Ein zrstörtes Autohaus nach dem großen Wirbelsturm in Pforzheim.
Eine Spur der Verwüstung hinterließ der Tornado in Pforzheim. Hier das demolierte Autohaus Baral im Brötzinger Tal. | Foto: Albert Schenk

Deutschlands schlimmster Wirbelsturm

Tornado Pforzheim: Vor der Katastrophe herrscht eine seltsame Stille

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Es liegt an diesem Abend in Pforzheim eine ungewöhnliche, warme Schwüle in der Luft. Ein merkwürdiges Wetter. Doch was sich da zusammenbraut, ahnt niemand. Augenzeugen erinnern sich auch an eine seltsame Stille, kurz bevor die Katastrophe urplötzlich losbricht. Der Tornado entfaltet seine unbändige Kraft. Wie eine große Wolke, die herunter kommt vom Himmel und alles verschlingt, beschreibt ein Pforzheimer die Naturgewalt, die am Abend des 10. Juli 1968 den südlichen Teil der Stadt und zahlreiche Nachbargemeinden verwüstet. Es ist ein meteorologisches Jahrhundertereignis, das die Region an diesem Mittwochabend heimsucht. Eine Katastrophe von unvorstellbarem Ausmaß.

Schwüle Hitze macht vielen das Einschlafen schwer

Als die Hölle losbricht in Ottenhausen, etwa 15 Kilometer westlich von Pforzheim, liegen Emil und Frieda Nittel bereits im Bett. In ihrem Schlafzimmer, im Obergeschoss des Hauses. Die schwüle Hitze macht vielen Menschen an diesem Abend das Einschlafen schwer. Frieda Nittel muss etwas gehört haben, oder sie hat etwas geahnt. Jedenfalls verlässt die 57-Jährige das Schlafzimmer, will die Treppe nach unten. Doch so weit kommt sie nicht mehr. Der Tornado erfasst das Haus der Nittels. Als sich später die Retter einen Weg durch die Trümmer bahnen, finden sie Frieda Nittel auf der Treppe liegen. Mauersteine auf der Brust, die Frau ist schwer verletzt. Sie schreit nur: „Emil, Emil, wo ist mein Emil“, erinnert sich ein Feuerwehrmann. Emil Nittel, 59 Jahre alt, liegt noch oben im Bett, tot, erschlagen von einem Dachbalken. „Er kommt, er muss nur noch was machen“, sagt der Helfer, um die Schwerverletzte zu beruhigen. Frieda Nittel wird ins Krankenhaus gebracht, wenig später, auf dem Operationstisch, erliegt sie ihren Verletzungen.

Ehepaar Nittel kommt ums Leben

Das Ehepaar Nittel sind die einzigen beiden Todesopfer dieser Naturkatastrophe vor 50 Jahren. Dass es nicht weit mehr Tote gegeben hat, war wohl vor allem vielen Zufällen und der Tatsache geschuldet, dass der Tornado erst in den späten Abendstunden wütete, als nicht mehr viele Menschen auf den Straßen waren.

Naturgewalt startet in Lothringen

Seinen Ursprung nimmt diese Naturgewalt über dem lothringischen Plateau, nahe dem französischen Sarrebourg. Der Tornado bildet sich abends um etwa viertel nach acht. Ein Hochdruckgebiet über Nordfrankreich strömt in Richtung Osten, aus dem Süden drückt ein Tiefdruckgebiet über der Biskaya feuchte und subtropische Warmluft nach Südwestdeutschland. Es ist ein Wettermix aus kalten und warmen Luftschichten, aus dem solche Katastrophen entstehen. Unüblich für Mitteleuropa, eher bekannt aus Nordamerika. Der Tornado wird später als F4 eingestuft, der zweithöchsten Kategorie der sogenannten Fujita-Skala. Nie wieder hat es seither in Deutschland einen Tornado mit solcher Wucht gegeben. Schwere Gewitter, Hagel und Sturm sind die Vorboten.

Tornado rast über die Nordvogesen

Der Wirbelsturm rast über die waldbedeckten Nordvogesen, verwüstet die Region um Pfaffenhofen und den Hagenauer Forst und dann verschwindet er plötzlich. Doch es ist nur die Ruhe vor dem Sturm. Eine halbe Stunde später taucht der Tornado wieder auf, er hat den Rhein überquert und den Südwesten Deutschlands erreicht. Um kurz nach neun Uhr pflügt der Tornado wie ein gigantischer Rüssel durch den bewaldeten Ostrand des Moosalbtals, setzt Inseln der Zerstörung in die Landschaft zwischen Schöllbronn und Burbach, auch am Osthang des Albtals zwischen Fischweiher und dem Getrudenhof entlädt sich seine Kraft.

Dann beginnt der Tornado seine Zugbahn, er schlägt eine Schneise durch das Industriegebiet nördlich von Ittersbach, quert das Pfinztal, erfasst Ottenhausen. Von da an rast er wie an einer Schnur gezogen ostwärts, erreicht Birkenfeld und das Enztal und trifft schließlich gegen 21.37 Uhr mit voller Wucht auf die südlichen Pforzheimer Stadtteile.

