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Kaufrausch besiegt Vernunft

Black Friday lockt Kriminelle: Karlsruher E-Mail-Anbieter registrieren Anstieg der Online-Attacken

Black Friday und Cybermonday lösen derzeit nicht nur bei Anbietern und Schnäppchenjägern Hektik aus. Kriminelle nutzen es aus, wenn die Hemmschwelle zum Kauf sinkt. Karlsruher E-Mail-Anbieter warnen.

Zum Themendienst-Bericht von Annika Krempel vom 22. Juli 2021: über den Provider landet viel Spam schon im richtigen Ordner, manches geht aber doch durch.
Zum Themendienst-Bericht von Annika Krempel vom 22. Juli 2021: über den Provider landet viel Spam schon im richtigen Ordner, manches geht aber doch durch. Foto: Andrea Warnecke/dpa

Der Inflation ein Schnäppchen schlagen - diese Hoffnung verbinden viele in diesen Tagen mit dem Black Friday. Doch auch Online-Kriminelle verstärken in diesen Tagen ihre Attacken.

Die E-Mail-Anbieter Web.de und GMX registrieren in diesen Tagen einen Anstieg der Spam- und Phishing-Angriffe um rund 20 Prozent und warnen: „Spam und Phishing funktionieren besonders gut, wenn die Opfer unter Druck stehen.

Wenn man eine Mail mit einem richtig günstigen Angebot bekommt, schaut man eventuell nicht so genau hin oder wird unvorsichtig. Da passieren dann schnell Fehler oder man tappt in eine Falle, die man mit etwas mehr Ruhe sicher erkannt hätte“, warnt Arne Allisat, Chef der Sicherheitsdienste der beiden Anbieter.

Die Maschen: Paketdienst-Phishing und Fake-Gutscheine

Eine besonders beliebte Masche: das Paketdienst-Phishing. Die Opfer erhalten eine Phishing-Mail, die den Original-Benachrichtigungen von DHL, DPD, UPS oder Hermes zum Verwechseln ähnlich sieht.

Darin befindet sich ein Link mit einer Zahlungsaufforderung, um angeblich kleine Versandentgelte in Höhe von wenigen Euro zu begleichen. Die Angreifer erhalten so nicht nur das Geld, sondern greifen gleichzeitig die Zugangsdaten zum Onlinebanking oder zum PayPal-Konto ihrer Opfer ab.

Bereits die Aussicht auf ein tolles Schnäppchen aktiviert das Belohnungssystem im Gehirn.
Michael Rasimus, Duale Hochschule Karlsruhe

Auch sehr beliebt: Fake-Gutscheine. Hier wird vorgegaukelt, man könne sich einen besonders hohen Rabatt oder ein Guthaben bei einer großen Shopping-Plattform wie Amazon, Otto oder Zalando sichern. Dazu müsse man sich lediglich über einen Link in der E-Mail bei der jeweiligen Plattform anmelden.

Der Link führt dann auf eine Website der Betrüger, die auf den ersten Blick vom Original nicht zu unterscheiden ist. Meldet sich der User auf dieser Website an, gehen seine Zugangsdaten direkt an die Betrüger – die anschließend auf fremde Rechnung einkaufen können.

Was mit den Botenstoffe im Gehirn passiert

Am Black Friday wächst die Gefahr, einem Betrug aufzusitzen. „Bereits die Aussicht auf ein tolles Schnäppchen aktiviert das Belohnungssystem im Gehirn“, erklärt Michael Rasimus, Leiter des Eye Tracking-Labors der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Karlsruhe.

Seine Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften und der Konsumentenforschung: Die Wechselwirkung von Botenstoffen im Gehirn wie Dopamin und Endorphinen lasse die Kundschaft regelrecht zu Jägern und Jägerinnen werden. „Sie ruft wahre Glücksgefühle hervor.“

Andere Hirnregionen, die sonst rational und vernünftig handeln lassen, seien derweil deutlich weniger aktiv. „Der Begriff Kaufrausch ist gar nicht so unpassend, denn es handelt sind um die gleichen Prozesse, durch die auch Rauschmittel ihre Wirkung entfalten“, sagt Rasimus.

Menschen haben Angst etwas zu verpassen

Dazu kommen Trigger-Reize, wie Rasimus erläutert. Preisschilder in grellen Signalfarben ziehen magisch an. Das sei durch Blickverlaufsanalysen, das sogenannte Eye Tracking, nachweisbar.

Die Erwartungshaltung an den „Black Friday“ sei zudem besonders hoch, da er bereits Wochen zuvor intensiv beworben und von vielen mit großer Spannung herbeigesehnt werde. „So entsteht der FOMO-Effekt“, erläutert Rasimus. Die Abkürzung steht für „fear of missing out“, also die Angst, die besten Rabatte an diesem Tag zu verpassen.

Gesteigert werde dieser Effekt durch die Faktoren Verknappung und Dringlichkeit, da die besten „Deals“ limitiert und nur für kurze Zeit verfügbar sind.

Barzahlung steigert Preisschmerz

Verbraucherschützer warnen seit langem, sich durch solche Tricks nicht unter Druck setzen zu lassen. Auch Rasimus rät, vermeintliche „Top-Deals“ immer nochmal kritisch zu prüfen und zu vergleichen.

„Wer sich selbst kontrollieren möchte, sollte aus psychologischer Sicht die Einkäufe sofort und in bar begleichen“, empfiehlt er. Kreditkarten und andere indirekte Zahlungsmethoden verminderten den sogenannten „Preisschmerz“ beim Bezahlen deutlich. „Dadurch wird der Verlust des Geldes nicht unmittelbar spürbar und wir neigen dazu, noch mehr einzukaufen.“

Bar ist im Netz aber schwierig. Aktionstage wie Black Friday oder die Cyber Week sind die umsatzstärksten Tage im Online-Handel. Wie der Branchenverband Bitkom in einer Umfrage mit mehr als 1.000 Internet-Usern ermitteln ließ, wollen 64 Prozent der Online-Shopper die entsprechenden Angebote in diesem Jahr nutzen und auf Schnäppchenjagd gehen – davon 46 Prozent im Netz und nur fünf Prozent im stationären Handel.

13 Prozent wollen sowohl stationär als auch online Black-Friday-Angebote wahrnehmen. Weitere 13 Prozent sind noch unentschlossen. Für 24 Prozent spielen Black Friday und die Cyber Week keine Rolle.

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