Mit Interessierten im Gespräch. | Foto: Rake Hora

Im siebten Himmel zu Hause

Liebesbekenntnisse zu Karlsruhe

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Wo dieser Mann zu Hause ist? Eigentlich müsste er wohl antworten: „Im siebten Himmel“. Immerhin ist er mit seiner Freundin aus Mannheim angereist, um ihr vor dem Karlsruher Schloss und dem Doppel-Riesenrad einen Heiratsantrag zu machen. „Ich will und werde ihn zum Mann nehmen“, verrät die junge Frau, die wie ihr künftiger Ehemann ursprünglich aus der Türkei stammt. Türkei, Deutschland – nein, der strahlende Verlobte will davon nichts wissen: „Die Welt ist unsere Heimat. Und die ist nicht unendlich groß. Wir sollten uns also keine Grenzen setzen.“
Was bedeutet Heimat? Menschen aus Karlsruhe, Tagestouristen aus der Region sowie von weit her Gereiste diskutierten gestern am Marktplatz und am Schloss im Gespräch mit den BNN diese Frage. „Heimat ist für mich, soweit ich mit dem Rad fahren kann“, sagt Kult-Fraktionschef Erik Wohlfeil, der das BNN-Team am Marktplatz besucht. In Karlsruhe geboren, aufgewachsen in Stutensee, jetzt zum Studium zurück in Karlsruhe: „Ich habe in meinem Leben noch nie ein eigenes Auto besessen“, sagt der Stadtrat, der ergänzt: „Auch Europa ist für mich Heimat, politisch sind es für mich die Piraten.“

„Heimat bedeutet ein friedliches Leben“, fassen es fünf Geschäftsleute aus Japan zusammen, die in ihrer Mittagpause Schloss und Doppel-Riesenrad bestaunen. „Schön ist es hier!“, loben sie den Platz. Da fällt einem von ihnen noch etwas ein: „Japanisches Essen ist für mich Heimat.“ Chinesische Gerichte nennt ein junger Mann, der das Land der Mitte verlassen hat, um in Karlsruhe zu studieren. Seit zwei Monaten ist er in der Stadt und absolviert einen Sprachkurs. Er übt fleißig, will jetzt Deutsch, nicht Englisch sprechen. „Ich vermisse meine Heimat“, sagt er. Das Essen sei hier übrigens auch teurer als in Peking. Dafür sei Karlsruhe ruhiger, die Luft besser. „Aber meine Familie lebt in China, wenn ich mit dem Studium fertig bin, möchte ich zurück.“ Ein älterer Mann, der auf der Bank beim Blumenmarkt sitzt, hat da andere Pläne. „Vor 30 Jahren kam ich als Gastarbeiter aus der Türkei. Meine Heimat ist hier.“ Auch der junge Student, der gebürtig aus Aleppo stammt, sieht seine Zukunft in Deutschland, gerne in Karlsruhe. „Hier gibt es Arbeit für Ingenieure, die Leute sind nett, natürlich gefällt es mir hier.“

Auch Martin Wacker ließ es sich nicht nehmen, eine Runde mit dem BNN-Caddy mitzufahren. | Foto: Rake Hora

Mathias Dilbart blieb nach dem Studium in Karlsruhe hängen. „Die Stadt hat die ideale Größe und ist lebenswert“, sagt er. Monika Zastawny, die seit fünf Jahren in Karlsruhe lebt, gerät ins Schwärmen: „Man braucht gar nicht wegzufahren, hier gibt es alles: Parks, Seen, man kann einkaufen. Es gibt den geilsten Dönerladen, super Eisdielen. Alle Kulturen der Welt.“ Ob sie für immer bleibt? Vielleicht nicht: „Es gibt Menschen, die die Vielfalt stören. Die rechten Aufmärsche zu sehen, das tut weh“, sagt sie.
Siegfried Birkle, der quasi Urkarlsruher ist, hat sich die BNN-Aktion „Heimat erfahren“ extra im Terminkalender vermerkt. Er ist gekommen, weil er eine Botschaft loswerden will: „Karlsruhe verkauft sich unter Wert. Wenn irgendwo in Bayern ein Trachtenjubiläum gefeiert wird, gibt es eine Sonderbriefmarke.“ Er meint: Karlsruhe sollte selbstbewusster sein. Immerhin: Die meisten Passanten müssen nicht lange nachdenken – ihre Heimat ist Karlsruhe. Und viele schwärmen richtig von dem, was hier geboten ist. Von Charme ist die Rede, von großartiger Kultur, von fast französischem Lebensgefühl. Ärger über Baustellen? Davon ist selten die Rede. Und die Tagestouristen aus der Region zücken ihre Handys, fotografieren das Schloss und das Doppel-Riesenrad, für das Manfred Joseph in seinem Häuschen Tickets verkauft. Sein Haus steht in Darmstadt. „Die Nachbarn sagen, dass das Gras dort immer wieder zu hoch ist. Und wenn mich dort jemand nach dem Weg fragt, weiß ich es oft nicht, selbst wenn die gesuchte Straße ums Eck ist“, berichtet Joseph, der mit Fahrgeschäften ständig auf Achse ist, quer durch Europa. „Heimat ist da, wo ich mich wohlfühle“, sagt der Mann. Er beobachtet lächelnd, wie Kinder und Erwachsene nach einer Fahrt im Riesenrad so richtig strahlen.
„Natur“ fällt Lisa Ege ein, wenn es um Heimat geht. Zudem der Kontakt zu Menschen. In Karlsruhe liebe sie das Multikulti-Gefühl, so Ege, die als Gärtnerin rund ums Schloss arbeitet. „Wenn zwei, drei Sonnenstrahlen da sind, kommen die Menschen hierher, nutzen den Park, das macht Freude“, sagt die junge Frau.