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Badischer Politiker sagte 1930 in Karlsruhe den Zweiten Weltkrieg voraus

Antisemitismus; politisch motivierte Morde; Demokratiefeinde im Polizeiapparat; Hassreden, die andere Menschen ausgrenzen – bei dieser Aufzählung handelt es sich nicht etwa um die schrecklichsten Nachrichten aus Deutschland in den vergangenen Monaten.

Wehrhafte Demokratie: Am 14. März 1920 demonstrierten Tausende Menschen vor dem Karlsruher Rathaus gegen den Kapp-Putsch. Zwei Tage später wurde der Generalstreik ausgerufen. Foto: Stadtarchiv Karlsruhe 7 Nl Müller Hans 172

Vielmehr war sie Teil des Vortrags, mit dem Susanne Asche, Leiterin des Karlsruher Kulturamts, am Montag im dortigen Stadtarchiv ein neues Buch vorgestellt hat. Es heißt „Aufbrüche und Krisen. Karlsruhe 1918 – 1933“.

Für Asche ist die Republik „in ihren Anfangsjahren der demokratischen Aufbrüche und ihren Endjahren des Versagens der bürgerlichen politischen Parteien ein bedeutender Teil der deutschen Demokratiegeschichte“, der die Gesellschaft noch heute etwas angehe. Daher sind sich die Verantwortlichen bewusst, wie wichtig es aktuell ist, sich mit der Weimarer Zeit zu beschäftigen.

„Vergleichen heißt nicht gleichsetzen“, betont Frank Engehausen. Er ist Historiker an der Universität Heidelberg, Experte für südwestdeutsche Geschichte und neben Ernst Otto Bräunche und Jürgen Schuhladen-Krämer einer der Herausgeber des Buches.

Bräunche, Direktor des Karlsruher Stadtarchivs, erklärt, dass die Voraussetzungen 1918 deutlich schlechter waren als heute: große Not nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, Feinde der Demokratie in Machtpositionen, keine parlamentarische Tradition. „Die partiellen Parallelen sind schon sehr deutlich“, herrscht laut ihm jedoch allgemeiner Konsens unter den Verfassern der einzelnen Aufsätze des Buches.

Bräunche ist es wichtig, die Verteidiger der Demokratie in den Fokus zu rücken. „Die SPD war von Anbeginn bis zum bitteren Ende demokratisch und hat die Weimarer Republik vorbehaltlos unterstützt“, nennt er die Sozialdemokraten exemplarisch und führt eine prophetische Rede von Emil Maier an.

Dann haben wir in wenigen Jahren einen fürchterlicheren Weltkrieg als vorher,
Emil Maier, badischer Innenminister, im Jahr 1930

Der SPD-Politiker – Landtagsmitglied und später badischer Innenminister – erklärte am 18. Dezember 1930 im Ständehaus in Karlsruhe gegenüber den Nationalsozialisten: „Ich sage es Ihnen jetzt, meine Herren, was kommen wird, wenn Ihre Ziele verwirklicht werden […] Dann haben wir in wenigen Jahren einen fürchterlicheren Weltkrieg als vorher, und dann kommt nach dieser [der Niederlage im Ersten Weltkrieg, Anmerkung der Redaktion] die weitere Niederlage, wenn eine ganze Welt gegen uns steht.“

Diese Rede ist Thema in der Ausstellung im Prinz-Max-Palais.

Karlsruher demonstrierten gegen Kapp-Putsch

Die Karlsruher hatten in der Weimarer Republik auch die Entwicklungen im fernen Berlin im Blick. So besetzte Walther von Lüttwitz am 13. März 1920 mit der Brigade Ehrhardt das Berliner Regierungsviertel und ernannte den Rechtsextremen Wolfgang Kapp zum Reichskanzler. Tags darauf demonstrierten Tausende Menschen vor dem Karlsruher Rathaus dagegen. Am 16. März wurde in der Stadt der Generalstreik ausgerufen.

Nach insgesamt vier Tagen war der Putsch beendet – auch wegen des Zusammenbruchs der öffentlichen Dienstleistung aufgrund des republikweiten Generalstreiks. Diese Passage zeigt, wie wehrhaft die Demokratie noch war.

Buch zeigt auch die Lichtblicke der Weimarer Zeit in Karlsruhe

Auch andere Aufsätze beschäftigen sich mit den „Aufbrüchen“ der damaligen Zeit. So führt Harald Ringler, ehemaliger Leiter des Stadtplanungsamtes, die Realisierung des ersten Bauabschnitts der Dammerstocksiedlung als Höhepunkt des modernen Wohnungsbaus in Karlsruhe an.

Sylvia Bieber, stellvertretende Leiterin der Städtischen Galerie, beschreibt den Kulturkampf zwischen Modernisten und völkisch geprägten Traditionalisten.

Die Aufbrüche endeten jedoch 1933 mit dem Zusammenbruch der Demokratie – auch wegen der Politik in der großen Hauptstadt. „Als der Kampf gegen die Nationalsozialisten geführt wurde, hatten wir hier eine breite demokratisch legitimierte Regierung, aber in Berlin saßen Präsidialkabinette. Da ist man dann mit den Möglichkeiten, die die Länder hatten, sehr schnell an die Grenzen gestoßen“, resümiert Historiker Engehausen.

Jedoch lässt er keinen Zweifel daran, dass die NSDAP auch in Karlsruhe präsent war: „Ein großes Problem war, dass sich die Nationalsozialisten relativ früh im öffentlichen Dienst ausgebreitet haben – vor allem in der Lehrerschaft, aber auch in der Polizei.“

Karlsruher Schau war Vorreiter für die Ausstellung „Entartete Kunst“ in München

Engehausen hat sich zudem mit der nationalsozialistischen Propaganda-Ausstellung „Regierungskunst 1918 bis 1933“ in der Kunsthalle beschäftigt. Für ihn war diese Schau ein Pionierprojekt, das später in der Ausstellung „Entartete Kunst“ in München gipfelte. Karlsruhe war vom Hort wehrhafter Demokraten zum Vorreiter eines rassistischen Kunstverständnisses geworden.

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