Skip to main content

Nie ungeschützt auf dem Platz

Charakteristischer Carbon-Helm: Wie aus dem KSC-Profi Roßbach "Helmut" wurde

Am Samstag bei de 1:3-Niederlage des Karlsruher SC beim 1. FC Heidenheim sah man ihn wieder. Damian Roßbach wurde für den verletzten Dirk Carlson eingewechselt. Als seine Einwechslung feststand, sah man Roßbach an der Seitenlinie bereit stehen - letzte Handlung vor dem Betreten des Platzes: Der Fußballer zog seinen Schutzhelm auf. Die Geschichte, wie er zu seinem Bodyguard wurde, ist eine schmerzhafte.

Damian Roßbach Foto: GES

Am Samstag bei der 1:3-Niederlage des Karlsruher SC beim 1. FC Heidenheim sah man ihn wieder. Damian Roßbach wurde für den verletzten Dirk Carlson eingewechselt. Als seine Einwechslung feststand, sah man Roßbach an der Seitenlinie bereit stehen - letzte Handlung vor dem Betreten des Platzes: Der Fußballer zog seinen Schutzhelm auf. Die Geschichte, wie er zu seinem Bodyguard wurde, ist eine schmerzhafte.

Es klingt makaber, aber für Damian Roßbach gehörte das zur Verarbeitung: Vom Videoanalysten des SV Sandhausen ließ er sich das Filmmaterial von seinem Unfall geben. „Ich habe die Bilder auf einem alten Handy. Tief vergraben. Man hört auch den dumpfen Schlag. Eklig“, erzählt der Fußballer.

Zum Thema:

Den Mitschnitt jener dramatischen Momente des 19. Oktober 2017 im Training des Zweitligisten SV Sandhausen braucht er nicht. Der Film ist in seinem Kopf abgespeichert. Wenn der Profi des Karlsruher SC darüber redet, warum er nie ohne Schutzhelm verteidigt, sieht er den langen Ball vom Torwart wieder heranfliegen.

Ich wollte sagen, dass mein Ohr zu ist, Aber als ich sprechen wollte, kam nur `Näwänä´ heraus

Damian Roßbach vom Karlsruher SC

„Ich gehe gegen Max Janssen ins Kopfballduell. Wir sehen uns nicht. Ich treffe den Ball, er mit wahnsinniger Power mich. Ich habe gleich gemerkt, dass irgendwas nicht stimmt“, erzählt der 27-Jährige.

Eine Blutung zwischen Knochen und Hirnhaut

Von den Momenten danach ergibt sich für ihn durch Erzählungen damaliger Kollegen ein Bild. Demnach habe er zunächst auf dem Boden gesessen, die Arme seltsam verkrampft vor seinem Körper gehalten, seine Augen hätten leer und in verschiedene Richtungen geschaut. „Ich bekam zwar mit, was die Jungs geredet haben, aber ich war in einer anderen Welt“, erzählt Roßbach das, was er erfasste.

Sein Körper habe sich schockstarr angefühlt: „Ich wollte sagen, dass mein Ohr zu ist. Aber als ich sprechen wollte, kam nur ’Näwänä’ heraus.“

Die gewaltige Erschütterung hatte das Sprachzentrum betroffen. Die Schock-Diagnose: Janssen, der heute für den MSV Duisburg spielt, hatte mit seiner Stirn Roßbachs Kalotte, dickste Stelle des Schädels, gebrochen. In Roßbachs Kopf bildete sich ein epidurales Hämatom, eine Blutung zwischen Knochen und harter Hirnhaut. Das erfuhr er erst eine Woche später in Heidelbergs Kopfklinik.

Noch am selben Abend fuhr man ihn in den OP-Saal. Eineinhalb Stunden dauerte der Eingriff, bei dem man ein Stück Schädelknochen durch Titan, Zement und Schrauben ersetzte.

Eine Ärztin erfasst die Tragweite nicht

Zu jenem schicksalhaften Oktobertag zählt für Roßbach die Erstversorgung in der Kopfklinik. Vom Trainingsgelände hatte man ihn und Janssen dorthin gebracht. Eine Assistenzärztin stellte Fragen, betastete die Köpfe, führte Tests durch. Doch Röntgen- oder MRT-Bilder hielt sie nicht für nötig. Roßbach ist bis heute fassungslos darüber.

Nach sieben Stunden durfte er heim. Janssen auch. Der hatte Glück, blieb unverletzt.

Zwei Tage lag er danach daheim im abgedunkelten Raum, versuchte trotz starker Kopfschmerzen zu schlafen. Gefühle der Taubheit in der rechten Hand stellten sich ein. Dass er die Gabel nicht halten konnte – er verdrängte es.

Seiner Freundin fiel auf, wie vergesslich er war. „Was ist denn mit dir los?“, fragte sie. Das sollte sich erst herausstellen, als Roßbach nach einer Woche wieder trainieren wollte, der skeptische Sandhäuser Teamarzt ihn aber vorher ins CT schickte.

Die Botschaft: Mit dem Fußball ist es aus

Eines hat ihn nicht losgelassen. „Der Gedanke, dass meine künftige Frau damals eines Morgens aufgewacht wäre und ich hätte nicht mehr reagiert.“ Als er nach sechs Wochen in der Berufsgenossenschaftlichen Klinik in Ludwigshafen vorstellig wurde, habe ihn der Arzt gefragt, was er wolle. Mit dem Fußball sei es vorbei.

Roßbach macht das wütend. Er suchte Rat in der Universitätsklinik in Leipzig, bei Dr. Jürgen Meixensberger, einem Spezialisten für Hirn-Traumata. Der sagte: „Mit Carbon-Helm, kein Problem.“

Um sich zu informieren, schrieb Roßbach Klaus Gjasula vom SC Paderborn an, der seit einem Jochbogenbruch 2013 behelmt spielt. Zur Maßanfertigung seines Exemplars streifte man Roßbach eine Sturmhaube über, danach gipste man seinen Kopf ein.

Sein Schutz wiegt etwa 300 Gramm. Zur Geschichte gehört: Ein halbes Jahr nach dem Unfall feierte er sein Comeback im Sandhäuser Trikot. Sein erstes Kopfballtor erzielte er im Februar 2019 für den KSC gegen Fortuna Köln.

Manchmal schmerzt der Kopf noch

Roßbach trägt seinen Helm in einer Netztasche mit sich. Seine Künftige neckt ihn ab und an, indem sie ihn „Helmut“ ruft. Und sowohl von ihr als auch von den Eltern kommen besorgte Nachfragen, sobald sie ihn auf Trainingsbildern im Internet ohne Schutz kicken sehen. „Nur bei Trainingsformen ohne Zweikämpfe“, erklärt er dann.

Als sein Teamkollege Dirk Carlson in der Partie gegen den VfL Osnabrück vom Platz getragen wurde, zuvor mit voller Wucht vom Fuß eines Gegenspieles am Kopf getroffen , verspürte der gesperrte Roßbach auf der Tribüne „Gänsehaut am ganzen Körper“.

Das Spiel werde immer rauer, findet er, „immer brutaler“. Das Geld. Der Druck. „Wenn man absteigt, ist man für viele der Vollidiot. Wer will das schon sein?“

Heute könne er über vieles lachen. Manchmal habe er noch Kopfweh. Dann klopft er auf seinen Helm. Der Bodyguard ist Roßbach so etwas wie ein guter Freund geworden.

nach oben Zurück zum Seitenanfang