Mehr als nur teuer: Die Galerie Henze & Ketterer präsentiert rings um das wertvolle Gemälde „Sängerin am Piano“ weitere Arbeiten auf Papier von Ernst Ludwig Kirchner zum Thema Musik und Tanz. | Foto: Rösner

Klassische Moderne

Tunnel oder Tellerrand?

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Alle wollen sie sehen. Ernst Ludwig Kircher allerdings hätte sie am liebsten einrollen und verschwinden lassen: die Pianistin mit den klumpigen, wurstfarbenen Armen. Sie ist umgeben von einem Paar und drei Frauen, die ihr andächtig lauschen, und von einem eigens von Kirchner entworfenen Rahmen mit dem ihr ein prominenter Platz eingeräumt wurde. So sehr stand die Sängerin am Piano aber vermutlich noch nie im Mittelpunkt wie dieser Tage in Karlsruhe in Halle 3 am Stand H13 von Henze & Ketterer.

Werke der Klassischen Moderne erinnern daran, dass Kunst reflektiert werden möchte

Dort nehmen die Inhaber der traditionsreichen Galerie geduldig Neugierige mit oder ohne Kameras und Aufnahmegeräte in Empfang vor dem angeblich teuersten Gemälde, das auf der Kunstmesse zu erwerben ist. 3 700 000, also knapp vier Millionen Euro. Das ist natürlich ein Wort. „Ich hoffe, dass die Leute nicht nur deswegen zu uns kommen, sondern auch auf die anderen Werke aufmerksam werden.“ Galeristin Alexandra Henze Triebold könnte das Problem, das den Blick auf die Kunst verstellt, treffender nicht ausdrücken. Der Tunnelblick macht blind. Statt dem Kontext nachzuspüren wird Kunst allzu gerne konnotiert. Und man vergisst die Augen über den Tellerrand schweifen zu lassen. Doch beginnt Kunst eben dort spannend zu werden, wo sie dazu anregt, aus ihrer Geschichte zu lernen und politische und gesellschaftliche Tendenzen zu hinterfragen. Insbesondere die Werke der Klassischen Moderne erzählen auf der art Karlsruhe faszinierende Geschichten. Und sind oft nur für kurze Zeit zu sehen, da sie gerne von einem Privatbesitz zum nächsten wandern.

Begeisterung für Varieté, Tanz und Musik

Die Teuerste zum Beispiel, die „Sängerin am Piano“ aus dem Jahr 1930, weist zurück in eine Zeit, in der Kirchner und seine Zeitgenossen in Dresden ihrer Begeisterung von Varieté, Tanz und Musik Ausdruck verliehen. Das Gemälde des berühmten Vertreters des Expressionismus ist daher bei Henze & Ketterer umgeben von Zeichnungen aus dem Nachlass Kirchners, zu dessen Verwalter einst der Auktionator Roman Norbert Ketterer bestimmt wurde. Kirchner überführte das Spiel einer Geigerin in Skizzen mit futuristischem Duktus, die versuchen, die Bewegungen der Musikerin wie der Musik selbst abzubilden. Aber auch tanzende Paare oder Frauen – meist nackt wie bei den Künstlern der „Brücke“-Bewegung üblich – erzählen von der großen Zeit der Mary Wigman und ihres rhythmisch-expressiven Ausdruckstanzes. Weil sein Stil in den 1930er Jahren in die Kritik der Nazis geriet, regte Kirchner seinen Freund Carl Hagemann, der das Gemälde einst erwarb, dazu an, es ihm eingerollt zurückzuschicken, was dieser nicht tat.

Thole Rotermund: Spezialist für Papierarbeiten

Kirchner, Erich Heckel, Max Pechstein – sie alle standen in der Schusslinie des einflussreichen Kunsthistorikers und SS-Führers Klaus Graf von Baudissins, der das Folkwang-Museum in Essen in seiner Zeit als Direktor 1933 bis 1938 von Werken der abstrakten Kunst „befreite“ und 1937 Mitgestalter der NS-Ausstellung „Entartete Kunst“ war. War von Baudissins der Avantgarde gegenüber zunächst durchaus aufgeschlossen, hatte er sich später als glühender Nazi ganz dem Ideal einer „rassisch gebundenen und geistig gesunden“ Kunst verschrieben. Von dieser dunklen Phase der Kunstgeschichte erzählen stumm auch die wundervollen Beispiele genannter Vertreter des Expressionismus, die bei Thole Rotermund (H3/G11) zu sehen sind. Die Galerie ist spezialisiert auf Papierarbeiten, weil sie die Idee des Expressionismus viel spontaner transportieren als Gemälde, sagt Harald Fiebig, ein Mitarbeiter der Galerie aus Hamburg. Auch er vermisst oft den zweiten, den hinterfragenden, den Kontext suchenden Blick auf Kunst und kritisiert die oberflächliche Vorverurteilung nicht zuletzt auch bei der aktuellen Debatte, ob Akte einen rein männlichen, sexistischen Blick transportieren. Einen rein weiblichen Blick präsentieren bei Thole Rotermund die Scherenschnitte von Gretel Haas-Gerber, einer weniger bekannten Expressionistin, die in den 1920er Jahren in Karlsruhe studierte.

Galerie Ludorff

Noch weiter zurück an den Übergang des Impressionismus zum Expressionismus weist die Kunst, die bei Ludorff (H3/H05) zu sehen ist. Prächtige Exemplare wie das Gemälde „Im Café Bauer, Berlin“ von Lesser Ury aus den Jahren 1888/1889 bietet die Galerie, oder auch „Zwei Kutter im Hafen von Leba“ von Max Pechstein (1922). Das Gemälde war seit 1959 in privater Sammlung in Köln und ist nun erstmals wieder „auf dem Markt“. Künstlerpostkarten von Otto Müller oder Ernst Nay machen den Reiz bei Ludorff ebenso aus wie seltene Aquarelle des Schriftstellers Hermann Hesse oder das, was der Galerist Rainer M. Ludorff „Anschluss an die Neuzeit nennt: die Nachkriegsabstraktion und ausgewählte zeitgenössische Künstler.