Seine Erlebnisse beim Tornado 1968 hat Hubert Mahle in Text und Bild verarbeitet. Diese Tafeln wurden auch schon bei einer Ausstellung gezeigt. Foto: Ehmann

Deutschlands schlimmster Wirbelsturm

Tornado Pforzheim: Szenen wie beim Weltuntergang

„In wenigen Minuten war eine fast „heile Welt zerstört“, beschreibt Hubert Mahle aus Straubenhardt die Auswirkung des Tornados vom 10. Juli 1968. Der 74-Jährige hat ihn in Rudmersbach, dem nördlichen Teil des Straubenhardter Ortsteils Ottenhausen, hautnah miterlebt. „Wir standen wie gelähmt vom Geschehen, fassungslos und geschockt in den Trümmern“, so der Augenzeuge.

Geschockt, weil in Rudmersbach zwei Todesopfer zu beklagen waren: Das Ehepaar Frieda und Emil Nittel. Der Uhrmachermeister wurde in seinem Haus am Ortsausgang in Richtung Weiler von einem Balken erschlagen, seine Frau erlag später im Krankenhaus ihren Verletzungen. Den Onkel und die Tante seiner Frau, Walter und Erika Schönthaler, hatten Mahles vor schweren Verletzungen bewahrt und ihnen möglicherweise sogar das Leben gerettet.

Donnergrollen zur Schlafenszeit

Hubert Mahle, ehemaliger Straubenhardter Hauptamtsleiter, lebte damals mit seiner hochschwangeren Frau Inge im Ortsteil Feldrennach. Am schwül-heißen Abend des 10. Juli 1968 besuchte das Paar Erika und Walter Schönthaler in Rudmersbach. Gegen 21.30 Uhr, einer Zeit, in der Schönthalers normalerweise zu Bett gingen, hörten die beiden Paare ein Donnergrollen. Der Himmel war braun-gelb-rot und bot ein schauriges Bild, erinnert sich Mahle. Ein unheimliches Brausen war zu hören wie von einem herannahenden Gewittersturm.

„Dann folgte der Weltuntergang“

Mahle beschloss, sein neues Auto, mit dem er und seine Frau nach Rudmersbach gekommen waren, in seine Garage in Feldrennach zu fahren. Er setzte sich ins Auto, „dann folgte der Weltuntergang“, erinnert sich Mahle: „Tobende Urgewalten, eine unglaublicher Lärm. Im Scheinwerferlicht sah ich nur noch schnell hoch wirbelnde Teile.“ Vor ihm schraubte sich ein Auto in die Luft.

Unfassbar, um mich war nur noch tosender Lärm, Krachen, Bersten, Einschläge.

Das Auto bewegte sich plötzlich wie von Geisterhand, wurde gerüttelt und geschüttelt. Mahle hatte Todesangst, konnte sich aber aus dem Auto befreien und stolperte über Holz, Dachziegelscherben und Gestrüpp ins Haus zurück. Die Familie hatte sich mittlerweile in der geschützten Küche versammelt. Das Schlafzimmer im ersten Stock war von Dachziegeln demoliert worden. „Schönthalers wären mit Sicherheit schwer verletzt worden“, ist sich Mahle sicher.

Berge von Schutt und Ziegel

Der gebürtige Allgäuer beschloss, die vier Kilometer nach Feldrennach zu laufen, um zu Hause nach seiner zwei Jahre alten Tochter zu sehen, die er und seine Frau in der Obhut einer Nachbarin zurückgelassen hatten. „Was mich in der Dunkelheit draußen erwartete, war katastrophal und schlimmer, als ich befürchtet hatte.“ Zum Teil musste er über Hindernisse klettern. Von manchen Häusern lagen Dächer, Berge von Schutt und Ziegel. Bäume, Geäst und Reste von Hausrat hatten die Straße fast komplett zugedeckt.

Tochter hatte nichts von Tornado mitbekommen

Feldrennach allerdings lag friedlich im Dunkeln. „Hier war keine Blume geknickt“, so Mahle. Seine Tochter schlief und hatte vom Tornado nichts mitbekommen. „Die Wunden sind inzwischen verheilt und die Narben dieser Katastrophe nicht mehr zu sehen“, erzählt Mahle. „Aber jeder, der diese Stunden und Tage miterlebte, wird sie wohl zeitlebens nicht vergessen. Dass wir unversehrt geblieben sind, ist ein kleines Wunder.“

Tornado Pforzheim
Dossier zu Deutschlands schlimmstem Wirbelsturm