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Jubiläum der Stripp-Götter

Die Chippendales: Fleisch gewordene Frauen-Fantasie

Die Chippendales: Seit 40 Jahren sind die Stripp-Götter aus Las Vegas Fleisch gewordene Frauen-Fantasie. In einer alten Rock-’n’-Roll-Bar in Kalifornien fing alles an. Mittlerweile touren mehrere Crews der professionellen Selbstentkleider um den Globus.

Viel nackte Haut und reichlich Show: Seit 40 Jahren touren die „Chippendales“ um die Welt und begeistern ihr vorwiegend weibliches Publikum. Foto: Imago Images/ Jelinek
Die Chippendales: Seit 40 Jahren sind die Stripp-Götter aus Las Vegas Fleisch gewordene Frauen-Fantasie. In einer alten Rock-’n’-Roll-Bar in Kalifornien fing alles an. Mittlerweile touren mehrere Crews der professionellen Selbstentkleider um den Globus: Ihr Erfolgsrezept: die makellosen Körper gekonnt in Szene zu setzen, sich aufreizend der Klamotten zu entledigen und doch ein letztes Fünkchen Geheimnis zu wahren.

Die Chipps: Männer für gewisse Stunden

Immer das Gleiche seit nunmehr 40 Jahren: Frauen kichern – mal auffallend schrill, mal reichlich verschämt. Männer stänkern – weil die Herrentruppe jeden handelsüblichen Kerl ziemlich alt aussehen lässt. Wem beim Begriff Chippendales verschnörkelte Tischfüße, edle Bücherregale oder sanft geschwungene Sofas einfallen, eben sehr teures Mobiliar fürs heimische Wohlfühlambiente, hat die vergangenen Jahrzehnte ganz offensichtlich verpennt.

Fliege und Manschette sind das Markenzeichen der Stripp-Götter aus Las Vegas. Foto: dpa

For Ladies only

Dem Rest, vor allem dem weiblichen, der sich in den 80er Jahren „Ein Mann für gewisse Stunden“ und in den späten 90ern „Sex and the City“ reingezogen hat, kommen im Kopfkino eher gut geölte Männerkörper, gestählte Bauchmuskeln und zerrissene Beinkleider sowie Achselshirts in den Sinn, um die sich ein kreischender Haufen wie eine ausgehungerte Hundemeute balgt – als gelte es den Moment der Verzückung mittels Jagdtrophäe zu konservieren.

Wer keinen Fetzen des durchgeschwitzten Leibchens ergattert hatte, tröstete sich mit einem gemeinsamen Foto mit dem gut gebauten Muskelprotz – für ein paar Mark zusätzlich. Man gönnt sich ja sonst nichts, wenn die „Chipp“, wie sie sich selbst liebevoll nennen, im Land sind.

Veranstaltungstipp: Am 12. November gastiert die Fleisch gewordene Frauen-Fantasie im Karlsruher Konzerthaus.

Sie müssen Muskeln haben, sollen aber auch tanzen können - die Chipps. Foto: None

Viel nackte Haut und lasziv kreisende Hüften

Wer sich die Show der Strippgötter aus Las Vegas reinzieht, sollte wahrlich keine scheue Mimose sein, schon gar keine moralinsaure Tugendwächterin, der viel nackte Haut, lasziv kreisende Hüften und die inszenierte Inbetriebnahme eines einzelnen Körperteils die Schamesröte ins Gesicht treibt – trotz der zwei Gläser Prosecco im Foyer zur Auflockerung.

Vor allem dürfen die Weibsbilder – und die füllen zu 99 Prozent die Säle, in denen die „Chippendales“ auftreten – keine Berührungsängste haben: Jede Zuschauerin ist eine potentiell freiwillige Mitspielerin. Wenn zarte Frauenhände straffe Brustmuskel von beachtlicher Körbchengröße streicheln, ist Kreischalarm wie bei Teenie-Idolen angesagt. Wenn stoffbedeckte Hintern betatscht werden dürfen, geraten selbst grauhaarige Omis in hormonelle Hitzewallung.

Schlüpfrige Mitmachnummern

Die Mutigen, die keinerlei Hemmschwelle kennen, stellen sich schlüpfrigen Mitmachnummern, aus deren Zutaten man mühelos partykellertaugliche Männerwitze stricken kann – vorausgesetzt man heißt Mario Barth. Unter den johlenden Anfeuerungsrufen ihrer Geschlechtsgenossinnen dürfen die Auserwählten mit Bananen und Kondomen hantieren, am Objekt ihrer Begierde rumschubbern und sich schließlich symbolisch flachlegen lassen. Das Klatschvotum des Publikums sieht am Ende nicht etwa jene vorn, die beim Sex oben auf sein will und sich den Kerl schnappt wie den Hauptgewinn auf dem Rummelplatz. Sondern es gewinnt jene, die dem Manne untertan ist. Die Fantasie der Show besteht also in dem millionenfach variierten Script konventioneller Pornos. Er bestimmt, was gemacht werden darf; ihr bleibt nur die Rolle der gierigen Novizin.

