Skip to main content

Volksfeste in der Krise

Bedrohte Branche: Karlsruher Schausteller wollen dezentrale Veranstaltungen

Die Karlsruher Schausteller wollen wieder arbeiten. Weil Volksfeste weiterhin verboten sind, fordern sie die Erlaubnis für kleinere Veranstaltungen auf dezentralen Plätzen. Bisher allerdings ohne Erfolg. Denn der Stadt fehlt nach eigenen Angaben der Platz für ein solches Konzept.

Seit Volksfeste verboten sind kämpfen Schausteller um ihre Existenz. Foto: Jörg Donecker

Über mangelnde Arbeit kann sich Nicole Gebert nicht beklagen. Derzeit ist die Schaustellerin fast jeden Tag mit der Organisation eines Benefizkonzerts von Roland Bless beschäftigt. Der langjährige Musiker der Gruppe Pur will zugunsten des Hilfsprojekts „Scharinger & friends“ spielen. „Damit wollen wir Menschen helfen, denen es nicht so gut geht“, sagt die Mitarbeiterin der Pizzabäckerei Gebert.

Wir leben derzeit von unseren Ersparnissen.
Nicole Gebert, Schaustellerin

Dass sie während der Corona-Krise Hilfsbedürftige unterstützt, ist vor allem deshalb bemerkenswert, weil das eigene Unternehmen seit dem Beginn der Pandemie kein Geld mehr verdient.

„Wir leben derzeit von unseren Ersparnissen“, sagt Nicole Gebert. Keine Volksfeste, keine Einnahmen, lautet die einfache Rechnung der Schaustellerfamilie. Die Hände in den Schoß legen, kommt für die Tochter des Geschäftsführers allerdings nicht in Frage.

„Wenn wir Schausteller an dezentralen Stellen in der Stadt Stände aufbauen dürften, hätten wir wenigstens etwas zu tun“, sagt sie. Andere Großstädte seien in dieser Beziehung schon weiter.

Düsselland und dezentrale Wiesn als Vorbild für Krisenmodus

In München soll eine dezentrale Wiesn mit Stellplätzen im Stadtgebiet der gebeutelten Branche durch die Krise helfen. In Düsseldorf gibt es das „Düsselland“, einen temporären Vergnügungspark mit Einlasskontrollen und Hygienekonzept.

Von der Karlsruher Marketing Event GmbH (KME) wird zwar bereits der „Sommer in Karlsruhe“ mit temporären Kulturveranstaltungen vorbereitet. Wie und ob Schausteller in das Konzept integriert werden könne, steht laut KME-Geschäftsführer Martin Wacker noch nicht fest. Allerdings würden mit Ordnungsamt und Marktamt Ideen zur Wiederbelebung der Schaustellerszene erörtert.

Marktamt dämpft Erwartungen

Konzepte zur Unterstützung der Schausteller seien in Karlsruhe derzeit schlichtweg nicht umsetzbar, dämpft Marktamtsleiter Armin Baumbusch allzu hohe Erwartungen.

„Veranstaltungen im öffentlichen Raum sind wegen der baden-württembergischen Corona-Verordnung noch nicht erlaubt“, betont Baumbusch. „Und für dezentrale Aktionen haben wir leider nicht genügend Platz.“ Obwohl Karlsruhe über zahlreichen öffentlichen Anlagen verfügt, können derzeit nur wenige davon bespielt werden. Auf dem Marktplatz wird gebaut, über den Europaplatz fahren die Bahnen, der Friedrichsplatz soll geschont werden, und der Schlossplatz gehört dem Land.

Selbst auf Stadtteilzentren wie dem Gutenbergplatz in der Weststadt oder dem Durlacher Saumarkt sind Schausteller derzeit nicht willkommen. Der Grund: Um die Abstandsregeln einzuhalten, stehen die Stände auf den Wochenmärkten weiter auseinander als vor der Krise. Deshalb ist kein Platz für zusätzliche Buden vorhanden.

Schausteller hoffen auf Herbstmess`

Die Hoffnung auf eine Wende hat das Marktamt aber noch nicht aufgegeben. Die Herbstmess‘ wurde noch nicht abgesagt und beim Christkindlesmarkt steht für den Fall der Fälle sogar eine Verlängerung zur Debatte.

„Wir beschäftigen uns seit drei Monaten täglich mit dem Thema“, sagt Baumbusch. „Wenn heute wieder Veranstaltungen erlaubt werden, können wir morgen mit der Umsetzung der Vorgaben beginnen.“

Susanne Filder hat die Hoffnung auf das Herbstgeschäft ebenfalls noch nicht aufgegeben.

„Auf die Kerwen in Durlach und Neureut kommen nicht so viele Leute. Aber leider werden solche Veranstaltungen mit dem Oktoberfest und dem Stuttgarter Volksfest in einen Topf geworfen“, sagt die Vorsitzende des Schaustellerverbands Karlsruhe.

Privater Freizeitpark könnte Not lindern

Um den Sommer zu überbrücken, sucht Filder mit ihren Kollegen mittlerweile ein privates Gelände zum Aufbau eines temporären Freizeitparks, der unter Einhaltung von Hygiene-Vorgaben betrieben werden dürfte.

„Wir haben schon viele Anfragen gestartet, aber noch keine positive Antwort erhalten“, sagt Filder. Ohne eine Öffnungsperspektive oder staatliche Hilfen werde die Krise für manche Betriebe allerdings bald existenzbedrohend.

„Die Schausteller hat niemand auf dem Schirm”

Benjamin Lindig sieht derzeit vor allem die Politik in der Pflicht. „Flugzeuge fliegen voll besetzt nach Mallorca und Vergnügungsparks haben wieder geöffnet. Nur die Schausteller hat niemand auf dem Schirm“, sagt der Geschäftsführer der Bratwurst-Braterei „Thüringer Häusle“.

Mit dem Betrieb des Sommercafés vor der Karlsburg können die Lindigs zumindest einen Teil ihrer Umsatzeinbußen kaschieren. Gerettet werden kann die Corona-Saison laut Lindig jedoch nicht mehr, und das Weihnachtsmarktgeschäft hat er bereits abgehakt. Außer den 9.000 Euro Soforthilfe hat das Familienunternehmen keine staatliche Unterstützung gehalten. Und teure Investitionen wie die neue Wurstbratbude stehen noch ungebraucht in der Lagerhalle im Pfinztal.

„Eigentlich müssten kleinere Veranstaltungen im Freien wieder erlaubt sein“, sagt Lindig.

Abstand halten sei unter freiem Himmel schließlich kein Problem und dazu habe der Deutsche Schaustellerbund ein Hygiene-Konzept erarbeitet. Außerdem sei die Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus im Sommer an der frischen Luft nach den aktuellen Erkenntnissen wohl deutlich geringer als zunächst angenommen. Als Konkurrenz zu Biergärten oder Foodtrucks will Lindig aber keinesfalls auftreten. Zum einen könne ein Schausteller-Stand nicht morgens auf- und abends wieder abgebaut werden. „Außerdem haben andere Gastronomiebetriebe zwei Monate auch nichts verdient und müssen nun das Jahr retten“, sagt Lindig. „Da müssen wir Solidarität zeigen und die Kollegen arbeiten lassen.

nach oben Zurück zum Seitenanfang