagsaicher – übersetzt bedeutet es „Zaunpinkler“ – mit dem Verhalten früherer junger „Unterlehrer“. Die ließen sich in einer Weise gehen, dass es bei Bauern und Gemeinderäten im Dorf sehr schlecht ankam. Zur Verteidigung ließe sich wohl sagen, dass die Lehrer damals ziemlich schlecht bezahlt wurden.

Zeugnisse gab’s vor Ostern

Übrigens ist es gerade 50 Jahre her, dass der Schuljahresbeginn auf die Zeit nach den Sommerferien gelegt wurde. Alle Bundesländer stellten 1967 auf den Spätsommertermin um. Traditionell gab es in Deutschland, mit Ausnahmen, die Zeugnisse vor Ostern und die Schultüten für die Erstklässler nach den Osterferien. Deshalb werden in Kurt Kranichs Standardwerk über das Brigandedeutsch die Trauerbrieflen zu Ostern erwähnt, also die Zeugnisse. Weiter schreibt Kranich über die jüngsten Karlsruher: Wenn der kleine Brigand sah, das er nicht zu den Letschebänklern (denen von der letzten Bank) und auch nicht zu den Hoggebleiwern (Sitzenbleibern) zählte, strahlte er wie en frischgebutzte Dreggaimer.

Missetäter und Wissedäler verwechselt

In der vorosterlichen Zeit geschah es einst, dass der Pfarrer von Karlsdorf im Religionsunterricht die Frage stellte: Wer wurde mit unserem Heiland zusammen gekreuzigt? Der angesprochene Schüler wusste die Antwort zunächst nicht, der Hintermann sagte ihm vor: Zwee Missetäter. Der Schüler sagte nach, was er (falsch) verstanden hatte, nämlich: Zwee Wissedäler. Also zwei aus dem übernächsten Ort Wiesental.

Das Wort zwei als zwee, zwuu und zwai

Sprachlich höchst lehrreich an dieser Anekdote aus Peter Kriegers Buch über die Karlsderfor Mundart, ist das Zahlwort zwee. Es bedeutet natürlich zwei. Aber nur in Verbindung mit dem tatsächlichen oder grammatisch männlichen Geschlecht. Zwei ist nicht gleich zwei: Tauchen weibliche Personen auf sind es zwuu Fraue. Im Bruhrain, wie Teile des Raum Bruchsals, genannt werden, spricht man noch sächlich von zwai Kinner. So kreativ ist also die Mundart, dass sie für ein wichtiges Zahlwort die Varianten zwai, zwee oder zwuu hat.

Es heißt nicht heeß, sonder es heeßt heiß

Dass gerade in der Schule Dialekt und Hochsprache aufeinanderprallen lässt sich an einem kurpfälzer Beispiel verdeutlichen: In der Grundschule ist an einem Sommertag mit hohen Temperaturen vom Wetter die Rede. Die einheimische Lehrerin verheddert sich wunderschön in ihrer Pfälzer Mundart: Aber Kinder, jetzt merkt es euch doch endlich einmal: Es heißt nicht heeß, sondern es heeßt heiß!