Die CyberForum-Vorstände Marthin Hubschneider, Dirk Fox und Matthias Hornberger im Gespräch mit BNN-Redakteur Holger Keller. (v.r.) | Foto: CyberForum

Das Interview

Keine Not „sexy“ zu sein

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Wohin steuert die digitale Region und welchen Einfluss kann das CyberForum nehmen? Gerade jetzt, da die Digitalisierung in immer mehr Bereiche der Gesellschaft hineinwirkt, hat ein Netzwerk wie das CyberForum, das alle Beteiligten an einen Tisch holt, Gewicht. BNN-Redakteur Holger Keller sprach mit den Vorständen Matthias Hornberger, Martin Hubschneider und Dirk Fox über Ziele, Perspektiven und die aktuellen Aufgaben des Netzwerks.

Welches sind die Ziele, die sich das CyberForum bis 2025 gesetzt hat?

Matthias Hornberger: Wir wollen weiterhin das Unternehmernetzwerk in der IT-Region Karlsruhe, der Motor und das führende Kompetenzzentrum in Sachen Digitalisierung sein und dabei Tempo und Schlagkraft noch erhöhen. Dies tun wir nicht alleine, sondern in Partnerschaft mit vielen Beteiligten aus Politik, Wirtschaft, Forschung und Gesellschaft; das „Karlsruher Modell“ der Zusammenarbeit bei der Mammutaufgabe Digitalisierung. Wir bringen diese Partner im CyberForum zusammen, um Projekte anzustoßen und voranzubringen. Wegen dieser schon seit Jahren erfolgreichen Kooperationen mit allen Interessenträgern befinden wir uns auf dem richtigen Kurs für 2025.
Martin Hubschneider: Ein schönes Beispiel für diese gelungene Zusammenarbeit ist die gemeinsame Initiative karlsruhe.digital. Zahlreiche Partner aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik agieren hier zusammen, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, Karlsruhes überregionale Spitzenposition als IT-Standort auszubauen und international sichtbar zu machen.
Dirk Fox: Weiter werden wir auch die Neugründungen im Fokus behalten. Den Trend hin zu immer mehr Gründungen im IKT-Bereich unterstützen wir. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass der Anteil der Gewerbesteuereinnahmen der Stadt durch IT-Unternehmen von knapp 12 Prozent 2007 auf aktuell mehr als 44 Prozent gestiegen ist. Die digitale Wirtschaft ist in vielerlei Hinsicht entscheidend für die Zukunft der Stadt.

Viele der Start-ups in Karlsruhe sind im Business-to-Business (B2B) Geschäft entstanden, gerade in diesem Bereich werden IKT-Experten gesucht. Wie ist es denn zu diesem Schwerpunkt gekommen? Und was bringt das mit sich?

Fox: Das hat sich über die Jahre so entwickelt, mit allen Vor- und Nachteilen. Das B2B-Geschäft ist deswegen für die Fächerstadt so gut, weil es viele Querschnittstechnologien in sich vereint und nicht als isoliertes Geschäftsfeld zu betrachten ist. Viele Industriezweige zum Beispiel der Maschinen- und Automobilbau sind davon abhängig, und das in zunehmendem Maße. Diese Technologien sind für die breite Öffentlichkeit aber weniger interessant, weniger „sexy“, sind jedoch nachhaltig und haben großes Potenzial.
Hubschneider: Dazu kommt, dass die Geschäftsmodelle im B2B-Bereich weniger schnell skalierbar sind als Produkte im Consumer-Bereich, dem B2C. Damit wurde in der Vergangenheit tendenziell auch weniger Kapital nach Karlsruhe gezogen. Das wird sich jedoch ändern. Karlsruhe wird zunehmend als IT-Hochburg mit guten Investitionsmöglichkeiten gesehen. Der gerade abgeschlossene Kauf der PTV AG durch die Porsche SE ist ein aktuelles Beispiel.
Hornberger: Diesen Trend zu mehr digitalen B2B-Geschäftsmodellen wollen wir nutzen und Karlsruhe dadurch mehr in die breite Öffentlichkeit rücken, etwa durch einen deutlich stärkeren Außenauftritt. karlsruhe.digital ist ein Schritt in diese Richtung. Eine weitere Möglichkeit, auch die internationale Öffentlichkeit zu erreichen, ist die Digital-Hub-Initiative des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie, die Karlsruhe zum digitalen Hub für Künstliche Intelligenz ernannt hat. Dieser für die Zukunft unschätzbar wichtige Technologiesektor hat dazu große emotionale Wirkung und eröffnet uns weitere Möglichkeiten, auch die internationale Präsenz auszubauen – und somit auch an Ressourcen zu gelangen, die wir für weiteres Wachstum benötigen.

Wie lässt sich dem derzeitigen Fachkräftemangel denn noch entgegenwirken?

Fox: Ein immer wichtigerer Faktor in diesem Themenkomplex ist die Frühsensibilisierung. Wir haben mittlerweile an über 40 Schulen im Stadt- und Landkreis Arbeitsgemeinschaften eingerichtet, die sich mit dem Thema IKT befassen. Im Februar wurden wir für diese Aktivitäten als eine von deutschlandweit sieben MINT-Regionen ausgezeichnet. Bis 2025 wollen wir der MINT-Standort Nummer eins in Deutschland werden – mit einem klaren Schwerpunkt auf „I“ und „T“.

