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Öffentliche Diskussion

ARD-Hörspieltage im ZKM Karlsruhe: Jury begeistert sich für doppelbödigen Humor

Festivaljurys schätzen nur schwer zugängliche Kunst? Das Klischee stimmt schon lange nicht mehr. Bei den ARD-Hörspieltagen in Karlsruhe gab es am meisten Lob für Stücke mit Humor – wobei dieser mitunter trügerisch sein kann.

Diese Jury tagt nicht nur im stillen Kämmerlein: Bei den ARD-Hörspieltagen in Karlsruhe gehört die öffentliche Diskussion seit jeher dazu. Nun debattierten im ZKM unter der Leitung von Maryam Zaree (rechts) Anna Bergmann, Leslie Malton, Ania Mauruschat und Rafik Will (von rechts). Foto: SWR/Uwe Riehm

Hartnäckig hält sich das Gerücht, Preisjurys (und Kritiker) seien spaßbefreite Elfenbeinturmbewohner, die Kunst ausschließlich dann für würdig erachten, wenn sie ernsthaft und bedeutungsschwer daherkommt.

Mal abgesehen davon, dass dieses Klischee wohl schon vor zwei bis drei Jahrzehnten kalter Kaffee war, gab es nun bei der öffentlichen Jury-Diskussion der ARD-Hörspieltage in Karlsruhe einen plastischen Gegenbeweis.

Dass sich die fünf Jurymitglieder, darunter die Staatstheater-Schauspieldirektorin Anna Bergmann, über zwei der insgesamt zwölf Wettbewerbsbeiträge besonders freuten, lag an deren Unterhaltungswert. Oder, um es mit dem Resümee der Jury-Vorsitzenden Maryam Zaree über das Hörspiel „Bookpink“ zu sagen: „Das macht einfach riesig Spaß.“

Preisgala zum Abschluss der ARD-Hörspieltage

Ob „Bookpink“ tatsächlich den Hauptpreis des Festivals gewinnt oder die ebenfalls für ihren absurden Humor gelobte Romanadaption „Feuersturm“ realistische Chancen hat, wird sich an diesem Samstag bei der „Nacht der Gewinner“ zeigen.

Die Preisgala ist einer der wenigen Programmpunkte vor Ort, mit dem das Festival in diesem Jahr an seine Vor-Corona-Form anknüpft. Ansonsten ist es von fünf Tagen auf nur zwei reduziert. Auf den stets besonders stark besuchten Kinderhörspieltag muss ebenso verzichtet werden wie auf die öffentlichen Vorführungen der Wettbewerbsstücke.

Einen kleinen Ersatz für letzteres bot die mehrstündige Veranstaltung am Freitagnachmittag mit der Jury. Hier wurden alle eingereichten Hörspiele mit jeweils einem kurzen Ausschnitt sowie einer knapp gefassten Diskussion vorgestellt. Besonders spürbar war die Begeisterung für die Sprach- und Spielfreude in der SWR-Produktion „Bookpink“, wobei der Hörspielkritiker auch die Regieleistung von Leonard Koppelmann besonders hervorhob.

Man taucht richtig ein in diese Tierfabelwelt.
Anna Bergmann, Schauspieldirektorin Staatstheater

Der Text von Caren Jeß entstand zwar fürs Theater und wurde auch schon mehrfach aufgeführt. Doch gerade die Bühnenregisseurin Anna Bergmann befand, er eigne sich perfekt fürs Hörspiel. „Man taucht richtig ein in diese Tierfabelwelt“, so Bergmann über die akustische Begegnung mit den im wahrsten Wortsinn schrägen Vögeln in diesem Stück, dessen Titel auf dem niederdeutschen Wort für „Buchfink“ beruht.

Spaß ist mehr als Jux und Dollerei

Trotz allem Spaß geht es freilich nicht nur um Jux und Dollerei: „Bookpink“ erzählt anhand grotesker Protagonisten aus dem Tier- und Pflanzenreich von gegenwärtigen Themen und Ungerechtigkeiten.

In der eingespielten Szene etwa stört sich eine Hofeinfahrt (ja, auch die kann hier sprechen) an den Pflanzen, die ihre Fugen durchbrechen, und fordert: „Sucht euch doch einen anderen Lebensraum!“ Worauf sich die Pflanzen darüber beklagen, überall als „Unkraut“ diskreditiert zu werden, und lauthals skandieren: „Wir haben Rechte! Wir haben Rechte!“

Erfahrungen mit Rassismus und Sexismus

Die ausgewählte Szene machte deutlich, dass hinter den spielerischen Opulenz von „Bookpink“ relevante Themen wie Toleranz, Diversität und Rechte für einstige Randgruppen stehen.

Auffällig war dies auch, weil eben diese Themen – deutlich weniger verfremdet – andere Beiträge prägen. So vermittelt die Schauspielerin Cynthia Micas als Tochter deutsch-mosambikanischer Eltern in ihrer virtuosen Soloperformance „Afrodeutsch“ (ein Beitrag des WDR) ihre Erfahrungen mit Alltagsrassismus und Sexismus.

Das ist über weite Strecken satirisch affirmativ und dadurch unterhaltsam. „Aber manches trifft einen dann doch in der Magengrube“, wie die ebenfalls zur Jury gehörende Schauspielerin Leslie Malton ihr Hörerlebnis beschrieb.

Aus vielen Stimmen entsteht ein neuer Raum

Eine weitere Produktion, die bislang kaum gehörte Stimmen zu Wort kommen lässt, ist das Stück „Atlas“. Die MDR-Produktion eines Theatertextes von Thomas Köck erzählt deutsche Geschichte anhand einer Familie aus Vietnam.

Im Zentrum steht das Schicksal von Arbeitsmigranten in der DDR zur Zeit der Wende, doch der zeitliche Bogen reicht von den „boat people“ der 1960er Jahre bis in die Gegenwart. Einhellig begeistert zeigte sich die Jury von der akustischen Verflechtung der Zeit- und Erzählebenen durch Regisseurin Heike Tauch.

Für die Medienwissenschaftlerin Ania Mauruschat schaffen die Stimmen hier einen Raum, in dem ein neues, nicht nationalistisch fixiertes „Wir“ entstehen könne.

Darstellerpreis geht an Ensemble

Ob das Hörspiel selbst prämiert wird, wird sich noch zeigen – der Preis für die beste Schauspielleistung ist ihm bereits zugesprochen. Und zwar wird dieser erstmals in der Geschichte des Festivals nicht an eine Einzelleistung vergeben, sondern an das Ensemble – auch das ist eine neue Hinwendung zum „Wir“.

Service

Live im ZKM am 13. November: 13.30 bis 17 Uhr Forum „Hörspiel. Next Generation“ / 18 Uhr Klangdom-Konzert / 20 Uhr „Nacht der Gewinner“ (auch live im Radio auf SWR2 und im Internet auf hoerspieltage.ard.de). Das Gewinnerstück wird am Sonntag, 14. November, ab 18.20 Uhr auf SWR2 gesendet.

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