Klaas Kersting hat das Büro von flaregames in der Karlsruher Innenstadt eingerichtet. Von hier werden die weltweiten Geschäfte des Unternehmens geleitet, das Millionen von Spielern für Mobile Games begeistert. | Foto: Andrea Fabry

Digitale Köpfe der Region

Steaks und Spiele

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Wie besteht man auf dem Markt für Computerspiele – einem Bereich der Unterhaltungsindustrie, der mittlerweile mehr Umsatz generiert als die Musik- und Kinobranche zusammen genommen? Klaas Kersting antwortet mit einem Schmunzeln: „Es darf einfach kein Scheißspiel sein.“ Er hat aber auch eine ausführlichere, detailliertere Auskunft auf die Frage. Als Gründer zweier Unternehmen in Karlsruhe, die weltweit mit Computerspielen ihr Geld verdienen, ist das keine Überraschung. Gameforge und später auch flaregames behaupten sich am Markt. Die Karlsruher Unternehmen haben echte Erfolgsrezepte umgesetzt:  „Ein Spiel muss langanhaltend fesseln. Es braucht Aufbauelemente, die die Motivation hochhalten und die Entwicklung vorantreiben. So bleibt es auch auf Dauer interessant. Außerdem müssen Spieler miteinander interagieren können, als Team oder Kontrahenten. Sonst läuft es nicht.“

„Das war nicht meine Welt“

Kersting, Jahrgang 1979, hat schon früh Zugriff auf die neuen Medien, auf das, was dereinst zum Internet werden sollte. „Mein Vater war Leiter eines Rechenzentrums in Lemgo, wir hatten schon einen Netzzugang als andere noch nicht einmal davon gehört hatten“, erinnert er sich. Per Telefon und Akustikkoppler lernte Kersting den Umgang mit einer vernetzten Welt von der Pike auf. Die Leidenschaft zum Computerspiel wuchs heran. Als er 1999 von der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen für das Studium der Betriebswirtschaftslehre nach Chemnitz geschickt worden ist, spielt Kersting. Während Kommilitonen für Prüfungen büffelten, errang er im Strategiespielklassiker Alpha Centauri Platz eins der Weltrangliste. Im Sinne des Studiums war das nicht: „Nach einem Jahr in Chemnitz stellte ich fest, dass es so nicht weiter gehen konnte.“ Klaas Kersting wechselte zunächst nach Bonn und zockte weiter. Es waren seine Eltern, die ihn auf eine neu gegründete Akademie der Beratungsfirma KPMG in Mannheim aufmerksam machten. Vom Rhein geht es in die Kurpfalz. Kersting, immer noch leidenschaftlicher Computerspieler, wird zum Spezialisten für Information Risk Management, muss aber feststellen: „KPMG war nicht meine Welt.“

Es ist ein Abend in Bierlaune, der die Weichen für die Zukunft stellen sollte. Er und Kommilitonen diskutieren über die Programmierung eines Onlinespiels für viele tausend Mitspieler. Mit einem Team, das er daraufhin zusammenstellt, entwickelt er „Wogen des Schicksals“. Immerhin 3000 Menschen konnten sich für das Strategiespiel begeistern, auf dem noch überschaubaren Markt ein achtbarer Erfolg. „Nicht genug jedoch, wenn alleine für Serverkosten und den Onlinetraffic im Monat 3000 bis 4000 Euro anfallen“, schildert er die Probleme. Der Spielemacher entscheidet sich dazu, Werbung im Spiel einzublenden und auf einmal trägt sich das Spiel von alleine.

Vom Erfolg überrascht, sucht er den Kontakt zu anderen Spielemachern. Kersting nimmt Kontakt zum Karlsruher Alexander Rösner auf, Macher des damals populären Spiels Ogame, einem Weltraumstrategietitel. Rösner war damals bereits erfolgreicher Geschäftsmann und Gründer des IT-Dienstleister Schlund&Partner, der später von 1&1 übernommen worden ist. Nachdem der Karlsruher Kerstings Spiel sah, traf man sich. Drei Wochen später, im Dezember 2003, gründeten sie das Spieleunternehmen Gameforge und Kersting wechselte in die Fächerstadt.