Ob Großstadt oder Provinz: Die Herren, die Frauen jeden Alters zum Ausrasten bringen, füllen noch immer die Hallen. Auf den ersten Blick wirken die attraktiven Adonisse reichlich antiquiert, ist doch der nächste wohldefinierte Waschbrettbauch nur einen Mausklick entfernt – man gebe nur mal die Hashtags gymboy oder shirtless in die Suchmaske bei Instagram ein.

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Die Chippendales: antiquiert oder up to date?

Nackte Männerkörper, oft großflächig tätowiert, hüpfen zur besten Sendezeit über den heimischen Bildschirm, wenn Privatsender paarungswillige Singles, hüllenlos wie Gott sie schuf, aufeinander loslassen. Die „Chipps“ setzen da eher auf Imagination: Bevor das letzte Kleidungsstück fällt, geht meist das Licht aus. Oder es findet sich auf wundersame Weise ein Hut auf irgendeinem Mikrofonständer. Auch wenn manche Zuschauerin nach der Show felsenfest behauptet, „etwas“ gesehen zu haben.

Für jeden Geschmack der passenden Typ: Die „Chippendales“ ähneln einer Boyband. Foto: Karp for DEAG

Kreischalarm ab der ersten Sekunde

Die Damenwelt stört das nicht. Noch bevor das erste Unterhemd ruckartig vom Leib gerissen wird und die erste Hose auf die Knöchel sinkt, um stramme Muskeln und einen ziemlich eng sitzenden Slip zu präsentieren, wird gejohlt, gekreischt und anerkennend gepfiffen. Wenn sich die Tänzer routiniert wie Michael Jackson zu seiner besten Zeit in den Schritt greifen, die Hüften kreisen lassen oder den Missionar mimen, steigert sich der Lärmpegel zu Orkanstärke. Dass die Typen zwar reichlich Zeit in der Muckibude verbringen, aber nicht jeder „Chipp“ ein zweiter Nurejev ist, schmälert keineswegs das Vergnügen der Damenwelt.

Eine Höhle voller Frauen

Für die Mädels mit Krönchen, die den Junggesellinnenabschied feiern, die Damen des Kegelclubs und die gestandenen Mittfünfzigerinnen, die so was Knackiges schon lange nicht mehr daheim haben, ist das ungehemmte Miteinander wichtiger als jeder Sixpack. „Das muss man einfach mal erlebt haben“, ist die vorherrschende Meinung in dieser Höhle voller Frauen. Die Show in einem geschützten, gesellschaftlich tolerierten Rahmen ist sozusagen das Pendant zum abendlichen Abstecher der Kumpels in den Stripclub im Industriegebiet.

Die Fetzen fliegen. Zerrissene T-Shiurts gehören zum Programm der Chippendales und finden dankbare Abnehmerinnen. Foto: dpa

Fliege und Manschette als Markenzeichen

Es sei eine „anspruchsvolle, erotische Unterhaltungsshow“, sagen die professionellen Selbstentkleider über ihren Auftritt – wobei der Anspruch allein darin zu bestehen scheint, dass sich die lasziv aus den Klamotten schälende Truppe stets mit Fliege um den Hals und Manschette um das Handgelenk präsentiert. Diese beiden Insignien eines Gentlemans gehören ebenso zur Choreografie wie die gut geölte Brust.

Für jeden Geschmack der passende Tänzer

Dass das Rezept überhaupt noch aufgeht, ist auch dem Umstand geschuldet, dass bei der Auswahl der Tänzer peinlich genau darauf geachtet wird, dass für jeden Frauengeschmack etwas dabei ist. In der strippenden Boy-Band gibt es den langhaarigen Beau, den blonden Bubi, den dunkelhäutigen Macho, den feurigen Latin Lover und den heißen Typen aus dem Coca-Cola-Werbesport, der die braven Sekretärinnen im Großraumbüro ausrasten lässt.

Von Nummer zu Nummer schlüpfen die Tänzer nicht nur aus den Klamotten, sondern stets in neue Rolle, mimen mal den hart schuftenden Bauarbeiter, mal den martialischen Polizisten mit Handschellen, mal den stolzen Soldaten, der die Stars and Stripes auf der Haut trägt. Als die Chippendales vor Jahren die Offiziersnummer aus dem Programm warfen, beschwerten sich die Fans.