Wohnungen werden ausgeblasen

Der Tornado fräst eine 500 bis 600 Meter breite Gasse in die Stadt und bahnt sich seinen zerstörerischen Weg durch die Ortsteile Sonnenberg, Waldwiesen, Dillstein, Rodviertel, Südstadt, Waldsiedlung, Buckenberg, Alt-Haidach und Hagenschießsiedlung. Wohnungen werden regelrecht ausgeblasen. „Die Bäume liegen im Wohnzimmer und die Möbel beim Nachbarn im Garten“, schildern Betroffene das Chaos.  Der ungeheure Druck lässt Wohnungen förmlich explodieren. Wie zum Beispiel im Alt-Haidach-Gebiet, wo erste wenige Tage zuvor Familien ihre Neubauwohnungen bezogen hatten. Autos werden bis zu 200 Meter weit geschleudert. Schutt, Ziegel und Glas fliegen wie Geschosse durch die Luft. Vor allem bei neueren Bauten werden Dachstühle angehoben und versetzt. Bei einigen älteren Häusern werden ganze Außenwände einfach abgerissen und Wohnungen sichtbar wie in einem Puppenhaus.

Größerer Schaden als einrückende Franzosen

In Birkenfeld, so halten es Chronisten fest, richtet der Tornado größeren Schaden an als die einrückenden französischen Truppen im April 1945. Ohnehin wird der Vergleich zum Ende des Zweiten Weltkriegs immer wieder gezogen. Die Stadt sieht aus wie nach dem 23. Februar 1945, der Pforzheimer Bombennacht. „Es sieht aus wie im Kriege auf einem Hauptverbandplatz“, schildert der damalige Oberbürgermeister Willi Weigelt wenige Stunden nach der Katastrophe die Situation im städtischen Krankenhaus. Operiert wird teilweise auf den Fluren. Schwer getroffen wird auch das neu errichtete „Mercedes-Hochhaus“ der Firma Baral. Die Werkstatt wird abgedeckt, Luxuskarossen wirbeln durch die Luft. Über 3000 Gebäude beschädigt der Tornado, einige sind komplett zerstört.

Spur der Verwüstung in Wald und Feldern

Die Spur der Verwüstung, die dieser Tornado hinterlässt, ist vor allem auch in den Wäldern zu sehen. Auf manchen Flächen bliebt kein Baum stehen. Alte Eichen splittern, mächtige Stämme verbiegen sich zu grotesken Formen. Insgesamt fallen 290000 Festmeter Sturmholz. Die Gemeinde Ittersbach verliert an diesem Abend ihren halben Gemeindewald, allein dort fallen über 40000 Festmeter Holz, so viel wie in vier Jahrzehnten gefällt wird. Getreidefelder werden plattgewalzt und mit Trümmern übersät. Dokumente aus Wohnungen, Schecks oder Geschäftsunterlagen werden noch Tage später in bis zu 200 Kilometern Entfernung gefunden. Der Schaden, den dieser Tornado anrichtet, wird auf über 100 Millionen D-Mark geschätzt. Mehr als 200 Menschen werden verletzt, teilweise lebensgefährlich.

Erwin Schaaf wird durch den Tornado an den Rollstuhl gefesselt

Einer von ihnen ist Erwin Schaaf. Er ist an diesem Abend im Pforzheimer Schäferhundesportverein. Die Tochter des Wirts macht ihm einen Cola-Cognac. „Zuerst war es ganz dunkel, dann schimmerte die Luft silbrig“, erinnerte sich Schaaf. Er sucht Deckung, rennt zur Treppe, die in den Keller führt. Plötzlich bemerkt er, wie der Sturm das Obergeschoss des Gebäudes wegdrückt. Vor ihm läuft die junge Wirtstochter Christl Nagel, über die er noch seine Arme ausbreitet. Dann spürt er nur einen Schlag von hinten. Mauersteine treffen ihn im Genick. Der fünfte und sechste Halswirbel zerbrechen. Soldaten der nahegelegenen französischen Kaserne bringen ihn ins Krankenhaus. Erwin Schaaf wird den Rest seines Lebens gelähmt sein. Bis dahin Ausfahrer beim Bayerischen Brauhaus in Pforzheim, ist er fortan auf den Rollstuhl angewiesen. „Bierfahrer rettet Frau das Leben und gab dafür seine Gesundheit,“ war in den Badischen Neuesten Nachrichten damals zu lesen.

Spuk dauert nur wenige Minuten

Der Spuk dauert nur wenige Minuten. In vielen Stadtteilen ist der Strom ausgefallen. Blitze des abziehenden Gewitters erhellen immer mal wieder das gespenstische Szenario. Vieles, etwa auch der Stadtpark, ist vollkommen verwüstet, anderes hat die Katastrophe nahezu unbeschadet überlebt. Auf dem Dach der Schmuckfabrik Rodi und Wienenberger dreht sich die große Goldanker-Reklame, als wäre nichts gewesen. Trotz der gewaltigen Zerstörung hat sich der Tornado kaum abgeschwächt. Er rast über das Nagoldtal, zieht weiter nach Osten und schlägt eine Schneise in den Hagenschießwald, dann macht er einen leichten Bogen nach Norden, erreicht die Autobahn und die Gemeinde Neubärental, wo kaum ein Haus unbeschädigt bleibt. Der Tornado zieht nördlich an Wurmberg vorbei, frisst sich durch den Wald. Erst an einem kleinen Hügel, der „Hupfer“ genannt wird, 13 Kilometer östlich von Pforzheim geht ihm die Kraft aus. Gegen 21.50 Uhr löst er sich auf.

Weitere Artikel und Videos gibt es hier im Tornado-Dossier