Explosionsartiges Wachstum mit Onlinespielen

Was folgte, waren Jahre des explosionsartigen Wachstums. Total verrückt sei das gewesen, blickt Kersting zurück. 2007 hatte Gameforge 100 Mitarbeiter, drei Jahre später waren es 450. Knapp eine halbe Milliarde Menschen auf allen Kontinenten waren registrierte Spieler von mindestens einem der vielen browserbasierten Titel, die das Karlsruher Unternehmen auf dem Markt hatte. Und hier zog Kersting die Reißleine. „Das Wachstum war zu groß, es fehlte an den notwendigen Prozessen.“ Im März 2010 verließ er Gameforge, nahm eine Auszeit, bereiste die Welt. Doch der Unternehmer ist ungeduldig, wie er offen bekennt. Lange untätig blieb er daher nicht. Der Versuch, in Deutschland eine Frozen Yoghurt Kette zu eröffnen, schlug fehl. Kersting besann sich auf seine Kernkompetenz: Computerspiele. Gerade der mobile Markt schien lohnenswert mit ungeahnten Potenzialen. 2011 gründete er flaregames und auch dieses Unternehmen wächst bis heute mit großem Erfolg. Jüngst haben die Karlsruher für einen ihrer Titel Actionheld Chuck Norris als Gallionsfigur gewinnen können.

37 Punkte umfasst die von ihm zusammengestellte Liste an Fehlern, der er bei Gameforge gemacht habe, so Kersting. Keinen davon habe er bisher bei flaregames gemacht – einige neue seien jedoch dazu gekommen. Und er hat eine weitere Leidenschaft professionalisiert: Brick+Bone heißt das in der Karlsruher Innenstadt eröffnete Steakhouse. „Weil es in der Stadt einfach kein gutes Steak zu essen gab“, begründet er den Schritt. Das beste Steak der Welt habe er während seiner Auszeit in San Francisco genossen, in Liaison mit einem ausgezeichneten Wein. Warum sollte man so einen Genuss nicht auch im Badischen hinbekommen können? Schließlich kann er sich mit der Stadt gut identifizieren: „Das Ökosystem für Gründer ist optimal, das KIT bietet Softwarefirmen einen Pool an hochqualifizierten Entwicklern.“ Mit seiner Familie genießt der Vater zweier Jungs die vielen Grünflächen der Stadt, ist häufig im Zoo zu Gast. Die zwei und vier Jahre alten Kinder sind vertraut mit Smartphone und Tablet. „Mehr als zehn Minuten am Tag sollen sie aber nicht an den Geräten verbringen. Ich möchte, dass sie ihre Zeit mit anderen Kindern verbringen, draußen auf dem Bolzplatz oder zuhause beim Spielen mit Lego.“ Gleichwohl ist er davon überzeugt, dass gerade Lernspiele am Computer ihren Zweck erfüllen. Mit der digitalen Technik werden sie in jedem Fall aufwachsen, weiß Kersting. „Diese Entwicklung wird nicht verschwinden.“

Kersting sieht die Gesellschaft im Wandel

In den kommenden Jahren sieht er die Gesellschaft im Wandel. Künstliche Intelligenz werde nicht nur die Industrie umwälzen, sondern in allen Bereichen des Alltags Einzug halten. Darauf müsste man sich einstellen. „Es birgt Chancen, aber auch Risiken, gerade in der Arbeitswelt.“ Den Spieltrieb werden die Menschen jedoch nicht ablegen, der Markt ist weiter am Wachsen, sagt der Unternehmer. Hin und wieder findet sogar Kersting, der Spieler, selber noch Zeit für eine Runde vor dem Gamingbildschirm.