Der promovierte Chemiker Tobias Grab möchte mit dem Start-up Heisenberg Quantum Simulations Algorithmen für Quantencomputer entwickeln – und damit neue Materialien finden. | Foto: jodo

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Das Unberechenbare ist sein Element

Quantenmechanik ist eine ziemlich komplizierte Angelegenheit. Daher hat sich Tobias Grab ein paar einfache und bildhafte Analogien zurechtgelegt, um Interessierten zu erklären, was eigentlich das Besondere am Karlsruher Start-up Heisenberg Quantum Simulations ist. Das kommt hin und wieder vor, schließlich ist er CEO im jungen Unternehmen.

Science-Fiction und Kinderspielzeug spielen in der Erklärung von Tobias Grab eine Rolle: „Stellen Sie sich einen komplexen Legobausatz des Raumschiffs Millenium Falken aus Star Wars vor, der tausende Teile beinhaltet, Sie haben jedoch keinen Bauplan, um ihn zusammen zu setzen.“ Den Bausatz in jeder der möglichen Varianten zu bauen und es erst zu beenden, bis endlich jedes Teil an seinem Platz ist, würde lange dauern. „Solange wird das Sonnensystem vermutlich nicht existieren“, schätzt Grab.

Algorithmen für die Zukunft

Fast genauso schwierig ist es auch, ein Medikament, einen Farbstoff oder einen neuen Supraleiter nur durch Ausprobieren zu finden: „Dazu braucht man Simulationen. Quantencomputer, die auf Basis der Quantenmechanik funktionieren, könnten diesen Bauplan im Bruchteil der Zeit entwerfen, die ein konventioneller Computer dazu braucht“, erläutert er. Die Algorithmen, mit denen dieser Quantencomputer gefüttert wird, werden vom Heisenberg-Team entwickelt.

Der promovierte Chemiker Tobias Grab, mit dem Nebenfach Nuklearchemie, weiß aus Erfahrung sehr gut, wo sich derartige Algorithmen gut einsetzen lassen. 2008 wurde Grab CEO bei Cynora, einem Bruchsaler Unternehmen für Materialien bei organischen Leuchtdioden und somit Vorreiter einer möglichen Revolution in der Displaytechnologie. Damals wie heute stehen Unternehmen wie Cynora vor der Herausforderung, Materialien zu entwerfen, die genauen Anforderungen genügen müssen. „Wie muss beispielsweise ein Molekül aussehen, damit es in einer OLED blau leuchtet?“, war damals die Frage. Nur über viele Versuche lässt sich eine Struktur schrittweise entwickeln, die gesuchte Erwartungen auch erfüllt. „Wir haben hunderte von Mannjahren dafür eingesetzt.“

Mitbegründer der Cynora

In Karlsruhe hat Grab promoviert, seine Wurzeln liegen jedoch im Rheinland, in Brühl. Studiert hat der Wissenschaftler mit Jahrgang 1977 in Bonn, lernte dort an der Universität seinen künftigen Doktorvater Stefan Bräse kennen und folgte ihm 2004 in die Fächerstadt, um dort das Studium abzuschließen. Grab erinnert sich „Eigentlich wollte ich nicht lange bleiben, für mich stand vor allem die Promotion im Vordergrund.“ Auch dank des Doktorvaters entschied sich Grab um: Bräse hatte bereits vor seinem Wechsel nach Karlsruhe an der RWTH Aachen Cynora mitgegründet, seine damaligen Geschäftspartner jedoch gingen nach der Gründung erfolgreich andere Wege.

Grab und Bräse ergriffen die Chance: „Wir wollten weiter an der Materialforschung arbeiten, übernahmen das Unternehmen und brachten es an den Inkubator am KIT-Campus Nord.“ Unter Leitung des gebürtigen Rheinländers wuchs Cynora, zog Investoren an und kann auch heute noch auf Unterstützung von Konzernen wie Samsung und LG bauen. Trotz des Erfolgs zog sich der zweifache Familienvater aus der Unternehmensführung der Cynora 2015 zurück und schaute sich nach einer neuen Aufgabe um.

„Ich war eine richtige Leseratte“

Das Heisenberg-Team Michael Marthaler, Sebastian Zanker, Iris Schwenk und Jan Reiner lernt Grab 2016 am KIT kennen – „und es endete damit, dass sie mich fragten, ob ich nicht Co-Founder und CEO werden wollte.“ Und das vieler Angebote aus der Industrie zum Trotz, „persönlich für mich gestrickt und so dotiert, dass nur ein Spinner sie nicht annehmen würde.“ Er schlug sie aus. Die Perspektive, an einer möglichen Revolution zu arbeiten, die das Potenzial hat „die Welt aus den Angeln zu heben“, bot ihm keine der Firmen. Das ganz Große und das winzig Kleine faszinierten den Wissenschaftler schon in jungen Jahren. Schon als Jugendlicher interessierte er sich unter anderem für die Astrophysik.

„Ich war eine richtige Leseratte. Mein erstes Buch über Terraforming des Mars’ las ich mit zehn, für Quantenphänomene begeisterten mich die Bücher des Wissenschaftsjournalistes Joachim Bublath, ohne das damals komplett verstehen zu können.“ Heute sind es Hörbücher, bis zu fünfzig im Jahr aus vielen Genres, sehr gerne auch Science-Fiction. Letztlich arbeitet auch Grab an einem Bauplan für die Welt von morgen.