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Die Belgier feiern den Sieg gegen Brasilien. | Foto: Dirk Waem/BELGA

Goldene Generation

Belgien nah am Coup – «Spiel ihres Lebens»

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Kasan (dpa) – Müde, aber glücklich stiegen Belgiens Sieger um Kevin De Bruyne im Morgengrauen aus dem Flieger in Moskau und verschwanden ohne große Party im Bett.

Die Goldene Fußball-Generation des Landes ist nach dem 2:1 (2:0)-Sieg im WM-Viertelfinale gegen Brasilien so nah dran am ersehnten Titelcoup wie noch nie – und will den großen Triumph. «So eine Chance erlebst du nur einmal, wenn überhaupt», sagte der Ex-Wolfsburger De Bruyne, der in Kasan eine überragende Leistung zeigte und Brasiliens Superstar Neymar klar in den Schatten stellte. «Ob Goldene Generation oder nicht, so ein Turnier ist immer schwierig. Wenn man siegen will, muss man die großen Namen schlagen.»

Der nächste Favorit, den Belgien nun aus dem Turnier werfen will, ist am Dienstag (20.00 Uhr MESZ) Vize-Europameister Frankreich. Dass die hochkarätig besetzte Mannschaft dazu mittlerweile in der Lage ist, bewies sie gegen Brasilien eindrucksvoll. Mit einer Gala-Vorstellung in der ersten Halbzeit und blitzsauber ausgespielten Kontern entzauberte sie den Rekordweltmeister und steht erstmals seit 1986 in einem WM-Halbfinale. «Sie haben es hervorragend umgesetzt. Es war ein Sieg der Mentalität. Ich bin der stolzeste Mann auf der Welt», sagte der spanische Trainer Roberto Martínez, der mit seiner Taktik, die De Bruyne offensiver agieren ließ, großen Anteil am Erfolg hatte.

«Es war das Spiel ihres Lebens. Das Spiel einer Generation», urteilte die Zeitung «La Derniere Heure» am Samstag. Die Mannschaft um De Bruyne, Romelu Lukaku und Eden Hazard gilt als beste des belgischen Fußballs – auch wenn sie in den vergangenen Jahren ein ums andere Mal scheiterte. Bei der WM 2014 und der EM 2016 war je im Viertelfinale Schluss – nun scheint das Team unter Martínez bereit für den großen Coup. «Alle Enttäuschungen der Vergangenheit sind vergessen und vergeben» schrieb «La Derniere Heure». «Diese Mannschaft ist in die Geschichte des Fußballs eingetreten und wird für immer dort bleiben.»

De Bruyne, der auch die Enttäuschungen bei den vergangenen Turnieren miterlebt hatte, sagte: «Wir haben lange darauf gewartet und wir sollten stolz darauf sein». Martínez lobte: «Jeder in Belgien hat realisiert, dass diese Generation etwas Besonderes ist. Sie haben sie stolz gemacht und sie dürfen jetzt gefeiert werden.» In der Heimat verfolgten Tausende Menschen die Partie beim Public Viewing und bejubelten ihr Team. Innenverteidiger Jan Vertonghen sagte grinsend: «Wir reden immer über die Goldene Generation, aber zuletzt war es zweimal nur das Viertelfinale. Halbfinale klingt besser.»

Ein Eigentor von Brasiliens Fernandinho (13. Minute) und ein vom überragenden De Bruyne eiskalt abgeschlossener Konter (31.) brachten Belgien in die Runde der besten Vier – auch wenn die Roten Teufel nach einer schwächeren zweiten Halbzeit und de Anschlusstor durch Renato Augusto (76.) noch einmal zittern musste. «In den letzten 15 Minuten war es ein Charaktertest», urteilte De Bruyne.

Doch auch diesen bestand die Mannschaft auch dank des starken Keepers Thibaut Courtois, der den Sieg mit seinen Paraden rettete. «Ich habe heute gezeigt, warum ich hier bin», sagte der 26-Jährige. Brasiliens Coach Tite gab zu: «Sie waren stark. Das war kein Glück. Sie hatten Courtois. Auch das war kein Glück. Und sie waren effektiv.»

Auf eine ausgelassene Party verzichteten die Belgier ganz bewusst – zu groß ist die Anspannung vor den nächsten Aufgaben. «Wir sind noch nicht fertig mit dem, was wir erreichen wollen», versprach der ehemalige Bundesligaprofi De Bruyne. «Jetzt müssen wir wieder anfangen zu arbeiten, um gegen Frankreich ein gutes Spiel zu machen.»

Mit einem Sieg im Halbfinal-Showdown gegen den Nachbarn würden die Belgier erstmals überhaupt in ihrer WM-Geschichte in ein Endspiel einziehen. Dann könnten sie sogar die legendäre Mannschaft von 1986 überflügeln. «Die Halbfinalisten der WM in 1986 haben endlich ihre Ansprechpartner gefunden», urteilte «Le Soir». «Belgien hat die größte Heldentat seiner Geschichte geleistet.»