Kinderkram
Foto: Dolgachov - Fotolia

Neues aus dem Erziehungsalltag

Wehret den Anfängen

Anzeige

Wenn Eltern und Kinder älter werden, gibt es diesen einen Zeitpunkt, an dem die Nachkommenschaft schlagartig begreift, dass das Kräfteverhältnis zwischen ihnen und ihren Erzeugern im Begriff ist, sich umzukehren. Wenn sie merken, dass ihre Eltern mehr und mehr vergessen und zunehmend schlechter hören. Von hier bis zur Machtübernahme und zur totalen Bevormundung durch die eigenen Kinder ist es nur noch ein kleiner Schritt. Irgendwann wird man, in Ehren ergraut, im Fernsehsessel sitzen und alte „Sex and the City“-Folgen streamen. Dann wird es passieren, dass eines der Kinder ungefragt zur Fernsteuerung greift, um den Ton herunterzuschalten und mit der vollen Wucht seiner vermeintlichen Autorität belehrt: „Mama, das ist viel zu laut.“
Wehret den Anfängen, sage ich da nur und lege mir schon jetzt Strategien zurecht, um meinen Kindern so lange wie möglich vorzugaukeln, dass meine Entscheidungen, so schusselig sie auch erscheinen mögen, doch zu jedem Zeitpunkt im Vollbesitz meiner geistigen und körperlichen Fähigkeiten getroffen wurden. Jüngst beispielsweise wollte meine Tochter mit vorwurfsvollem Gesichtsausdruck wissen, warum ich noch eine Flasche Kloreiniger gekauft hätte, wo doch noch zwei ungeöffnete im Schrank stehen. Ich: „Das ist, weil ich gelesen habe, dass der Kurs der Unilever-Aktie abrutscht und ich Schaden von Deinem Ausbildungsfonds abwenden wollte.“
Neulich brachte sich eine meiner Freundinnen in eine kniffelige Situation. Nach einem gesellschaftlichen Event, bei dem auch Alkohol gereicht wurde, kam sie frühmorgens nach Hause. Vor der Tür musste sie feststellen, dass der Schüssel weder in den Tiefen ihrer Mini-Handtasche noch in den nichtvorhandenen Falten ihres Abendkleidchens steckte. Also blieb der Armen nichts Anderes übrig, als die in der Wohnung schlafenden Kinder wach zu klingeln. Das Unterfangen schien lange Zeit aussichtslos, bis sich nach viertelstündigem Dauerklingeln endlich Sohn 1 an die Gegensprechanlage schleppte.
Er: „Wer ist da?“
Sie: „Deine Mutter.“
Er: „Wie viel Uhr ist denn?“
Sie: „Kannst Du bitte aufmachen. Ich habe keinen Schlüssel.“
Er: „Schon wieder?“
Sie: „Können wir das oben besprechen?“
Er: „Das mit dem Schlüssel passiert in letzter Zeit aber häufig.“
Sie (mit zunehmender Ungeduld): „Kannst Du mich jetzt bitte reinlassen?“
Er: „Vielleicht solltest Du mal zum Arzt gehen und Dich untersuchen lassen.“
Sie: „Mach einfach auf, ja?“
Er: „Im Ernst, Mama. Ich mache mir Sorgen.“
Sie: „Mach auf!“
Als sich die Tür endlich öffnete und meine Freundin auf ihren Highheels nach oben gewankt war, stand der Wächter des Anstands und der guten Sitten mit moralinsaurem Gesichtsausdruck da. Er: „Hast Du etwa Alkohol getrunken?“
Haha! Meine Freundin wäre nicht meine Freundin, hätte sie sich nicht trotz Ginrausch auf genau diese Situation vorbereitet. „Stell’ Dir vor“, erklärte sie dem selbsternannten Moralwächter atemlos: „Die Party wurde überfallen. Außerirdische haben mich in ihr Raumschiff entführt, um Gin-Experimente an mir durchzuführen.“
Er: „Echt?“
Sie: „Ja! Ich konnte mich gerade noch befreien und aus dem Fenster springen. Aber dabei ist mir der Schlüssel aus der Tasche gefallen.“
Er: „Du hast ihn also nicht einfach zu Hause vergessen?“
Sie: „Ich? Vergessen? Was erlaubst Du Dir? Ich bin doch nicht dement.“