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Kaum noch Erdbestattungen

Beerdigung im Ballon oder mit Bratwurst und Bier: Die Bestattungskultur ist im Wandel

Früher wurden Verstorbene fast immer mit ihrem Sarg in der Erde bestattet. Diese Form der Beerdigung ist längst nicht mehr die häufigste. In der Region gibt es einige Alternativen, etwa mit dem Heißluftballon oder im Rhein.

Die klassische Bestattungsart mit Sarg wählt noch jeder Vierte – Tendenz: weiter fallend. Und der ein oder andere entscheidet sich für eine Seebestattung, die ebenfalls in Bretten angeboten wird. Foto: Dederichs

Bei all der Trauer um Verstorbene gibt es auch humorvolle Momente. „Sie hätte ich gerne als Hochzeitsplaner gehabt“, bekam der Karlsruher Bestatter Armin Stier nach einer Beerdigung von einer Angehörigen zu hören. Mittlerweile gibt es für Bestatter unglaublich viele Details zu planen. Das bekannte Bild einer Beerdigung auf dem Friedhof – Grabstein, Sarg, drei Lieder mit Orgelbegleitung – gehört längst der Vergangenheit an. Die Art der Bestattungen hat sich gewandelt, damit auch die Verarbeitung der Trauer.

„Die Leute wollen dieses starre Gerüst nicht mehr“, sagt Stier. Auch einen Bratwurststand mit Bier hat er zu einer Trauerfeier schon organisiert. „Es hat stärker zu dem Verstorbenen gepasst, war eine Spiegelung seines Lebens.“

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Klassische Erdbestattung ist aus der Mode gekommen

ngehörige können mit dem Heißluftballon und der Urne des Verstorbenen in die Luft – die Asche wird dann im Elsass abgelassen. Foto: Schapeler

Stier beobachtet auch andere Veränderungen in der Trauerkultur. Auf dem Hauptfriedhof in Karlsruhe werde die kleine Kapelle mittlerweile öfter genutzt als die große – „obwohl die viel besser erreichbar wäre. Die Trauergemeinschaften werden kleiner.“ Es liege im Trend, freie Redner einzusetzen – manche verzichteten auch ganz auf Trauerfeiern. Früher wäre die Trauerfeier ein klarer Fall für den örtlichen Pfarrer gewesen.

Auch kein Vergleich mehr zu früher: Da bauten Schreiner den Sarg und waren zugleich für Beerdigungen zuständig. „Mein Urgroßvater hat als Schreiner auch noch Totenscheine ausgestellt“, sagt Stier. Mittlerweile seien Bestatter vor allem mit Beratung beschäftigt. In Zeiten, in denen die klassische Erdbestattung außer Mode gekommen ist, gibt es viel zu beraten.

Seit zehn bis 15 Jahren würden sich immer mehr Menschen für eine Urne entscheiden, sagt Stier. Mittlerweile sei es mit 80 Prozent die Mehrzahl, im Osten schätzt er es auf 90 Prozent. „Auf dem Land gibt es noch mehr Erdbestattungen als in der Stadt, da kommen die Veränderungen langsamer an.“

Bestattungen mit dem Heißluftballon in Rastatt

Doch auch die Urnenbestattungen wandeln sich. Ein festes Urnengrab ist nicht mehr selbstverständlich. Manche entscheiden sich für ein Landschaftsgrab – die Urne liegt mit mehreren anderen in einem bestimmten Abschnitt, ein Mauerstein davor weist auf die Verstorbenen hin. In Kolumbarien, kleinen Gewölben, werden in Fächern mehrere Urnen nebeneinander aufgestellt. Bei einer Baumbestattung wird eine biologisch abbaubare Urne in den Wurzelbereich vergraben.

Die Asche des Verstorbenen muss allerdings nicht in der Urne bleiben. In Rastatt gibt es Luftbestattungen: Ein Heißluftballon fliegt mit Urne und Angehörigen in die Luft, die Asche wird über dem Elsass abgelassen. Die französische Seite in den Rheinauen wird auch für Flussbestattungen genutzt.

Wir sind Eventmanager des Todes
Bestatterin Melanie Haas

Wie groß das Interesse der Menschen an dem Thema ist, hat die Friedrichstaler Bestatterin Melanie Haas bei ihrem Tag der Offenen Tür zu spüren bekommen. 150 Besucher sahen sich Urnen, Särge und Deko an. Mittlerweile fährt Haas mit einem vollbepackten Transporter zu Beerdigungen. „Wir sind Eventmanager des Todes“, sagt sie. Für einen verstorbenen Disney-Fan hat sie eine passende Trauerfeier organisiert: Die Rednerin als Micky Maus verkleidet, Donald Duck auf der Kondolenzliste, Disney-Musik im Hintergrund. Früher war das undenkbar.

„Früher war es auch verpönt, sich einäschern zu lassen – vor allem bei Katholiken.“ Auch die Tradition, den Verstorbenen bis zu drei Tage im eigenen Schlafzimmer aufzubahren, gehört der Vergangenheit an. „Die Leute wollen das heute nicht mehr.“

Forscher: Umgang mit dem Tod hat sich emotionalisiert

Die Soziologen Matthias Meitzler und Thorsten Benkel forschen an der Universität Passau, wie die Gesellschaft mit dem Tod umgeht und Trauer verarbeitet. „Trauerort und Beisetzungsort fallen häufig nicht mehr zusammen“, sagt Meitzler. „Vielen sind Orte, an denen sie mit dem Verstorbenen Zeit verbracht haben, wichtiger als der Friedhof.“

Doch auch in Zeiten von Urnen oder anonymen Bestattungen seien die Menschen nicht gefühlsärmer geworden, sagt Meitzler. „Der Umgang mit dem Tod hat sich stark emotionalisiert.“ Im Mittelalter sei etwa mit dem Tod eines Kindes eher zu rechnen gewesen als heutzutage – dementsprechend hätten die Menschen kühler reagiert. Heute gebe es dafür mehr Berührungsangst mit dem Thema Tod als früher.

Werden Verluste individueller betrauert?

„Aber wir sind nicht kühler geworden, im Gegenteil. Wahrscheinlich werden Verluste so emotional erlebt wie nie zuvor.“ Und sie werden individueller betrauert. „Heute geht es vielmehr darum, was das für ein Mensch war.“ Dazu gehören eben auch mal Bratwurst oder Micky Maus.

Einen Wunsch wollte Bestatterin Haas dann aber doch mal abschlagen: Das Lied „Highway To Hell“ von AC/DC zu spielen, hätte die Trauernden auf der Feier zu sehr irritiert, findet sie.

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