Wie ein Hollywood-Thriller

Über die Chippendales mögen Fans und Kritiker denken, was sie wollen: verrückt, witzig, peinlich, unterhaltsam, überflüssig. In Zeiten von #MeToo könnte man auch die Frage stellen, ob eine solche Show, in der nicht die Frau, sondern der Mann zum Objekt degradiert wird, nicht tumben Sexismus bedient. Die Gründungsgeschichte der strippenden Muskelpakete ist mindestens so spannend wie ein Hollywood-Thriller, nicht nur weil sie vom Aufstieg eines indischen Immigranten erzählt, sondern weil dessen Vita all jene düsteren Zutaten aufweist, nach denen sich Filmproduzenten in Los Angeles die Finger lecken.

Er ist als Gaststar bei der diesjährigen Tour dabei.: Paul Janke, Ex-«Bachelor». Foto: dpa

Stripp in einer alten Rock-’n’-Roll-Bar

In Bombay verdiente sich Somen Banerjee als Drucker seine Brötchen, doch im Kalifornien der 70er Jahre musste es schon eine alte Rock-’n’-Roll-Bar sein, wo sich Frauen Schlammschlachten lieferten und Herren bei der „Exotic Dance Night for Ladies Only“ auftraten. Der Chippendales-Club wurde die erste Bar in den USA, wo sich Männer auszogen.

Drogen und Mordversuche

Somen Banerjee, der sich nun „Steve“ nannte, machte aus seinen Jungs ein florierendes Unternehmen. Weitere Clubs folgten. Mehrere Teams der Stripp-Götter tourten durch die Welt. Ende der achtziger Jahre waren die „Chippendales“ eine feste Größe. Die Kalender, die sie produzierten, verkauften sich pro Jahr mehr als eine Million Mal, die Shows brachten 25 000 Dollar die Woche ein. Hinter der Glitzerfassade ging es allerdings um Drogen, Diskriminierung und Mordversuche an Ex-Chippendales, die mit ihren Show-Acts dem ehemaligen Chef Konkurrenz machten.

Banerjees amerikanischer Traum zerbrach, als er sich mit seinem Choreographen Nick DeNoia zerstritt. Der New Yorker war der Mann hinter dem Konzept: von einer glamourösen Gala mit makellosen Männern, die sich perfekt zur Musik bewegten und alle Frauengeschmäcker bedienten. Im April 1987 wurde DeNoia, durch einen Revolverschuss getötet. Für das ermittelnde FBI war klar: Banerjee hatte den Mord an seinem Partner in Auftrag gegeben. Das Gericht wollte ihn zu einer 26-jährigen Haftstrafe verurteilen, doch bevor das Urteil verkündet wurde, erhängte sich der 47-Jährige in seiner Zelle.

"Let`s Misbehave" mit Paul Jahnke

The show must go on. Wer eine Karte für die diesjährige Tournee mit dem Motto „Let’s Misbehave“ erworben hat (Kostenpunkt mindestens 50 Euro), darf sich deshalb auf nahtlos gebräunte Schönlinge, auf Bizepsmuskeln mit dem Umfang eines durchschnittlichen Männerbeines und auf rhythmisch zuckende Brustkörbe freuen. Und natürlich auf Paul Janke. Sollte ihnen dieser Name kein Begriff sein, so haben sie offensichtlich die zweite Staffel des „Bachelors“ auf RTL verpasst. Damals durfte sich der ehemalige Mister Hamburg als Rosenkavalier inszenieren. Jetzt geht es ihm an die Unterwäsche. Am Ende der Show werden wieder alle glücklich sein: der Veranstalter, die Chipps und natürlich die Damen.

Gewinnspiel: Sie sind über 18 Jahre alt und wollen Sie live dabei sein, wenn die Chippendales am 12. November im Karlsruher Konzerthaus die Hüllen fallen lassen? Wenn ja, dann beteiligen Sie sich an unserer Verlosung von 5x2 Eintrittskarten. Zuvor gilt es eine Frage zu beantworten: Wie hieß der Gründer der Show, der die Sexgötter auf die Bühne brachte? Schicken Sie uns eine Mail mit der hoffentlich richtigen Antwort an folgende Adresse: redaktion.faecher.gewinnspiel@bnn.de Bitte vergessen Sie Ihre Anschrift nicht, damit die Karten rechtzeitig zugeschickt werden können. Der Einsendeschluss ist der 1. November 2019. Viel Glück!

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