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US-Wahl 2020

Amerikaner in Baden: Wahlnacht ohne Party-Feeling, aber mit Kater

Corona hat die Wahl-Feste der Amerikaner in unserer Region verhindert. Viele mussten alleine zu Hause schauen. Aber so richtig ausgelassen wären die Partys auch nicht geworden. Ein Stimmungsbild vor Sonnenaufgang.

Mini-Wahlparty: James Dymond und Amy Funderburk verfolgen die lange Wahlnacht gemeinsam. Wegen Corona musste die eigentlich geplante große Wahlparty ausfallen. Aber die Stimmung wäre in dem Freundeskreis von fast ausschließlich Demokraten ohnehin gedämpft gewesen. Foto: James Dymond

Um 3 Uhr morgens dämmert es James Dymond aus Mannheim. „Déja-vu 2016“ schreibt er in seiner Facebook-Gruppe und alle dort pflichten ihm bei. Diese Wahlnacht, auch wenn sie noch nicht zu Ende ist, erinnert viele amerikanische Wähler an das Jahr 2016.

Damals traten Donald Trump und Hillary Clinton gegeneinander an. Keiner hatte wirklich damit gerechnet, dass Trump das Rennen machen könnte. Bis 3 Uhr morgens. „Da merkte ich plötzlich, dass es für die Demokraten sehr, sehr knapp wird“, erinnert sich Dymond.

Stimmung zwischen Hoffen und Bangen

Zwischen Hoffen und Bangen und mit ein bisschen Enttäuschung darüber, dass doch alles so kommt, wie befürchtet – so lässt sich die Stimmung der Amerikaner in unserer Region beschreiben, die ihre Eindrücke während der Wahlnacht mit den BNN teilten. Sie alle haben in ihrer Heimat die Demokraten gewählt.

Die vorläufigen Ergebnisse sind in meinen Augen deprimierend.
Sarah, US-Amerikanerin aus Karlsruhe

Cilfton Johnson aus Maryland ist einer von ihnen. Seit einigen Jahren schon lebt er mit seiner Frau – ebenfalls Amerikanerin – und seiner Schwester in Walzbachtal-Jöhlingen. Dort ist er am Dienstagabend um 23 Uhr erst mal zu Bett gegangen, um dann um 1 Uhr das erste Mal aufzuwachen und auf sein Handy zu schauen. „Bis da war noch alles ruhig“, sagt er. Sanft schlummerte er daraufhin wieder ein. Aber nicht lange: „Um 4 Uhr war meine Nacht dann endgültig vorbei“, sagt Cilfton Johnson.

Allein im Wohnzimmer: Cilfton Johnson aus Maryland verfolgt die Wahl in seiner Heimat schon die halbe Nacht lang von Jöhlingen aus. Foto: Clifton Johnson

Seitdem findet der Amerikaner keinen Schlaf mehr. Ohne Kaffee („Die Maschine ist zu laut. Die würde die Familie wecken.“), sitzt er im Wohnzimmer ganz alleine und zapt tapfer vor Fernsehgerät und Internet hin und her. Die Stimmung um 5.30 Uhr? „Nicht wirklich beruhigt, aber immer noch hoffnungsvoll.“

Schlaflose Nacht für viele

Ein paar Kilometer weiter, bei Sarah in Karlsruhe, ist die Stimmung alles andere als gut. „Die vorläufigen Ergebnisse sind in meinen Augen deprimierend“, sagt die Amerikanerin, die schon seit 30 Jahren in Deutschland lebt. Bis zuletzt hatte sie noch die stille Hoffnung auf einen Erdrutsch-Sieg für Biden. „Dass es an einigen Stellen so knapp auszufallen scheint, hätte ich nicht glauben wollen“, berichtet sie.

Auch die ersten Ergebnisse der Senatswahlen verstören sie. „Dass ein so korrupter und seelisch bankrotter Senator wie Lindsay Graham in South Carolina nach seinen endlosen Lügen seinen Platz behält und das ein QAnon-Anhänger aus Georgia in den Senat kommt, finde ich niederschmetternd und schockierend.“

Spannende Wahlnacht: Mit sehr viel Kaffee und noch mehr Information auf unzähligen Kanälen haben viele Menschen in der Region, vor allem Amerikaner, die Wahlnacht verfolgt. Foto: Sibylle Kranich

Ihre Stimmung beschreibt Sarah als „ziemlich verzweifelt.“ Sie könne in diesen Stunden nicht verstehen, dass offensichtlich so viele Amerikaner meinen, es könne so weitergehen, wie bisher. Geschlafen hat sie in dieser Nacht nur wenig. Genau wie Cindy Wolf aus Karlsruhe. Doch für die Mitarbeiterin an der Europäischen Schule in Karlsruhe ist um 6 Uhr morgens noch nicht alles verloren. „Ich bin ein bisschen nervös, aber ich habe trotzdem noch Hoffnung“, sagt sie.

Florida geht verloren

Kurz vor 7 dann ein weiterer Nackenschlag für die Demokraten. Florida, einer der wichtigsten Staaten im Rennen um das Weiße Haus geht an Trump. Die Partystimmung nach dieser verhinderten Wahlparty-Nacht ist in den Kreisen der Demokraten im Ausland endgültig vorbei.

Im Livechat der „Democrats abroad“, die die ganze Nacht schon senden, bringt ein Mitglied seine Stimmung ganz spontan zum Ausdruck. „Ich geh jetzt ins Bett und schlafe für vier Jahre.“

Auf Twitter ist keiner allein

„Die Elections2020 sind irgendwie der Superbowl von Politik-Nerds wie mich“, schreibt tobias kurakin, der die Wahl auf Twitter kommentiert. Hier im großen globalen Wohnzimmer des Internet muss sich auch nachts niemand je alleine fühlen. Der Nachrichtendienst schläft nie, schon gar nicht bei so wichtigen Ereignissen wie der US-Wahl.

Im Minutentakt werden neue Zahlen veröffentlicht. Unter dem Hashtag #Elections2020 posten auch viele Menschen aus Deutschland Bilder und Gedanken aus der Wahlnacht. Dabei ist auffallend viel Alkohol im Spiel. Fotos von Bier, härteren Getränken und vor allem unzähligen Tassen Kaffee beschreiben den Zustand, den ein User als #besäufniserregend beschreibt. Früh morgens fragt Lea: „Die Frage ist ja, erstmal frühstücken oder gleich Schnaps?“

„Keep the faith“ ruft Biden aus den USA seinen Unterstützern auf Twitter zu. „Na toll, jetzt habe ich einen BonJovi-Ohrwurm“ kommentiert ein gewisser brainswain. Paul Maaß fasst zusammen, was viele denken: „So richtig hat es jetzt auch nichts gebracht, wenn man die Nacht durchgemacht hat.“

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