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Unterstützung für Familien

Angebot für überforderte Eltern – damit die Kinder nicht zur Last werden

Das Angebot Frühe Hilfen unterstützt Eltern bei schwierigen Situationen. Es soll verhindern, dass es zu Überlastung und Familiendramen kommt. Doch vor allem Vorurteile gegen Jugendämter erschweren die Arbeit.

Gerade Eltern von kleinen Kindern können schnell mit ihrer neuen Aufgabe überfordert sein. In einem solchen Fall unterstützen die Frühen Hilfen. Foto: AntonioGuillem , via www.imago-images.de imago images/Panthermedia

Eine offenbar überforderte junge Mutter tötet fünf ihrer sechs Kinder und will sich anschließend das Leben nehmen: Das Drama im nordrhein-westfälischen Solingen Anfang September schockierte Menschen bundesweit. Auch im Südwesten haben sich vergleichbare Fälle ereignet: 2009 warf eine Mutter in Pforzheim ihre zwei Kinder von einem Balkon, 2013 stürzte eine 38-Jährige in Bühl in einer psychischen Ausnahmesituation ihren einjährigen Sohn und sich selbst aus einem Fenster.

Damit Mütter und Familien gar nicht erst in solche Extremsituationen kommen, gibt es die Frühen Hilfen, ein präventives Hilfsangebot für Eltern von Kindern bis drei Jahren. Seit 2012 sind sie im Bundeskinderschutzgesetz gesetzlich verankert. Für Eltern ist das Angebot kostenlos und freiwillig.

Der Aufbau und die Organisation der Frühen Hilfen unterscheidet sich von Landkreis zu Landkreis, ebenso die Stelle, an der die Frühen Hilfen angegliedert sind. Während im Landratsamt Rastatt die psychologische Beratungsstelle als Abteilung des Jugendamts dafür zuständig ist, gibt es im Landkreis Karlsruhe ein interdisziplinäres Team aus Jugendamt und Gesundheitsamt.

Freier Träger soll Vorurteile gegen Jugendamt entkräften

Im Enzkreis hingegen übernimmt der Kinderschutzbund als freier Träger die Frühen Hilfen – nicht zuletzt, weil viele Eltern immer noch Vorbehalte gegen das Jugendamt haben. „Das erleben wir immer wieder, aber wir versuchen, das abzubauen. Das Jugendamt will den Familien nicht die Kinder wegnehmen. Das Ziel ist in der Regel Hilfe zur Selbsthilfe“, betont Doris Möller-Espe, Geschäftsführerin des Kinderschutzbunds Pforzheim Enzkreis.

Das Angebot der Frühen Hilfen soll dabei so niedrigschwellig wie möglich sein. Viele Mütter und Familien werden von medizinischem Personal an die Beratungsstellen weitergeleitet, etwa durch Flyer in Geburtskliniken, Kinderärzte oder Hebammen. Aber auch Erzieher oder andere Beratungsstellen verweisen an die Frühen Hilfen. Die Hilfesuchenden kommen dabei aus sämtlichen sozialen Milieus: finanzstarke und -schwache Familien, Alleinerziehende, Menschen mit Migrationshintergrund. Selbst Sozialarbeiter würden privat das Angebot der Frühen Hilfen annehmen, verrät Sylvia England, Fachberaterin bei den Frühen Hilfen im Landratsamt Rastatt. Dort haben sich die Fallzahlen von 2013 bis 2019 mehr als verdoppelt – für England ein Erfolg.

Wie lange eine Beratung dauert, ist unterschiedlich. Bei einigen reiche ein einmaliger Beratungskontakt. „Manche Familien begleiten wir aber auch über zwei bis drei Jahre“, so England. Bei Familien mit wenig Geld sei häufig die Sozialberatung ein Thema, also Fragen zu finanzieller Unterstützung und Antragsstellung. Fragen zu Schlaf und Ernährung, Schreikindern oder auch medizinische Probleme von Eltern oder Kind seien aber Themen, die alle Familien treffen können.

Die Frühen Hilfen wollen dabei die ganze Familie im Blick haben. „Wenn es der Mama gut geht, geht es auch dem Kind gut“, weiß Stefanie Neuber. Sie arbeitet als Familienhebamme bei den Frühen Hilfen im Landkreis Karlsruhe und bietet Emotionelle Erste Hilfe an. Dieser körperorientierte Beratungsansatz soll die Eltern-Kind-Bindung fördern, auch bereits während der Schwangerschaft. Viele wenden sich bereits vor der Geburt an die Frühen Hilfen – im Landkreis Karlsruhe beinahe jeder fünfte.

Corona-Pandemie sorgte für Verunsicherung und Beratungsstau

Die Beratung umfasst häufig auch Hausbesuche. Während der Hochphase der Corona-Pandemie stellte das Eltern und Berater vor große Herausforderungen. Wie wichtig der persönliche Kontakt vor Ort ist, merkten viele erst, als er nicht mehr möglich war. „Das ist etwas anderes, wenn du in die Privatsphäre einer Familie eindringst“, stellt Familienkrankenschwester Iris Till von den Karlsruher Frühen Hilfen im Gegensatz zu öffentlichen Beratungen fest. Mittlerweile können sie und ihre vier Kolleginnen die Familien wieder daheim besuchen, mit Mundschutz und bei geöffnetem Fenster. Ideal sei das nicht, aber: „Man kann auch mit den Augen sprechen“, bemerkt Till schmunzelnd.

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