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Gebürtiger Rheinstettener

Beim KSC keine Perspektive: Wie Noah Singelmann die Major Soccer League erobern will

Beim KSC hatte er es nicht zum Profi geschafft. An der Universität von Syracuse im US-Bundesstaat unternimmt Noah Singelmann einen neuen Anlauf.

Communications) Foto: SU vs Cornell (Photos by Michael J. Okoniewski-SU Athletic

Familie. Freunde. Die Freundin. Alle weit, weit weg. Und doch klingt Noah Singelmann wie jemand, der gerade richtig happy ist. Sein Horizont, er hat sich erweitert, sagt er. „Diese Lebenserfahrung“, schwärmt der ehemalige Junioren-Kapitän des Karlsruher SC,  „ist unbezahlbar. Egal, wo mich das hinführt. Was ich hier erlebe, das kann mir niemand mehr wegnehmen“.

Noah, 19 Jahre jung, lebt über 6.000 Kilometer entfernt von daheim das Leben des Freshman an der Syracuse University. Die Studiengebühr an der Privat-Uni im US-Bundesstaat New York beträgt 72.000 Dollar pro Jahr. Natürlich ist das ein Wort. Der strebsame Fußballer aus Rheinstetten hatte Glück. Er bekam ein Vollstipendium, ist eingeschrieben in das College of Arts and Sciences.

Auf dem Campus South bewohnt er mit Luther Archimède ein Zweier-Appartement. Vor einem halben Jahr haben sich die beiden nicht gekannt. Inzwischen teilen sie Küche, Bad und den auf dem Campus schon bemerkten Europäer-Spleen, auf Nachschub einer italienischen Mineralwassermarke wert zu legen.

Das Trainingszentrum erreichen sie zu Fuß in fünf, die Hörsäle per Bus in sechs Minuten.

"Kein Plan B" sondern ein "zweiter Plan A"

Luther stammt aus Guadeloupe, bemühte sich vier Jahre lang im Talentschuppen des französischen Zweitligisten FC Sochaux um ein Weiterkommen. Noah wiederum verfolgte im Nachwuchsleistungszentrum des Karlsruher SC sechs Jahre lang den Traum, Profifußballer zu werden.

Er wollte ihn danach nicht einfach fallen lassen, wie das die meisten aus seinem 2000er-Jahrgang fürs erste tun mussten. Er habe sich für keinen Plan B entschieden, betont der ehemalige Kapitän der Karlsruher Junioren-Bundesligateams, er setze einen zweiten Plan A um. „Ich kann studieren, weiter auf einem professionellen Level Fußball spielen und habe immer noch die Möglichkeit, in den USA Profi zu werden“, erzählt er. Nächstes Jahr werde er Business Management studieren.

Noah Singelmann trägt die Rückennummer 4 im Team der Syracuse University Orange. Sie wurde international rekrutiert: So war der Trainer von Pittsburgh wegen Noah im April 2019 nach München geflogen, wo er den zuvor anhand von Videobildern ausgeguckten Fußballer und dessen Vater am Rande des KSC-Bundesligaspiels auf dem Campus des FC Bayern traf.

Der Trainer von Syracuse war mit gleicher Absicht nach Karlsruhe gekommen – und hatte die überzeugenderen Argumente.

Die Major League Soccer als Ziel

Ein Brasilianer, ein Schweizer, ein Costa-Ricaner, viele Kanadier und Talente vom ganzen Kontinent spielen zusammen mit Singelmann für Orange. Die erste Saison in der NCAA-Runde der besten 48 College-Teams beendete die bunte Truppe als 32., das Ziel sei es das nächste Mal, unter den Top-4-Teams der USA zu landen.

Auch wenn Syracuse im College-Sport vor allem durch seine Erfolge im Lacrosse und im Basketball nationales Ansehen genießt, so sei auch der Soccer vom College in Syracuse eine Qualitätsmarke. „Wir hatten in den letzten fünf Jahren die meisten Spieler im MLS-Draft“, berichtet Noah. Die Major League Soccer, sie ist auch sein Ziel.

