Skip to main content

Ist Weglassen eine Option?

Von Hängebusen bis Schultermulden: Karlsruher Gesundheitsexpertinnen beantworten Fragen zum BH

In der Pandemie haben viele Frauen entdeckt, wie bequem es ist, auf den BH zu verzichten. Aber erschlafft so nicht das Brustgewebe? Und macht das der Rücken auf Dauer mit? Die Antworten von Karlsruher Expertinnen.

Frau von hinten mit einem schwarzen BH. Zu sehen sind Unterbrustband und Verschluss.
Sitzt er auch richtig? Das BH-Unterbrustband trägt die Hauptlast des Brustgewichts. Es sollte nicht zu eng sein, weil es sonst die Atmung einschränkt. Foto: Christin Klose/dpa

Den BH nehmen die meisten Frauen so selbstverständlich aus der Schublade wie die Unterhose. Aber manche lassen ihn auch weg – und in einigen Teilen dieser Welt ist er gar nicht üblich.

Was sind die Vor- und Nachteile des BH-Tragens? Erschlafft „ohne“ das Brustgewebe? Behindern Metallbügel die Durchblutung? Die medizinische Studienlage ist dünn.

Die Orthopädin Benita Kuni aus Karlsruhe sowie Sibylle Perez, Leiterin der Brustsprechstunde in der Klinik für Gynäkologie der Karlsruher ViDia-Kliniken am Standort Diakonissenkrankenhaus, und die Karlsruher Physiotherapeutin Natascha Seyfert beantworten die Fragen der BNN zum Thema BH.

Braucht man als Frau einen BH?

Nicht unbedingt. „Ich würde das immer vom subjektiven Komfort abhängig machen“, sagt Benita Kuni. Die Karlsruher Orthopädin, die auch an der Uniklinik Heidelberg lehrt, hat viel recherchiert, doch nur wenige Studien zum Thema gefunden. Die vorhandenen Daten legen aber nahe, dass es keine zwingenden orthopädischen Gründe gibt, einen BH zu tragen. Aufrichtende Rückenübungen können helfen, das Gewicht der Brust auszugleichen.

Was sind die Vorteile eines Büstenhalters?

Ein gut sitzender BH stützt das Brustgewebe und das Unterbrustband trägt die Hauptlast des Brustgewichts. Das wissen vor allem Frauen mit eher großen und schweren Brüsten zu schätzen. Nur wenige Frauen können sich Sport ganz ohne eine textile Unterstützung für die Brust vorstellen. Der Sport-BH verhindert eine zu starke und für manche Frauen auch schmerzhafte Auf-und-Ab-Bewegung der Brüste und das Wundscheuern der Brustwarzen an der Kleidung. Auch kosmetische Gründe können eine Rolle spielen, sagt Sibylle Perez, Leiterin der Brustsprechstunde in der Klinik für Gynäkologie der Karlsruher ViDia-Kliniken am Standort Diakonissenkrankenhaus: „Viele Frauen haben eine Asymmetrie, das heißt eine Brust ist ein bisschen größer als die andere. Oder sie sind nicht 100-prozentig zufrieden mit der Form ihrer Brust. Da ist der BH ein schönes Kleidungsstück, um kleine Schönheitsfehler zu korrigieren.“

Kann der BH Haltungsschäden verhindern?

„Man kann festhalten, dass ein gut sitzender BH einen positiven Beitrag zur Gesundheit leisten kann“, sagt die Karlsruhe Physiotherapeutin Natascha Seyfert. Gerade Frauen mit großem Busen hätten häufig eine nach vorne geneigte Körperhaltung, die zu vielen Folgebeschwerden im Schulter- und Nackenbereich führen könne. Orthopädin Kuni zitiert zwar eine Studie, die nahelegt, dass der Rundrücken mehr von Haltungsgewohnheiten als von Größe und Gewicht der Brust abhängt. Doch auch wenn die gekrümmte Haltung psychologische Gründe hat, gilt: Wer sich mit BH wohler fühlt, sollte einen tragen.

Kann er orthopädische Probleme verursachen?

Physiotherapeutin Natascha Seyfert verweist auf eine klinische Pilotstudie des Physiotherapeuten Konrad Forstinger, der zu dem Schluss kam, dass klassische BHs mit Unterbrustband die Beweglichkeit der Brustwirbelsäule verändern können. Auch Orthopädin Benita Kuni ist aufgefallen, dass immer wieder Frauen mit Wirbelsäulen-Blockaden im Bereich des BH-Verschlusses ihre Hilfe suchen. Allerdings sei dieser Teilabschnitt der Wirbelsäule auch anderweitig hohen Belastungen ausgesetzt – beispielsweise durch das Tragen schwerer Dinge.

Erschlafft die Brust ohne BH schneller?

Die Erzählung vom Hängebusen hat schon Generationen von Mädchen und Frauen ins tägliche BH-Tragen verschreckt. Doch was ist dran an der Behauptung? Darüber wird unter Experten immer noch diskutiert. Die Studienlage spricht aber dafür, dass insbesondere junge Frauen durchaus verzichten können, ohne negative Folgen für das Bindegewebe. „Es gibt sogar Hinweise darauf, dass zu frühes BH-Tragen kontraproduktiv sein kann“, zitiert Natascha Seyfert eine weitere Studie. Das Bindegewebe sei dann eventuell später zu schwach, den ausgewachsenen Busen zu tragen.

Können BHs Brustkrebs verursachen?

Obwohl es immer wieder gegenteilige Behauptungen gibt: Bis heute gibt es keinen belastbaren Hinweis darauf, dass das Tragen von BHs das individuelle Brustkrebs-Risiko erhöht. Gynäkologin Sibylle Perez gibt in diesem Punkt vollständige Entwarnung.

Was ist, wenn der BH nicht passt?

Schlecht sitzende BHs dagegen können sehr wohl ein Gesundheitsrisiko sein. „Bei zu kurzen oder nicht passgerechten BH-Trägern können nach Jahren Furchen in der Muskulatur des Schulter- und Nackenbereichs zurückbleiben“, sagt Orthopädin Benita Kuni. Und nicht nur äußerliche Folgen sind möglich: „Es kann auch dazu führen, dass die Durchblutung eingeschränkt ist oder Nerven eingeengt werden“, sagt Physiotherapeutin Natascha Seyfert. Ist das Unterbrustband zu eng, werde die Atmung behindert. Das mache müde und schlapp und habe negative Auswirkungen auf den gesamten Organismus.

Wie sollte der perfekte BH sein?

Er sollte bequem sein und passen. Die Expertinnen empfehlen einhellig eine Fachberatung beim Kauf. Hier einige Grundregeln: Das Unterbrustband etwa sollte gerade eng genug anliegen, dass die Hauptlast des Busens auf ihm ruht – und nicht an den Trägern hängt. Breite Träger verteilen die Belastung auf einen größeren Bereich der Schulter und verhindern so das Einschneiden. Nie sollte sich das Unterbrustband nach oben wölben. Gut passende Körbchen und etwaige Bügel umschließen die Brust, ohne sie zu komprimieren. Regelmäßig sollte man außerdem seine BHs daraufhin überprüfen, ob sie noch passen. Denn die Brust der Frau verändert sich im Lauf der Zeit. Nach der Menopause etwa brauchen manche Frauen einen größeren BH - ebenso wie in der Schwangerschaft und Stillzeit.

nach oben Zurück zum Seitenanfang