Die erstaunlichsten Entdeckungen machen Urbexer an den Lost Places. | Foto: Frank Scheil

Copernicus-Gymnasium

Mit dem Fotoapparat auf Entdeckungstour

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„Psst! Jetzt bloß keinen Laut!“ flüstert mir der Mann zu, mit dem ich hier gerade in einer verlassenen Fabrikhalle stehe. Er bleibt ganz ruhig und stellt inzwischen noch einige Dinge an seiner Kamera ein. Er ist Fotograf. Nennt sich selbst Urbexer. Das sind Leute, die in leerstehende Gebäude eindringen, um dort zu fotografieren.

Geräusche sorgen kurz für Unruhe

Wir hören Geräusche – irgendwoher aus dem riesigen Gebäude. Er lauscht nochmals und versucht, die Geräusche einzuordnen. „Es könnten andere Urbexer sein“, meint er. „Warum?“, frage ich und woher er das denn wisse. Er gibt an, dass der Wachschutz auf sich aufmerksam machen würde. Junkies und Obdachlose hingegen würden sich still und unauffällig verhalten. Nicht so erfahrene Urbexer hingegen, die seien schon mal laut und auffällig. Er scheint die Geräusche nicht als bedrohlich zu empfinden und konzentriert sich weiter auf das Foto, das er gerade aufnehmen will.

Der Fotoapparat, eine digitale Spiegelreflexkamera, befindet sich auf einem Stativ. Er braucht lange für sein Foto, das er ohne Blitzlicht aufnimmt. Dann, nachdem er das erste Foto gemacht hat, kontrolliert er am kleinen Display sofort, ob alles so passt. Er ist wohl noch nicht zufrieden und verstellt hier und da etwas, um dann erneut ein Foto zu machen. Diesmal scheint es zu passen.

In einer Datenbank stehen Adressen leerstehender Gebäude

Ich frage ihn, woher er wusste, dass dieses Gebäude leer steht und wie er sich vorbereitet hat. Er gibt an, dass er eine Datenbank nutze, in der er zahlreiche Adressen gelistet hat. Auch in den sozialen Medien sei er gut vernetzt. Da tausche man sich eben aus. Wenn er eine Tour plane, recherchiere er lange und aufwendig, um möglichst viel vorher in Erfahrung zu bringen. Er versuche, etwas zur Geschichte zu erfahren und ob der Zugang aktuell möglich sei. „Dieses Gebäude zum Beispiel war eine alte Fabrik, die Prothesen produzierte“. Ich glaube das gern, da so ein künstliches Bein auch auf seinem Foto zu sehen ist. Wir gehen weiter – immer darauf achtend, uns von den anderen Geräuschen zu entfernen. Wir wollen nicht entdeckt werden. Der Fotograf ermahnt mich, gut auf den Boden zu achten, wenn wir gehen. Hier liegen zahlreiche Kabel, Metallteile und Müll herum. Wenn man hier nicht aufpasst, kann man sich leicht verletzen. Noch schlimmer sind Löcher im Boden oder gar brüchige Böden. Da kann man sich in Lebensgefahr bringen.

Es ist ein Nervenkitzel.

Ich frage ihn, warum er für ein paar Bilder so ein hohes Risiko eingeht und in solch unheimliche Gegenden vordringt. „Es ist schon auch der Nervenkitzel“ antwortet er. Aber es sind die Motive, die es so woanders nicht gibt. „Es sind Dinge, die die meisten nicht sehen, weil sie sich im Verborgenen befinden“. Was er damit sagen will, ist, dass es eigentlich nicht legal ist, fremde, verlassene Grundstücke ohne Erlaubnis zu betreten. Ich frage ihn, ob er ein Einbrecher sei. Einbrechen tue er nicht. Unter Einbruch versteht man das gewaltsame Betreten eines Gebäudes oder Grundstücks. Wie auch wir heute, betritt er solche Lost Places nur, wenn es einen offenen Zugang gibt, ein Loch im Zaun, eine offene Tür oder ein offenes Fenster, die ihm den Zugang gewähren. Etwas aufzubrechen oder zu beschädigen komme für ihn nicht in Frage.

Burgruinen sind keine Lost Places

Ich frage ihn, was eigentlich ein Lost Place ist. Ob die Burgruine am Rhein auch so ein Lost Place ist – dann war ich nämlich auch schon an einigen Lost Places. Er bezeichnet Lost Places als verlassene Gebäude und Grundstücke, die nicht öffentlich als Museum genutzt werden. Burgruinen sind aber meistens historisch erhaltene Gebäude, die öffentlich genutzt werden.

Wir sehen uns noch einige Räume an und machen einige Fotos, bevor wir das Gebäude über denselben Weg verlassen, wie wir es betreten haben – durch den Keller.

Colin Scheil | Klasse 9d
Copernicus-Gymnasium Philippsburg