BINYO auf der Kulturbühne von "Das Fest" singen von Wohlstand, und von den Leiden des Frodo Beutlin. | Foto: kel

Slam Poesie auf dem „Fest“

Geschichten aus den Leben anderer

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Es sind Geschichten, die Menschen bewegen. Und Erzählungen, die Erfahrungen im Geist anderer wieder lebendig werden lassen. Darum geht es bei Slam Poetry, darum ging es am Sonntagnachmittag auf der Kulturbühne von „Das Fest“. Schon zum fünften Mal war die Literarische Gesellschaft Karlsruhe Die Bilder, die die Künstler den Zuschauern in die Köpfe setzten, könnten bunter kaum sein.

Die Geschichte von Muhammad Ali

Da war beispielsweise der in Russland geborene Artem Zolotarov, der leidenschaftlich und in Reimen vorgetragen, von Muhammad Ali erzählt, vom Kampf gegen George Foreman, dem „Rumble In The Jungle“, vom Besten, den die Welt je gesehen hat. Und wie Ali sich gegen die Einberufung für den Vietnamkrieg widersetzte und damit zum Hassobjekt vieler amerikanischen Staatsbürger wurde. Zolotarov erzählte den vielen hundert Menschen aber auch von seiner eigenen Vergangenheit, aufgewachsen in Russland, kurz vor dem Fall der Sowjetunion dann in die Bundesrepublik gezogen: „Ich bin Flüchtling, Asylant, der hier eine Heimat fand.“

Auf dem Weg nach Mordor

Eröffnet wie auch abgeschlossen übrigens wurde die Slam Poetry-Stunde vom Singer/Songwriter BINYO. Die Konsumkritik mit dem Titel „Wohlstand“ am Anfang, verpackt mit jeder Menge Witz, erntete Grinsen, Lachen und Beifall im Publikum. Aber eigentlich geht es uns doch allen gut, denn, so im zweiten Stück: „Wenn mir nichts mehr hilft, stelle ich mir vor, ich bin Frodo auf dem Weg nach Mordor.“

Aus der schönsten Zeit des Lebens

Eine mehr heitere Abwechslung bot Moritz Konrad aus Karlsruhe, der zunächst über die Mittelmäßigkeit dozierte. „Mit einem schon mittelmäßigen Text“ brachte er die Festbesucher zum Lachen, referierte über sein Dasein. Ja, Zweifel setzten sich da fest: „Mit 22 Jahren soll man ja die schönste Zeit haben, aber wenn das jetzt, irgendwann im Rückblick, die beste Zeit sein soll, dann … ohje!“ Auch von seiner „Katastrophen-WG“ erfuhren die Zuschauer. „Ich glaube, Wohngemeinschaften befriedigen ein Grundbedürfnis der Menschen: Sie liefern Probleme. Und über die kann man sich dann auslassen.“

Moritz Konrad brachte dem Publikum die Unbillen des Lebens in seiner, der allerschlimmsten aller WGs. | Foto: kel

„Ich fühle mich schön und ohne Grenzen“

Persönlich und nachdenklich wurde die Karlsruherin Anna Teufel. Mit einem Gendefekt geboren, wurde sie häufig schief angesehen. Aber wollte sie deswegen anders sein? Nein. „Dann wäre ich ja nicht mehr ich.“ Und es sei gut so, wie es ist: „Ich fühle mich schön und ohne Grenzen.“ Über den Abschied eines Menschen, der 89-jährigen Nachbarin Frau Meier, erzählte Anna Teufel in ihrer zweiten Geschichte. Von Begegnungen im Treppenhaus, vom Hefezopf, von der Nettigkeit, die andere nicht aufbrachten. Und der Vorahnung, kurz vor dem Tod der alten Frau. „Ich kannte nicht einmal ihren Vornamen. Warum eigentlich?“

Die Poesie von Anna Teufel war nachdenklich, persönlich und berührend. | Foto: kel

Zwischen Wollen und Wünschen

Bissig, ironisch und kritisch war der Auftritt von Stefan Unser aus Malsch, der von einer Gesellschaft erzählte, in der das Wollen überhand gewonnen habe. Er las vor vom bedingungslose Fordern, das in der Gesellschaft das schon lange das hoffende, zurückhaltende Wünschen abgelöst habe. Stefan Unser habe sich schon lange vom Wollen verabschiedet, er habe vor allem noch Wünsche. Das Wollen sollte man den Menschen abgewöhnen, sein Pläydoyer.

Der Malscher Stefan Unser erklärte, warum die Gesellschaft weniger wollen sollte, um sich mehr auf das Wünschen zu konzentrieren. | Foto: kel