Ein weiterer Hemmschuh für die Entwicklung der Wirtschaft in der Stadt ist der Mangel an geeigneten Büroflächen für die Unternehmen. Nun wurde erst im Sommer bekannt, dass hinter dem Hauptbahnhof ein großes Telekommunikationsunternehmen mit einem Neubau neue Flächen schafft. Wie könnte sich das auf das Flächenangebot in Karlsruhe auswirken?

Hornberger: Tatsächlich könnten durch den Neubau einige 10 000 Quadratmeter frei werden, die hoffentlich auch von Start-ups bezogen werden können. Es mangelt an guten Büroflächen …
Fox: … ebenso wie an Wohnraum für junge Menschen und Familien.
Hubschneider: Mangel haben wir in allen Bereichen – Wohnflächen, Gewerbeflächen, Start-up-Center. Das CyberLab alleine kann es nicht richten. Hier wünschen wir uns den politischen Willen und die Erkenntnis, dass es für eine positive Entwicklung Karlsruhes notwendig und sinnvoll ist, neue Räume zu schaffen – auf allen Ebenen. Daher sind wir glücklich darüber, dass sich die Stadt mit dem Investor hier einig wurde, um hinter dem Hauptbahnhof einen Flaggschiff-Standort zu etablieren.

So soll der Neubau südlich des Hauptbahnhofs aussehen. Mit dem Großprojekt erhofft sich das CyberForum neue Impulse für den IKT-Sektor in der Fächerstadt. | Foto: Graf&Graf

Unabdingbar für weiteres Wachstum ist das Vorhandensein von Venture Capital – was nicht immer einfach ist. Wie stellt sich die Situation aktuell dar?

Hornberger: Es hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verbessert. Wir haben mehr als 50 aktive Business Angels im CyberForum. Darüber hinaus hat sich in Durlach das Venture-Capital-Unternehmen LEA Partners mit Investitionsmitteln im dreistelligen Millionenbereich angesiedelt. Weitere qualifizierte Kapitalgeber werden folgen. Fehlendes Kapital wird künftig viel weniger limitierender Faktor sein als zum Beispiel der Fachkräftemangel.

Was sind denn derzeit die interessantesten Technologiezweige für Investoren?

Hubschneider: Stark im Kommen sind die Themen der digitalen Souveränität, Plattformen mit denen Unternehmen eigenständig die digitale Wertschöpfungskette kontrollieren können, ebenso wie Künstliche Intelligenz als neuer Megatrend in sehr vielen Bereichen. Interessant sind auch Cloud Services, bei denen viele Unternehmen auf eine gemeinsam genutzte Infrastruktur zurückgreifen.

In einer Studie hat PWC jüngst Karlsruhe recht weit hinten bei der Gründungsdynamik gesetzt. Was könnten denn die Ursachen für die geringere Dynamik sein?

Hornberger: Das Ergebnis dieser Studie sollte nicht überbewertet werden. Es war eine geringe Zahl an Unternehmen, die befragt worden ist. Und die sind überwiegend in den Metropolen des Landes zu Hause. Da wird niemand von sich aus Karlsruhe lobend erwähnen. Andere Studien sagen etwas anderes aus. Für uns ist dieses Ergebnis höchstens Motivation, das Gegenteil zu beweisen.
Hubschneider: Außerdem wurde das Augenmerk auf die Dynamik gelegt. Wo schon viel passiert, ist es schwierig, noch zusätzliche Impulse zu erzeugen. Wir sind ja schon auf einem hohen Niveau. Gerade deshalb wollen wir Karlsruhe als junge Stadt mit einem herausragenden Gründerklima positionieren.

Richtfest für das erweiterte CyberLab im Februar 2016 mit CyberForum-
Geschäftsführer David Herrmanns, Wirtschaftsminister Nils Schmid, Ober­bürgermeister Frank Mentrup und Friedrich Georg Hoepfner. (v. l.)
| Foto: CyberForum

Das CyberForum ist einer der größten IKT-Cluster Europas – ist man sich im fernen Berlin in den zuständigen Regierungsgremien bewusst über die Dynamik hier vor Ort?

Hubschneider: Wir haben enge Kontakte in die Hauptstadt. Ich selbst bin Vize-Präsident des Bundesverbands IT-Mittelstand und auf Bundesebene in Arbeitskreisen aktiv. Was Fördermittel anbelangt, ist Karlsruhe unter den Top Drei in Deutschland. Und da ist Berlin nicht mit dabei.
Hornberger: Bessere politische Unterstützung ist natürlich dennoch immer gut. Wenn man sieht, was Darmstadts Bundestagsabgeordnete, die Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries, dem dortigen Standort für Rückenwind gibt, dann würde ich mir das auch für uns wünschen.
Fox: Die politische Unterstützung ist allerdings auch immer ein wenig ambivalent. Das Ziel der Politik ist es, viele starke Standorte zu haben. Nur einige Peaks in der Fläche sind nicht erstrebenswert, überregionale Netzwerke müssen aus Sicht der Landes- und Bundesregierung gefördert werden. Immerhin kann die Zusammenarbeit mehrerer Cluster die eigene Sichtbarkeit erhöhen. Das wird die Herausforderung für die Zukunft sein: Das erfolgreiche „Karlsruher Modell“, also die partnerschaftliche Zusammenarbeit aller Beteiligten für eine gemeinsame Sache, auf einen größeren Maßstab landes- oder sogar bundesweit zu übertragen.