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Erinnerungskultur

Bücherverbrennung in Baden-Württemberg: Fotograf dokumentiert Orte

Der Fotograf Jan Schenck sucht und fotografiert Orte, an denen Nationalsozialisten 1933 Schriften in das Feuer warfen. Es finden sich immer mehr. Nun reist er nach Baden-Württemberg.

Die Alsterschwimmhalle in Hamburg vor ihrem Umbau: Hier verbrannten Nationalsozialisten am 30. Mai 1933 Bücher. Foto: Jan Schenck

Es ist ein unerreichbares Ziel, das sich Jan Schenck gesetzt hat. Der 40 Jahre alte Fotograf aus Niedersachsen sagt das selbst. Doch aufhören wird er nicht. In Hamburg, Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Sachsen und Sachsen-Anhalt hat er Orte ausfindig gemacht und fotografiert, an denen Nationalsozialisten 1933 Bücher von als „undeutsch“ diffamierten Autoren verbrannten.

Sie warfen Sigmund Freuds „Die Traumdeutung“ auf Scheiterhaufen, Albert Einsteins „Relativitätstheorie“ und Schriften Rosa Luxemburgs.

In Karlsruhe am Schloss steht eine Stele, eine Schautafel, die auf das Verbrechen hinweist. Wenn Schenck zwischen dem 25. Januar und dem 8. Februar durch Baden-Württemberg reist, wird er Orte wie das Schloss besuchen. Auch in Bruchsal, Pforzheim und Offenburg will er fotografieren.

In Karlsruhe verbrannten Nazis die Bücher vor dem Schloss

Einzelne Besucher laufen über das Kopfsteinpflaster vor dem Karlsruher Schloss. Glocken läuten, die Musikanlage der „Eiszeit“ ist zu hören. Mitten auf dem Schlossplatz, zwischen den Grünflächen auf der Straße, die Richtung Innenstadt führt, stapelten Anhänger der Hitlerjugend 1933 Bücher und Broschüren.

Zuvor, am 14. Juni, waren sie durch die Kaiserstraße zum Marktplatz gezogen. Aus Buchhandlungen und Bibliotheken raubten sie Werke. „Heraus mit Schmutz und Schund! Lest deutsche Dichter!“, sollen sie gerufen haben.

Am 17. Juni, gegen 20.30 Uhr, zündeten Feuerwehrmänner den Haufen an, wie die „Badische Presse“ festhielt. Ein Spielmannszug musizierte. Auch in Durlach, damals noch nicht eingemeindet, Pforzheim, Offenburg, Wertheim, Kehl und Emmendingen verbrannten Schergen des NS-Staats am diesem Tag Bücher.

Schenck ist Antifaschist, immer wieder sagt er das. Schon als Jugendlicher beschäftigte er sich mit dem Nationalsozialismus. Später las er „Das Buch der verbrannten Bücher“ des Journalisten Volker Weidermann.

Als Junge schwamm Schenck in der Hamburger Alsterschwimmhalle. Wo mittlerweile die Halle steht, brannten 1933 Schriften. Er begann, Plätze wie diesen aufzusuchen und zu fotografieren. Ein Parkhaus, ein Theater und ein Fußballplatz sind auf seinen Bildern. „Ich will zeigen, wie die Orte heute genutzt werden“, sagt er.

Jan Schenck arbeitet mit Zeitzeugen und ihren Hinterbliebenen zusammen

Schencks Projekt „Verbrannte Orte“ gibt es seit 2013. Geld verdient er als Erlebnispädagoge. Einfach sei es mit der finanziellen Förderung nicht. Auch habe ihm zwischendurch die Zeit gefehlt, seinen Alltag zu bewältigen. Rund drei Jahre lang vernachlässigte er deshalb das Projekt. Ein Ereignis änderte das: Mit dem Erstarken der Alternative für Deutschland begann er mit neuer Kraft, an dem Projekt zu arbeiten.

Zwischen März und Oktober 1933 brannten 102 Mal Scheiterhaufen mit Büchern in mehr als 90 deutschen Städten. Das ist die Zahl der Bücherverbrennungen, zu denen sich bislang Dokumente haben finden lassen, laut einer Website des Potsdamer Moses-Mendelssohn-Zentrums. Das ist ein Forschungsinstitut, auf welches die Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestags verweisen.

Schenck glaubt, dass es noch viele weitere Städte gibt, in denen 1933 Bücher verkohlten. 150, also rund 60 weitere als bislang bekannt, hat er bislang mit Archivaren und Historikern gefunden und in der Online-Karte verbrannte-orte.de dokumentiert. Die ist mittlerweile gepunktet wie ein Fliegenpilz. Mit der Recherche ist es ein wenig wie mit einem Wimmelbild: Je länger Schenck sucht, desto mehr findet er nach und nach. Und je bekannter das Projekt wird, desto mehr Zeitzeugen und ihre Hinterbliebenen melden sich mit Hinweisen.

Der Wissenslücke muss nachgegangen werden.
Jürgen Schuhladen-Krämer, Stadtarchiv Karlsruhe

Jürgen Schuhladen-Krämer ist Historiker, er arbeitet im Stadtarchiv Karlsruhe. Für die Stele, die am Schloss steht, ist er verantwortlich. „Ich finde Schencks Projekt unterstützenswert“, sagt er. Wie Schenck ist er überzeugt, dass es Bücherverbrennungen gab, die bislang nicht dokumentiert worden sind. In einigen Orten sei noch nicht recherchiert worden, vermutet er. „Der Wissenslücke muss nachgegangen werden.“

Wie viele Bücher die Nationalsozialisten 1933 verbrannten, ist nicht bekannt. Allein bei der zentralen Veranstaltung in Berlin am 10. Mai 1933 waren es Schätzungen zufolge zwischen 20.000 und 25.000 Bände, die Studenten und Professoren ins Feuer warfen. An dem Tag gab es in 22 Hochschulstädten gleichzeitig Bücherverbrennungen.

Karlsruher Historiker wünscht sich Hinweise auf Bücherverbrennungen

Misteln hängen in den Bäumen am Schlossplatz in Durlach. Vor einer Corona-Teststation, die in einem Container untergebracht ist und auf dem Platz wie ein Fremdkörper wirkt, stehen Menschen an. Eine Tafel, die auf die Bücherverbrennung am Gefallenendenkmal hinweist, gibt es nicht. Schenck findet, ein Ort wie der Schlossplatz sollte nicht überfrachtet werden.

Aber Hinweise auf Bücherverbrennungen wünscht er sich doch. Schenck wird weitersuchen. Er wird nach Bayern reisen und fotografieren. Nächstes Jahr macht er eine Wanderausstellung. Und auch ein Buch möchte er veröffentlichen. „Fertig werde ich mit der Suche wohl nie“, sagt er. „Sie ist ein Lebensprojekt.“

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