EINE VERSILBERTE HANDTASCHE präsentieren Angelika Drescher und Chris Gerbing (rechts). Die dafür in Pforzheim entwickelte Technik heißt Alpaka. In der Vitrine ist Doublégold ausgestellt. | Foto: Ehmann

Ausstellung „Echt Unecht?!“

Der gute Ruf von Made in Pforzheim

Wer bei unecht an billigen Wegwerfschmuck denkt, der heute in vielen Geschäften angeboten wird, hat Pforzheim nicht verstanden. Diesen Gedankten unterstreicht das Stadtmuseum bis 10. September 2017 mit einer zweiten Ausstellung zum Schmuckjubiläum.

Die Perfektion der Imitation

Bereits der Titel „Echt-Unecht?!“ verweist auf die Wertigkeit der Produktion in der Goldstadt jenseits von Edelmetallen und -steinen. Ein wegweisendes Beispiel dafür von Henkel & Grosse begrüßt den Besucher zur Sonderausstellung. Das 1991 für Christian Dior gefertigte vergoldete Collier mit Swarovski-Steinen steht an Kunstfertigkeit dem daneben platzierten 18 Karat-Collier von Hanspeter Wellendorff (1972) in nichts nach. Beide zeichnen sich durch eine technische Brillanz und hohe gestalterische Kraft aus, die nahezu in jedem Schaustück in der Ausstellung zu finden sind.

Erfindungsgeist brilliert

„Es ist überraschend, mit welchem Erfindungsgeist Pforzheims Schmuckindustrie brillierte“, sagt Kulturamtsleiterin Angelika Drescher. Neue Techniken hier, Patentanmeldungen dort – Chris Gerbing hat vieles zusammengetragen, das den guten Ruf von Made in Pforzheim bis heute stützt. Hinzu kommt, dass die Goldstadt ab Ende des 19. Jahrhunderts eine Klientel bediente, die es bis dato gar nicht gab: Sie befriedigte die zunehmende Nachfrage von immer mehr Angestellten, die sich nach oben orientierten und entsprechend bis zum Schmuck vieles imitierten, so Gerbing.

Tafelsilber aus Pforzhei | Foto: Ehmann

Entwurfszeichnungen, je nach Fabrikantennaturell archiviert – bei Siegfried Speidel wogen die Musterbücher zehn Kilogramm –, belegen im ersten Teil der Ausstellung das große Angebot Pforzheims. Breiten Raum nimmt danach das Imitationsspektrum ein. Darunter natürlich viel Doublégold. Gerbing nennt es „Wert an sich“, verglichen mit der Haltbarkeit von Vergoldungen. Optisch steht es Goldgeschmeiden in nichts nach. Es braucht Waage und Lupe, um den Unterschied zu bestimmen.

Bei Fingerhüten war die Goldstadt ein Weltmarktführer | Foto: Ehmann

Viele der rund 400 Ausstellungsstücke belegen, dass Goldstadt weit mehr ist als Schmuck. In einem Speisezimmer sind Tafelsilber und emaillierte Eierbecher zu sehen. Ein kleines Kistchen erinnert an die internationale Bedeutung des Fingerhuts. In einer Vitrine lässt sich an Medaillons ebenso der Unterschied von handgemalt und handgeklebt studieren wie der Weg vom Emaillieren zum Spritzguss. Heutige Designer greifen auf all das zurück, zeigt der dritte Teil der Ausstellung. Wert ist, was als Material zur Idee passt.

Service

Führungen: 11. Juni, 12. Juli, 13. August, 3. und 10. September.