Er hatte beim KSC als feiner Kicker gegolten, dessen Vorzug, im Mittelfeld flexibel einsetzbar zu sein, sich auch zu dessen Nachteil auswirkte. Als „integer und intelligent“ hat ihn der Karlsruher NLZ-Leiter Edmund Becker in Erinnerung behalten, diesen kerzengeraden Jungen, der am Heisenberg-Gymnasium trotz der vorbereiteten Sportkarriere das Abi mit einer 2,0 baute.

Nun, ein Jahr später, fühlt sich Noah in seinem Element. Zeit, sich zu viele Gedanken darüber zu machen, wie einschneidend seine Wahl für das Leben überm Teich war, hatte er nach seiner Landung im Herbst 2019 nicht gehabt. „Es war kein Problem reinzukommen, weil wir einen knackigen Spielrhythmus hatten: Samstag, Mittwoch, Samstag. Das nach einer kurzen Vorbereitungszeit von zwei Wochen.“

Nach zwei, drei Monaten gab es einen „kurzen Knick“. Heimweh, ja. „Aber niemals so, dass ich hier die Koffer packen und heimfliegen wollte“.

Der 2000er aus dem Wildpark

Die amerikanische Offenheit für Neues, sie habe ihn gepackt, sie erleichtere vieles. „So wie die Leute mit einem umgehen, ist es hier herzlicher als in Europa“, urteilt der Deutsche, der über Thanksgiving von der Familie eines Kommilitonen nach Baltimore eingeladen und sich dort aufgenommen fühlte „wie ein Familienmitglied. Es gab einen Turkey. Alles so, wie in einem Film“.

Die anderen aus seinem Wildpark-Jahrgang – sie sind zwangsläufig aus Noahs Augen, nicht aber aus dessen Sinn. Die gemeinsamen Jahre, verbracht mit einander ähnelnden Träumen vom großen Kick, sie bleiben ihr Kitt.

Als sich ihre U19-Zeit ohne Anschlussperspektive bei den Blau-Weißen dem Ende zuneigte, erfuhren sie nach und nach, woran sie waren. Vorher hatte man ihnen das meiste abgenommen. Nun, da sie die Grenke-Akademie verließen, waren sie auf sich allein gestellt.

KSC-Kollege Kaiser in Long Island

Eric Jansen, Luca Egolf (beide FCA Walldorf) und Mario Subaric (Greuther Fürth ll) fanden Regionalligaclubs, Egolf und Jansen kamen über Einsätze in Walldorfs Zweiter in der Verbandsliga noch nicht hinaus. Der Stürmer Stephan Mensah wurde im Winter vom Drittligisten Spvgg Unterhaching in die Regionalliga Bayern zum TSV Rosenheim verliehen.

Torwart Lukas Mai ist beim 1. CfR Pforzheim in der Oberliga gelistet, der beim KSC in der Zweiten Liga nie eingesetzte Malik Batmaz folgte im Winter Marco Pasalic ins Oberligateam des VfB Stuttgart. Und Dominik Kaiser, der Torwart, der kurz auch mal bei den Profis reinschnuppern durfte? Hat sich an der Nordküste von Long Island an der Stony Brook University in Position begeben, um es wie Singelmann zu versuchen.

Dominik Kother? Den habe er kürzlich hier gesehen, sagt Noah und schmunzelt. „Auf Sky, als als er mit dem KSC im DFB-Pokal in Saarbrücken ein- und nach 20 Minuten wegen Gelb-Rot-Gefahr wieder ausgewechselt wurde.“ Lehrgeld zahlt eben jeder auf seine Weise für den Traum. Sein eigener, da ist sich Noah Singelmann sicher, lebt in Syracuse auf.

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