Frisch gepresst: Björn Bieber produziert in seinem Werk auf der Wilferdinger Höhe Schallplatten in Kleinstauflagen. | Foto: tas

Schwarzes Gold aus dem Hinterhof

Björn Bieber presst in Pforzheim Schallplatten

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Es riecht wie in einer Autowerkstatt und es klingt wie in einer Fabrik: zisch zisch, tok tok. Björn Bieber liebt sein selten gewordenes Handwerk, obwohl er eigentlich gar kein gelernter Handwerker ist. Auf wenigen Quadratmetern bewegt sich der Mann mit weißen Handschuhen zielsicher durch enge Gänge. Der Raum wirkt wie eine große Garage. Björn Bieber presst Schallplatten. In Pforzheim. Im digitalen Zeitalter von CD, MP3 und Streaming hält er die analoge Fahne hoch.

Das hier ist das Paradies für mich

Bieber gehört zu den wenigen Menschen, die eine Technik von gestern beherrschen, die heute wieder angesagt ist. „Das hier ist das Paradies für mich“, sagt er und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Es ist ein heißer Augusttag. Gerade hat er seine Automatikpresse angeworfen. Gut 50 Jahre hat die Maschine auf dem Buckel. Björn Bieber nennt sie liebevoll „Paula“. Und „Paula“ läuft wie ein Uhrwerk, seit drei Jahren „nahezu perfekt“.

Für die Vervielfältigung eines Tonträgers wird zu Beginn eine Matrize der A- und B-Seite eingespannt. | Foto: tas

60 000 Euro in „Paula“ reingesteckt

Der Pforzheimer hat die Plattenpresse 2011 in Italien gekauft – für 10 000 Euro. Heute sei die Maschine etwa das Zehnfache wert. Bis „Paula“ so gut funktionierte, musste der Plattenpresser 60 000 Euro reinstecken. Zur Anlage gehört auch die Handpresse „Carlo“, die fast ausschließlich für Picture-LPs, bei denen ein Bild auf der Oberfläche eingearbeitet ist, läuft. „Das ist echte Akkordarbeit, das kann man nicht lange machen“, sagt der Familienvater. Im Lager befindet sich noch eine angerostete Maschine zur Herstellung von Vinyl-Singles. „Die stand 20 Jahre lang im Urwald von Venezuela.“ Der Zustand ist dementsprechend schlecht. Bieber will den Fund herrichten. Insgesamt hat er 150 000 Euro in sein Presswerk gesteckt.

Vinyl-Granulat: Die Körnchen werden geschmolzen. | Foto: tas

Bei der Produktion kann so viel schiefgehen

Beim Besuch auf der Wilferdinger Höhe ist das Tagespensum überschaubar: Zwei Aufträge à 100 LPs. Am Ende eines Vorgangs, nach etwa 30 Sekunden, lassen die drei Saugknöpfe eine fertige Platte der Band „Monotrones“ fallen. Björn Bieber schnappt sich den frisch gepressten Tonträger, prüft beide Seiten auf optische Fehler und steckt sie in Innenhüllen. „Bei der Produktion kann so viel schiefgehen. Es kommt auf jedes kleine Detail an“, sagt der 42-Jährige, der ein Verfechter von gefütterten Innenhüllen ist. Sie wirken antistatisch, ziehen somit weniger Staub an. Denn Staub ist einer der größten Feinde der Schallplatte. Beim Reinschieben und Rausziehen der Platte entsteht durch Kontakt mit der Hülle Reibung. Da reicht ein kleines Körnchen und schon ziert ein Kratzer das gute Stück.

Aus dem Granulat entsteht ein Ballen aus Vinyl, der Kuchen genannt wird. | Foto: tas

Eine Wimper kann alles kaputt machen

Den Kratzer müsse man aber nicht unbedingt hören. Ihn störe es weniger, aber die Kunden. Die wollen die perfekt gepresste Platte, klanglich und optisch, sagt Bieber und füllt zehn Kilo Vinyl-Granulat nach. Besonders Heavy-Metal-Fans, treue Käufer von Schallplatten, seien in dieser Hinsicht „erzkonservativ“ und ziemlich pingelig. Manche Sammler packten ihre Käufe nie aus. Das kommt für Björn Bieber nicht in Frage. Er will Vinyl in die Hand nehmen, spüren, riechen, hören. Eine Wimper auf der Matrize, der Pressvorlage, könne eine ganze Auflage kaputt machen.

100 Vinyl-Aufträge pro Monat

Es ist eine Wissenschaft für sich und der Vinyl-Liebhaber brachte sie sich selbst bei. Bieber hat Betriebswirtschaftslehre studiert und vor 15 Jahren mit der Schallplatten-Produktion angefangen. Seine Firma Flight13 Duplication mit Sitz in Karlsruhe bietet die Vervielfältigung von CDs und Schallplatten an. Dort verdient er Geld mit dem Schneiden und Mastern von Musik. Etwa 100 Vinyl-Aufträge gehen pro Monat in Karlsruhe ein. 85 Prozent davon lässt Flight13 Duplication in größeren Werken pressen, für die restlichen 15 Prozent fährt Bieber in die Goldstadt – und produziert in einem Hinterhof „schwarzes Gold“.

Unter einem Druck von 120 Tonnen wird aus dem „Kuchen“ die Schallplatte gepresst. | Foto: tas

Alben von Fools Garden in Pforzheim gepresst

Das Debüt der Megastars „Gaslight Anthem“ wanderte schon über den Schneidetisch von Flight13 Duplication. Und einige Vinyl-Exemplare des aktuellen Albums „Rise And Fall“ der Lokalmatadoren Fools Garden wurden in Pforzheim gepresst. „Das sind super nette und unkomplizierte Typen“, sagt Bieber über Peter Freudenthaler und Co.
Das Ziel im Pforzheimer Werk: Es sollte kein Zuschussgeschäft sein. Bieber schätzt, dass er in zehn Jahren etwa 100 000 Platten gepresst hat. „Ich mache hier Kleinstauflagen von maximal 500 Stück.“ Ein studierter BWLer, der kein Wachstum anstrebt? „Es macht mir einfach Spaß.“ Er und seine Kollegen kämen aus der Subkultur mit der Haltung des Punk.

Und fertig: Die Platte kommt in eine rote Innenhülle. | Foto: tas

Pressvorgang unter dem Druck von 120 Tonnen

Bis der Kunde eine fertige Schallplatte in Händen halten kann, sind zahlreiche komplexe Vorgänge nötig. Vereinfacht gesagt, wird Polyvinylchlorid-Granulat geschmolzen und zu einem „Kuchen“ geformt, der aussieht wie ein Eishockey-Puck. In der Presse befinden sich oben und unten Matrizen der A- und B-Seite des Tonträgers. Die Maschine wird mit der Vinyl-Masse bestückt und unter dem Druck von 120 Tonnen wird die Schallplatte gepresst. Bei diesem Vorgang quillt flüssiges Vinyl über den Rand, das automatisch abgeschnitten wird. Die Etiketten, Label genannt, verbinden sich durch den Druck und die Hitze während des Pressvorgangs mit der Schallplatte. Ab in die Innenhülle und ins Cover – fertig.

„Paula“ fest im Griff

Je länger Maschine „Paula“ läuft, desto wärmer wird es im Werk. Björn Bieber muss immer aufmerksam sein, jede kleine Veränderung in den Abläufen kann große Auswirkungen haben. An diesem Tag läuft alles nach Plan. Nach sieben Jahren hat er seine „Paula“ im Griff.